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Aktivistischer Fonds greift an

Wird Intel zerschlagen?

30. Dezember 2020, 19:59 Uhr   |  Heinz Arnold

Wird Intel zerschlagen?
© Intel

Tief in der Krise: Intel hat gegenüber den Wettbewerbern deutlich verloren. Die Aktien sind im Keller. Aktivist Loeb verlangt Action.

Soll bei Intel das Design von ICs und deren Fertigung weiter unter einem Dach bleiben? Sollen Übernahmen, wie die von Altera für 16,7 Mrd. Dollar im Jahr 2015, rückgängig gemacht werden?

Daniel Loeb, CEO des aktivistischen Hedge Fund Third Point, will am liebsten mit eiserenen Besen bei Intel durchkehren. In einem Brief an den Aufsichtsrat verlangt Loeb von Intel, zu überprüfen, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, als IDM (Integrated Device Manufacturer) weiter zu machen. Auch sollte überprüft werden, sich von »einigen gescheiterten Übernahmen« wieder zu trennen.

Er kann sich offenbar leisten, solche Forderungen zu stellen. Denn der aktivistische Hedge-Fond Third Point hält nach den Informationen von Reuters inzwischen Aktien im Wert von fast 1 Mrd. Dollar an Intel.

60 Mrd. Dollar Marktwert verloren

Ganz grundlos ist Loebs Zorn nicht: Allein in diesem Jahr hat Intel 60 Mrd. Dollar an Marktwert verloren. Der Aufsichtsrat habe das nicht nur geschehen lassen, sondern den verantwortlichen Managern von Intel auch noch satte Prämien für die Minderleistung bezahlt, so Loeb.

Chip-Designer fliehen

Folge sei gewesen, dass viele fähige Chip-Designer Intel – frustriert von der gegenwärtigen Situation – den Rücken gekehrt hätten. Erst im Juni 2020 hatte Spitzen-Designer Jim Keller Intel verlassen, angeblich wegen Differenzen über den Anteil der Fertigung, die ausgelagert werden sollte. Fragen des Personal-Managements müssten laut Loeb deshalb ganz vorne auf der Liste der nun zu lösenden Aufgaben stehen.

Intel befindet sich in der tiefsten Krise seit 30 Jahren. Das Unternehmen hat Probleme mit der neusten Prozesstechnik (7 nm) und erwägt sogar, Prozessoren bei TSMC fertigen zu lassen, die Intel auf dem Gebiet der Prozesstechnik überholt hat.

Wie die Taipei Times berichtet, verhandele Intel gerade mit TSMC und Samsung, um dort Chips mit Hilfe der neusten Prozesstechniken fertigen zu lassen. TSMC würde sich darauf vorbereiten, Intel die Fertigung von ICs auf der 4-nm-Ebene anzubieten. TSMC will die Testproduktion für 4-nm-ICs im vierten Quartal 2021 starten und die Volumenproduktion 2021 hochfahren. Falls TSMC Chips für Intel fertige, könnten sie nicht vor 2023 auf den Markt erhältlich sein. TSMC hat über die letzten Jahre nicht nur viel Geld in die Front-End-Fertigung von ICs gesteckt, sondern auch in das Advanced Packaging (Backend), mit dessen Hilfe mehrere Dies in ein Gehäuse gesetzt werden können.

Doch auch an den Prozessoren selber scheint es zu hapern. Laut Loeb stünde AMD auf dem Sektor der Prozessoren für den Einsatz in PCs und Servern inzwischen besser da als Intel, auf dem Gebiet der KI sei Nvidia führend. Unternehmen wie Apple, Google, Microsoft und Amazon würden inzwischen lieber Prozessoren im eigenen Haus entwickeln und von Foundries fertigen lassen, als auf die Chips von Intel zu setzen. Kein Wunder, dass die Aktien von Intel in diesem Jahr um 21 Prozent eingebrochen sind – während Halbleiteraktien insgesamt um 43 Prozent zulegen konnte.

In seinem Brief an den Aufsichtsrat, der Reuters vorliegt, fuhr Loeb harte Geschütze auf: »Wenn sich bei Intel nicht schnell etwas ändert, fürchten wir, dass die USA den Zugang zu den neusten Chipgenerationen verlieren wird, die USA also abhängiger von Firmen aus dem politisch unstabilen Asien würden. Das beträfe PCs, Datenzentren, kritische Infrastrukturen und mehr.«

In dem Brief drohte er, dass Third Point Kandidaten für die Wahl in den Aufsichtsrat aufstellen könnte, falls aus dem Aufsichtsrat von Intel Widerstand dagegen zu verspüren sei, gemeinsam daran zu arbeiten, die drängenden Probleme zügig anzugehen.

Intel antwortete darauf in einer zwei Sätze langen Stellungnahme: Das Unternehmen begrüße die Vorschläge aller Investoren, die den Shareholder Value verbessern wollen. In diesem Sinne freue man sich darauf, sich mit Third Point über ihre Ideen ins Benehmen zu setzen, um dieses Ziel zu erreichen.    

Bisher hatte sich das Management von Intel dagegen gewehrt, den Entwurf der Chips und die Fertigung zu trennen. Loeb scheint der Meinung zu sein, dass die Prozessoren bei sinkenden Entwicklungskosten leistungsfähiger und schneller auf den Markt gebracht werden könnten, wenn die Bürde der eigenen Fabs wegfiele. Foundries könnten deren Produktion übernehmen. Ganz so einfach dürfte sich der Fall in der Realität allerdings nicht darstellen.

Das Management von Intel ist sich der Probleme durchaus bewusst. CEO Bob Swan hatte angekündigt, 2021 eine Entscheidung darüber zu treffen, ob die Fertigung bestimmter Produkte an Foundries ausgelagert werden sollte. Nach wirklich harten Einschnitten sah es aber bisher nicht aus.  

Die Initiative von Third Point wurde an der Börse offenbar gut aufgenommen. Am vergangenen Dienstgag kletterte der Kurs des Papiers von Intel um 5 Prozent auf 49,50 Dollar.

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