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Halbleitertechnologie

Ist ein Aufholen möglich?

17. Dezember 2020, 12:08 Uhr   |  Iris Stroh

Ist ein Aufholen möglich?
© IC Insights

Weltweites Halbleiter-Ranking für das Jahr 2020

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Halbleiterproduktion verschoben; Europa und Japan spielen keine so große Rolle mehr. Doch das muss nicht so bleiben.

Schaut man sich die Umsatzzahlen am Halbleitermarkt an, so stehen die USA mit ihren Halbleiterunternehmen weltweit mit einem Anteil von 51 Prozent am Gesamtmarkt unangefochten an der Spitze – wobei hier die Foundry-Umsätze nicht mitgerechnet sind. Über die Jahre am stärksten verloren hat Japan.

Das zumindest zeigen die Zahlen von Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems. Amerika liegt seiner Aussage nach seit 2001 beim Umsatzanteil immer irgendwo um die 50 Prozent. Einen enormen Aufstieg konnte Korea verzeichnen: Der Anteil am weltweiten Gesamtmarkt ist von 6 Prozent im Jahr 2001 auf 19 Prozent im Jahr 2019 gestiegen, betrug 2017 und 2018 aber auch schon 22 respektive 24 Prozent, getrieben durch den Speichermarkt. Zur Verth: »China und USA haben es geschafft, dass der Gesamtmarkt in diesem Jahr gewachsen ist. USA ist um 12 Mrd. Dollar gestiegen, China um 7 Mrd. Dollar.« Die chinesischen Firmen verzeichnen laut seiner Aussage ebenfalls ein schnelles Wachstum, von weniger als 1 Prozent 2001 auf 5 Prozent 2019, und China wird weiterwachsen, davon ist zur Verth überzeugt. Der Marktanteil von europäischen Firmen lag im letzten Jahr bei 10 Prozent, damit hat sich seit 2001 nicht viel geändert. Japans Anteil von jetzt 10 Prozent verzeichnet »seit 2001 einen strukturellen Rückgang«, so zur Verth, damals kamen die japanischen Unternehmen noch auf einen Weltmarktanteil noch 28 Prozent.

Die Verteilung der Marktanteile spiegelt sich natürlich auch im weltweiten Halbleiter-Ranking wider. Das letzte Ranking von IC Insights (November 2020, inkl. Foundries) weist unter den Top Ten der Halbleiterindustrie sechs amerikanische, zwei koreanische, ein europäisches und ein taiwanisches Unternehmen auf. 2000 sah das Ranking noch anders aus, damals fanden sich noch drei amerikanische, drei japanische, ein koreanisches und drei europäische Unternehmen (STMicroelectronics, Infineon und Philips; heute NXP Semiconductors) unter den Top Ten der Halbleiterindustrie. Und blickt man noch weiter zurück, dann wird noch deutlicher, wie sich der Markt verändert hat: sechs japanische Halbleiterunternehmen, drei amerikanische und ein Europäer. Von den damals sechs japanischen Halbleiterunternehmen gibt es kein einziges mehr in seiner ursprünglichen Form.

Infineon Technologies
© Infineon Technologies

Hans Adlkofer, Infineon Technologies »Europa muss aufpassen, im Wettstreit um die Technologieführerschaft zwischen den USA und China nicht zerrieben zu werden. Dafür ist es wichtig, eine eigene Stärke und Souveränität zu entwickeln, um die bestehenden Industrien in Europa zu unterstützen, neue Geschäftsfelder zu entwickeln und im internationalen Wettbewerb auf Augenhöhe zu agieren.«

