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Mikroelektronik

Beweist auch die ISSCC, dass Europa zurückfällt?

12. Januar 2021, 09:00 Uhr   |  Iris Stroh

Beweist auch die ISSCC, dass Europa zurückfällt?
© Europäische Union

Nimmt man die ISSCC als Spiegelbild für die Innovationskraft in der Mikroelektronik, dann sieht es für Europa schlecht aus.

In diesem Jahr findet die ISSCC (International Solid-State Circuits Conference) zum 68. Mal statt und zwar vom 13. bis zum 21. Februar 2021, dieses Jahr allerdings als virtuelle Konferenz. Laut Tim Piessens, ITPC (International Technical Program Comittee) European Regional Chair für die ISSCC-Konferenz, werden in diesem Jahr rund 3000 Teilnehmer erwartet, über 200 Vorträge sind geplant.

Die ISSCC zählt sicherlich zu den wichtigsten Konferenzen im Bereich der Mikroelektronik. Allerdings sinkt der Anteil Europas an den Vorträgen auf der ISSCC, und das obwohl Piessens betont: »Die Forschung im Bereich der Mikroelektronik an den Universitäten und Forschungsinstituten in der EU gehört zur Weltspitze. Europa spielt außerdem eine wichtige Rolle in der globalen Mikroelektronik-Lieferkette, denn europäische Unternehmen beliefern alle großen OEMs.« Vor 2010 spiegelte sich das auch auf der ISSCC wider: mehr als 30 Prozent der Vorträge kamen aus Europa.

Doch das ist Geschichte, denn Piessens mahnt: »In den letzten Jahren ist die Anzahl der Einreichungen aus Europa zurückgegangen. Gleichzeitig sank auch noch die Akzeptanzrate für europäische Paper.« In Zahlen ausgedrückt heißt das, dass die Region »Europe/Middle East« zwischen 2010 und 2017 im Schnitt zirka 130 Paper eingereicht hat, seit 2017 sind die Einreichungen gesunken, im letzten Jahr waren es noch etwas mehr als 80 Vorträge. Von den 2015 eingereichten 132 Paper aus der EU wurden 49 akzeptiert, zirka 24 Prozent aller akzeptierten Vorträge. Piessens: »2021 wurden aus Europa 105 Paper eingereicht, 35 davon akzeptiert, was einem Anteil von 18 Prozent aller akzeptierten Vorträge entspricht.« Und weiter: »Europa ist eine Wirtschaftszone, die wissensgetrieben ist. Also ist es wichtig, dass wir in einem Bereich, der am stärksten wissensgetrieben ist, nicht verlieren.«

Blick auf 2021

Laut seiner Aussage steuern die Niederlande in diesem Jahr mit 12 Paper die meisten Vorträge zur ISSCC bei, gefolgt von Belgien (7 Vorträge) und Deutschland (5 Vorträge). UK und Frankreich hätten hingegen stark verloren. Piessens: »Ein Drittel der EU-Paper kommen aus Unternehmen, der Großteil aus Universitäten und der Rest aus Forschungsinstituten.«

Die ISSCC ist in folgende Themenschwerpunkte gegliedert:

  • Analog
  • Power Management
  • Digital Architecture and System
  • Digital Circuits
  • Memory
  • Data Converters
  • Wireline
  • Wireless
  • RF
  • Imagers, MEMS, Medical, Displays
  • Maschinenlernen

Seit 2020 gibt es zusätzlich den Bereich der sogenannten »Highlighted Chip Releases«, in denen ausschließlich vom Programm-Komitee eingeladene Firmen Vorträge über wichtige Neuankündigungen halten.

In welchen Bereichen ist Europa in diesem Jahr am stärksten vertreten? Für das Themengebiet »Analog« kommen 6 von insgesamt 12 Vorträge aus Europa, bei »RF« sind es ebenfalls 6 allerdings von insgesamt 22 Paper, die aus Europa kommen. Im Bereich »Imagers, MEMS, Medical & Displays« sind 5 von insgesamt 21 Paper aus Europa und bei »Wireless« sind es 5 von insgesamt 24 Paper. Bei »Memory« sind es noch 2 Paper von insgesamt 16, in allen anderen Bereichen kommt aus Europa jeweils nur ein einziger Vortrag.

Auch bei More than Moore fällt Europa zurück

Seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, dass Europa den Anschluss in der Mikroelektronik nicht verlieren darf. Die europäischen Hersteller haben sich entschieden, sich auf More than Moore zu konzentrieren, hier können sie sich gegenüber dem globalen Wettbewerb differenzieren. Für ICs, die modernste Prozesstechnologien benötigen (More Moore), werden die bekannten Foundries genutzt.

Spiegelt die ISSCC nicht genau diese Entscheidung wider? Prof. Dr.-Ing. Bernhard Wicht, Institut für Mikroelektronische Systeme Fachgebiet Mixed-Signal-Schaltungen Leibniz Universität Hannover und ebenfalls im EU-Komitee zur ISSCC tätig, erklärt: »Wir sehen mit Sorge, dass die Präsenz Europas auch bei „More than Moore“ abnimmt. Asien ist hier nicht untätig und ich persönlich bin beeindruckt, in welchem Tempo und wie breit hochwertige Themen beispielsweise auf meinem Gebiet - Power Management - von Asien und auch von den USA adressiert werden. Beispiele sind GaN und Hochvolt-ICs, alles Themen, die eigentlich perfekt zu den europäischen Schwerpunkten „Industrial“ und „Automotive“ passen.« Dennoch kämen die Beiträge zu „Analog“, „Power Management“ usw. mehr oder minder immer von den gleichen, wenigen europäischen Einrichtungen und Firmen – ein aus seiner Sicht in Hinblick auf die Bedeutung der Mikroelektronik zu »kleiner Club«. Wicht weiter: »Anders als unsere asiatischen Kollegen sehen viele Einrichtungen in Europa einen erfolgreichen Beitrag auf der ISSCC nicht als „Benchmark“.«

Problematisch ist für Europa aber noch ein anderer Punkt, auf den Wicht hinweist: Ein Test-Chip auf Basis von »More than Moore«-Technologien kostet in Europa viel Geld, in anderen Regionen sind Test-Chips selbst auf Basis modernster CMOS-Prozesse für ganz wenig Geld machbar. »Meine Aussage bezieht sich durchaus auf „More than Moore“-Technologien für Analog oder auch BCD und Hochvolt-SOI. Dies wird über Europractice durch EU-Förderung für Europäische Unis und KMUs angeboten. Die Preise sind reduziert, die Kosten liegen aber immer noch bei etwa 20.000 Euro pro Run und oft darüber. Das ist sicher irgendwie im Rahmen von Förderprojekten finanzierbar, bietet aber kaum Raum, einfach mal was auszuprobieren bzw. MPW-Runs auch in der Lehre anzubieten.«

 

 

ISSCC
© ISSCC

Die akzeptierten Vorträge in den einzelnen Schwerpunktthemen in den Jahren 2019, 2020 und 2021

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