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Bauteilemangel bremst Automarkt

So erklärt die Halbleiterbranche die Lieferengpässe

29. Januar 2021, 16:34 Uhr   |  Engelbert Hopf

So erklärt die Halbleiterbranche die Lieferengpässe
© Lenny Kuhne on Unsplash

Wegen Lieferengpässen im Halbleiterbereich mussten europäische und amerikanische Automobilhersteller zuletzt an einzelnen Standorten ihre Produktion an die jeweilige Versorgungssituation anpassen und drosseln.

Wie eine aktuelle Umfrage der Markt& Technik unter führenden Halbleiter- und Bauelementeherstellern zeigt, lassen sich die Gründe für diese Entwicklung nicht auf nur ein Problem reduzieren.

»Manche Kunden haben zu spät bestellt«, hatte Kurt Sievers, Vorstandsvorsitzender von NXP, bereits vor Kurzem festgestellt. Dass sich das Problem nicht kurzfristig lösen lassen wird, hat Sievers auch bereits klar gemacht: »Von der Produktion komplexer Chips bis zur Lieferung dauert es drei Monate oder mehr.« Nun ist der Automobilmarkt aber nicht das erste Anwendersegment, das in den letzten Wochen und Monaten mit Engpässen in der Halbleiterversorgung konfrontiert war. Unter ähnlichen Problemen litt auch die Markteinführung der Playstation 5 von Sony. Es war nicht möglich, sie in ausreichender Zahl für das Weihnachtsgeschäft zu fertigen.
Aufseiten der befragten Halbleiterhersteller wird die aktuelle Marktsituation bestätigt; damit verbundene unterschwellige Schuldzuweisungen aus der Automobilbranche werden jedoch zurückgewiesen.

»Ein gewisses Wachstum in der Automobilproduktion im Jahr 2021 ist erwartet und in unseren Planungen berücksichtigt«, versichert Fabian Schiffer, Pressesprecher bei Infineon Technologies. Entsprechend passe man die globalen Fertigungskapazitäten an. »Wir erhöhen unsere Investitionen dazu im Geschäftsjahr 2021 auf 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro gegenüber 1,1 Milliarden Euro im Vorjahr.«

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© Rohm Semiconductor

»Die Nachfrage ist wieder auf einem sehr hohen Niveau; je nach Produkt haben wir Aufträge erhalten, die unsere Kapazitäten übersteigen«

Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Automotive bei Microchip Technology, legt Wert auf die Feststellung, dass es sich um seine persönliche Meinung und kein offizielles Statement von Microchip handelt. Er betont, dass der Bedarfsanstieg auf den Produktions-Forecasts der Autohersteller basiert. »Inwieweit diese den tatsächlichen Marktbedarf widerspiegeln, ist schwer zu beurteilen.« Den Bedarf in Asien, China und USA hält er für realistisch, in Europa hätte es aber nur im September ein kleines Wachstum gegeben, das dann wieder ins Negative umgeschlagen sei.

Und Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors, ergänzt: »Die Nachfrage nach Fahrzeugen ist in Europa und USA nach wie vor nicht auf dem Vor-Corona-Niveau. Und der chinesische Markt ist zwar stark gewachsen, aber noch nicht auf dem Spitzenniveau von 2018 angekommen.«

»Je nach Produkt haben wir Aufträge erhalten, die unsere Kapazitäten übersteigen«, erklärt Toshimitsu Suzuki, President von Rohm Semiconductor. In Europa sieht er die Gründe dafür »in der wachsenden Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und Fahrerassistenzsystemen sowie der schnellen Markterholung im Automobilsektor«. Er verweist aber auch darauf, dass die Rückkehr der starken Marktnachfrage nicht nur aus der Automobilindustrie komme. Eines der Probleme vor allem der deutschen und europäischen Automobilbranche – auch das macht die Befragung deutlich – dürfte damit zu tun haben, dass die Aufträge erst im 4. Quartal 2020 und teilweise erst im Dezember nach oben gefahren wurden.

»Seit Dezember haben unsere Kunden die geplanten Mengen um 10 bis 25 Prozent erhöht«, so Rothhaupt. »Unsere Endkunden kommen im Automotive-Bereich im Wesentlichen aus dem Segment der Premiumfahrzeughersteller.« Rothhaupt versichert, Inova habe sich schon im November bei seinen Foundries abgesichert: »Wir sind ein relativ kleiner Hersteller und konnten den geplanten Bedarf für 2021 sichern.« Er weist aber auch darauf hin, »dass wir hören, dass manche Halbleitertechnologien versteigerungsähnlich verteilt werden«. Rothhaupt geht kurzfristig, bis in den Herbst 2021, im Automotive-Segment von einer anhaltend hohen Nachfrage aus.

»Kurzfristige Neuanfragen sind derzeit sicherlich schwierig zu bedienen«, meint Peter Lieberwirth, Vice President Marketing & Operations bei Toshiba Electronics Europe. Er weist darauf hin, dass die Marktforscher von Gartner für 2021 von einem Wachstum des globalen Halbleitermarktes von 11,6 Prozent ausgehen, nach 7,3 Prozent im Vorjahr. Angesichts der auf allen Abnahmemärkten steigenden Nachfrage sieht er auch bei Toshiba eine Tendenz zu steigenden Lieferzeiten: »Wir stehen in enger Absprache mit unseren Kunden, um die Bedarfe langfristig zu klären.«

Johan Vandoorn, CTO and Deputy to the CEO bei Vishay, geht aktuell von einem kurzfristigen Bottleneck aus. »Unsere Industrie hat in der Zeit von 2017 bis 2019 die Produktionskapazität schließlich substanziell erhöht.« Er verweist darauf, dass Vishays Halbleiteraktivitäten nichts mit dem zu tun haben, was sich am Markt unter Prozesstechniken von 90 nm abspielt.

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1. So erklärt die Halbleiterbranche die Lieferengpässe
2. Abfederung von Lieferengpässen

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