Halbleitertechnologie ist essenziell

Mehr oder minder jeder Halbleiterhersteller, aber auch die großen Forschungsinstitute in diesem Bereich sind überzeugt, dass Halbleiter eine entscheidende Rolle spielen können, um weltweite Probleme wie Klimawandel, demografischen Wandel oder Urbanisierung in den Griff zu bekommen. Carsten Jauch, Vice President Sales Automotive Europe & General Manager Renesas Electronics EMEA, erklärt: »Renesas hat sich zum Ziel gesetzt, eine sicherere, gesündere, umweltfreundlichere und intelligentere Welt zu entwickeln. Als einer der weltweit führenden Halbleiterlieferanten schaffen wir Werte, indem wir innovative, differenzierte und energieeffiziente Produkte anbieten, die unseren Kunden helfen, Systeme mit sehr hoher Energieeffizienz zu bauen.« Renesas trage zu einer nachhaltigen Gesellschaft bei. In diesem Zusammenhang verweist er beispielsweise auf Komponenten, »die entscheidend dazu beitragen, die Welt in den Segmenten Automobil und Industrie sicherer, gesünder, umweltfreundlicher und intelligenter zu machen«. Ähnliche Angaben würde jeder andere Hersteller in der einen oder anderen Form ebenfalls machen. Bei Infineon ist beispielsweise auf der Homepage zu lesen: »Die Infineon Technologies AG ist ein weltweit führender Anbieter von Halbleiterlösungen, die das Leben einfacher, sicherer und umweltfreundlicher machen. Mikroelektronik von Infineon ist der Schlüssel für eine lebenswerte Zukunft.« Hans Adlkofer, Vice President Head of Automotive Systems Group von Infineon Technologies, fügt hinzu: »Die zunehmende internationale Fragmentierung sehen wir mit Sorge, denn globale Herausforderungen wie der Klimawandel oder die Corona-Pandemie können nur global gelöst werden. Infineon ist den Prinzipien des Freihandels und der Marktwirtschaft verpflichtet.«

Ein offener Markt ist entscheidend

Dass die USA die Wichtigkeit ihrer Halbleiterindustrie erkannt haben, wurde spätestens dann klar, als Bald-Ex-Präsident Donald Trump mit allen Mitteln versuchte, China vom Zugang zu modernsten Chips abzuschneiden; das betraf nicht nur amerikanische Unternehmen, sondern beispielsweise STMicroelectronics wurde es verboten, selbst entwickelte Produkte an Huawei zu liefern, die mithilfe amerikanischer Entwicklungs-Tools oder amerikanischen Equipments gefertigt werden – also praktisch alle Chips. Jean-Marc Chery, President und CEO von STMicroelectronics, betonte in einem Interview mit Markt&Technik: »Die Entscheidung eines jeden Landes, welchen Anbieter er nutzen möchte, um seine Telekommunikationsinfrastruktur aufzubauen bzw. auszubauen, geht uns nichts an, das liegt selbstverständlich in der Souveränität jedes einzelnen Landes. Aber: Die Handelssperre gegenüber Huawei hat uns als Unternehmen hart getroffen. Dieses Embargo verbietet uns, mit Huawei Geschäfte zu machen, und zwar mit Produkten und Technologien, die wir selbst entwickelt haben, einfach, weil wir EDA-Tools bzw. Equipment von amerikanischen Unternehmen nutzen.« Und weiter: »Dieses Embargo gegen Huawei ist beispiellos, in der gesamten Geschichte der Halbleiterindustrie standen wir noch nie vor einer vergleichbaren Situation.«
 

Markt&Technik
© Markt&Technik

Uwe Bröckelmann, Analog Devices»Die Volumenprodukte von Analog Devices, also die Wald- und Wiesenhalbleiter, kommen aus Asien. Ich halte es aber auch nicht für sinnvoll, wenn Europa in diesem Bereich konkurrieren wollte und das Volumengeschäft nach Europa zurückholen will.«

Wie oben bereits beschrieben, hat Europa seit Jahren Anteile am Halbleitermarkt verloren. 2000 waren noch drei Unternehmen unter den Top Ten der Halbleiterindustrie, in diesem Jahr wird es noch eines sein. Dementsprechend wurde bereits vor Jahren heftig darüber diskutiert, wie verhindert werden kann, dass Europa hier den Anschluss verliert. Diverse Initiativen wie Jessi, Medea, Catrene sollten helfen, die europäische Halbleiterindustrie zu stärken. Nimmt man das Ranking als Maßstab, dann waren diese Initiativen bislang nicht erfolgreich, wobei in diesem Zusammenhang auf alle Fälle angemerkt werden muss: Das Ranking sagt nichts über den Erfolg oder die Profitabilität der europäischen Hersteller aus.

Dennoch: Peter Altmeier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, hat bei einer Videokonferenz der für Telekommunikation/Digitales zuständigen Ministerinnen und Minister am 7. Dezember erklärt, dass diese Konferenz zwei Schwerpunktthemen hat: Klimawandel und Digitalisierung. Bei der Digitalisierung gehe es auch um die Neuordnung von industriellen Produktionsprozessen weltweit. Altmeier: »Es geht uns um eine stärkere wirtschaftliche Basis, dazu brauchen wir eine technologische Souveränität in wichtigen Bereichen.« Er betont, dass es dabei nicht um Autarkie oder Autonomie ginge, »aber wir wollen imstande sein, unsere eigenen Interessen zu wahren und auch neue Arbeitsplätze der Digitalisierung in Europa zu schaffen.«

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