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Silicon Saxony e.V.

Offener Brief zur Halbleitersituation in Europa

01. März 2021, 12:44 Uhr   |  Iris Stroh

Offener Brief zur Halbleitersituation in Europa
© Adobe Stock

Silicon Saxony e. V. wendet sich mit einem offenen Brief an die Bundesminister Peter Altmaier und Olaf Scholz sowie die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zum Thema Halbleiterfertigung in Deutschland und Europa.

Silicon Saxony e.V. bemängelt einerseits, dass Europa hinsichtlich der Halbleiterproduktion über die letzten Jahre ständig eingebüßt hat, fügt hinzu, dass außerhalb Europas überall Maßnahmen ergriffen werden/wurden, um die eigene Souveränität bei der Halbleiterfertigung zu erhalten, verweist außerdem darauf, dass die wirtschaftliche Bedeutung von Halbleitern steigt und erklärt, dass das angestoßene IPCEI 2 (Important Project of Common European Interest) der Weg in die richtige Richtung sei. Allerdings seien für den Erfolg von IPCEI 2 eine hohe Geschwindigkeit (Start in Deutschland spätestens zum 1. Juli 2021), eine entsprechende finanzielle Ausstattung (eine Förderquote von 20 bis 40 Prozent), Flexibilität (inhaltliche Flexibilität) und eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene notwendig.

Der offene Brief im Detail:

»Positiv bewertet aus deutscher Sicht ist, dass sich Sachsen in den letzten Jahrzehnten zum größten Produktionsstandort von Halbleiterchips in Europa entwickelt hat. Im weltweiten Vergleich nimmt der Anteil der Chips, die in Europa produziert werden, allerdings seit Jahren stetig ab. Produktionskapazitäten konzentrieren sich immer mehr in Asien (Taiwan und Südkorea). China, die USA sowie Japan haben umfangreiche Förderprogramme und Maßnahmen gestartet, um die technologische Souveränität bei der Chipherstellung im eigenen Einflussbereich zu erhalten bzw. auszubauen.

Zugleich zeigt die aktuelle Nachfragesituation nach Halbleitern deutlich, welche Rolle unsere Industrie für das Funktionieren von global vernetzten Wertschöpfungsketten spielt. Die Engpässe im Automobilbereich sind dabei kein Einzelfall. Die fortschreitende Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt wird in den kommenden Jahren zu einem weiter drastisch wachsenden Bedarf an Halbleitern führen.

Vor diesem Hintergrund begrüßen wir ausdrücklich den eingeschlagenen Weg in Richtung der Etablierung eines Important Project of Common European Interest (IPCEI) 2 für die Mikroelektronik als Beitrag zur Sicherung deutscher und europäischer Technologiesouveränität. Die Erfolge aus der Umsetzung von IPCEI 1, so zum Beispiel die Ansiedlung von Bosch in Dresden gegen globale Konkurrenzstandorte belegen deutlich, dass Europa und Deutschland unter den richtigen Rahmenbedingungen noch ihre Wettbewerbsfähigkeit demonstrieren können. Ziel muss es sein, neben einer krisenfesten Versorgungssicherheit der europäischen Industrie auch die digitale Souveränität bezüglich der Versorgung mit Halbleiterelementen zu verbessern.

Ohne eine schnelle und konsequente Umsetzung von IPCEI 2 droht ein weiterer Bedeutungsverlust Europas und Deutschlands innerhalb der globalen Wertschöpfungskette. 

Die Welt wartet nicht auf Europa, in diesen Tagen wurden und werden weltweit Investitionsentscheidungen getroffen, so zum Beispiel durch TSMC und Samsung in den USA oder TSMC in Japan. Daher setzen wir uns für folgende wichtige Aspekte ein: 

1. Geschwindigkeit: Das IPCEI 2 muss in Deutschland schnellstmöglich starten. 

Wir begrüßen die Entscheidung, dass Deutschland wieder die Koordinierung dieses IPCEI übernehmen wird. Das ist eine gute Voraussetzung, um eine schnelle Abstimmung auf europäischer Ebene zu erreichen. Da bei der Vielzahl der Interessenbekundungen anderer Ländern Verzögerungen absehbar sind, fordern wir für die deutschen Partner einen Start spätestens zum 01.07.2021 sowie einen konkrete Implementierungsplan zur Erreichung dieses Zieles.

2. Budget: Das IPCEI 2 muss mit ausreichend und sicheren finanziellen Mitteln ausgestattet sein

Durch Bund und EU müssen die nötigen Mittel bereitgestellt werden, um ambitionierte Projekte zu ermöglichen, gerade im Vergleich zu den o.g. asiatischen Ländern und den USA. Die bereits von Ihnen artikulierte Förderquote von 20-40 Prozent begrüßen wir dabei ausdrücklich als eine richtige und wichtige Rahmengröße. Entscheidend ist auch, dass die Akteure vor der Antragstellung die mit der Förderung verbundenen Regeln, wie z.B. Rückzahlklauseln, kennen, um eine Planungssicherheit zu haben.

3. Flexibilität: Das IPCEI 2 muss in der Projektlaufzeit inhaltlich flexibel ausgestaltbar bleiben

Diese ist notwendig, um insbesondere mittelständische Akteure ggf. auch noch im Projektverlauf mit einbinden zu können und Arbeitsthemen an aktuelle Herausforderungen mit möglichst geringem administrativem Aufwand anpassen zu können.

4. Europäische Zusammenarbeit:

Deutschland sollte als Koordinator mit den europäischen Partnern auf dieses Ziel hinwirken: IPCEI 2 fördert nötige Forschung, Entwicklung, Innovation und vor allem den Ausbau dringend benötigter Produktionskapazitäten, um (a) die europäischen Kunden sicher mit innovativen Lösungen versorgen zu können und  (b) weiterhin weltweit konkurrenzfähig zu sein.

Silicon Saxony steht als europäischer High-Tech-Cluster und Verband im engen Schulterschluss mit den Partnern aus Silicon Europe als Unterstützer und als Ansprechpartner für interessierte Unternehmen bei der Mitwirkung am IPCEI 2 und darüber hinaus zur Verfügung.

Wir begrüßen zudem die Ambitionen, Europa in allen Bereichen der Mikroelektronik zu stärken. Die Vision von Kommissar Breton weist auf die Schwachstellen der europäischen Mikroelektronik hin, die im Verlauf der letzten 30 Jahre entstanden sind. Die Realisierung dieser Vision ist in diesem Jahrzehnt nicht darstellbar, dafür fehlen heute und morgen die Voraussetzungen in Europa. Je schneller IPCEI 2 umgesetzt wird, desto besser sind die Chancen, dass die Vision auf Basis einer deutlich gestärkten Mikroelektronik in Europa in der nächsten Dekade erreicht werden kann.

In den dafür nötigen Strategieprozess müssen die europäischen Anwender der Mikroelektronik zwingend einbezogen werden. Ihre technologischen Anforderungen sowie die benötigten Volumina für Märkte wie z.B. Automotive, 5G/6G und Industrial IoT müssen hier berücksichtigt werden.«

Unterzeichnet ist der offene Brief von Heinz Martin Esser, Vorstandssprecher Silicon Saxony e.V., und Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony e.V.

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