Große M&T-Umfrage zum Ukraine-Konflikt

Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche

21. März 2022, 14:30 Uhr | Engelbert Hopf

Fortsetzung des Artikels von Teil 2

Ziel ist es, die ökonomische Resilienz zu stärken

»Russland hat sicherlich eine zentrale Bedeutung für Europa und Deutschland, wenn es um Metalle, Stahl, Palladium, Nickel und Kupfer geht«, so Alfred Birgmann, Vice President Global Procurement bei Zollner Elektronik. »Es ist allerdings zu erwarten, dass sich Versorgungsprobleme durch weltweite Quellen lösen lassen.« Birgmann macht aber noch auf ganz andere Probleme aufmerksam: »12 Prozent aller LKW-Fahrer in Europa sind Ukrainer. Das Thema Kriegsheimkehrer könnte hier einen negativen Einfluss auf den LKW-Transport haben.« Zudem steckten im Kriegsgebiet immer noch hunderte bis tausende LKWs fest. Birgmann weist auch darauf hin, dass 14 Prozent aller weltweit tätigen Matrosen aus der Ukraine kommen. Auch hier könnte das Thema Generalmobilmachung und Kriegsheimkehr zu einem Problem werden. Das würde auch für einen russischen Angriff auf die Hafenstadt Odessa gelten, der den Warenfluss in der ohnehin angespannten Seefracht zusätzlich belasten könnte.

»Welche kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der Konflikt und die damit verbundenen Sanktionen beispielsweise für die globale Lieferkette haben, ist für uns aktuell noch nicht genau absehbar«, gibt Thomas Rudel, CEO von Rutronik, seine aktuelle Einschätzung der Lage wider, »wir besitzen sowohl in der Ukraine als auch in Russland Standorte und unterhalten Geschäftsbeziehungen in beiden Nationen«. Rutronik habe umgehend eine Taskforce gebildet, »sodass alle rechtlichen Vorgaben, vertraglichen Verbindlichkeiten sowie internationale Anforderungen sorgfältig geprüft und erfüllt werden können«. Die Sorge vor Zahlungsausfällen treibt Rudel derzeit nicht um, »da wir mit Exportgarantien, den sogenannten Hermes-Bürgschaften, arbeiten, die uns vor wirtschaftlich und politisch bedingten Zahlungsausfällen schützen und so das Risiko minimieren sollen«. Fakt ist für ihn aber, »dass unsere Wirtschaft derzeit große Teile an Rohstoffen aus Russland bezieht. Welche Auswirkungen beispielsweise der Mangel an Palladium auf unsere europäische Automobilindustrie haben wird, ist noch nicht absehbar.« Sein Fazit: „Als Europäer müssen wir in Zukunft eigenständiger werden und eine europäische Strategie entwickeln.“

Eine Sichtweise, die auch der Branchenverband ZVEI unterstützt: »Der Krieg führt uns drastisch vor Augen, dass wir nochmals mehr unsere ökonomische Resilienz stärken und unabhängiger werden müssen von Gas-, Öl- und Kohleimporten«, so Dr. Gunther Kegel, Präsident des ZVEI. Vor diesem Hintergrund sieht Dr. Kegel die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels als starkes Zeichen für die Geschlossenheit Europas. »Der ZVEI unterstützt das Primat der Politik, sie entscheidet über angemessene Sanktionen«, hatte Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung bereits zu Beginn des Angriffs Russlands auf die Ukraine klargestellt. »Die Auswirkungen dieser Sanktionen auf die Elektro- und Digitalindustrie lassen sich derzeit noch nicht abschätzen.«

Maschinen- und Anlagenbau

In diesem Punkt ist der VDMA bereits weiter. In einer Blitzumfrage betrachteten 85 Prozent der knapp 550 Teilnehmer den Krieg als gravierendes oder merkliches Risiko für ihre Geschäfte. Knapp 80 Prozent der Maschinen- und Anlagenbauer erwarten gravierende oder merkliche Folgen etwa durch eine weitere Energieverteuerung, die allgemeine Verunsicherung von Kunden oder die Rubel-Abwertung. Gefragt nach direkten Auswirkungen der russischen Aggression, sprechen 45 Prozent der Firmen von gravierenden oder merklichen Auswirkungen durch die Sanktionen, die Verschiebung von Projekten oder generell weniger Umsatz in Russland oder in der Ukraine. Wie wichtig Russland als Abnehmer bisher war, zeigt die Exportstatistik. Zwar sank das Umsatzvolumen bereits seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 deutlich, doch belief es sich 2021 immer noch auf einen Wert von knapp 5,5 Milliarden Euro. Addiert man das Exportvolumen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus nach Russland, in die Ukraine und Belarus, ergibt sich für 2021 ein Wert von 7 Milliarden Euro.

Vorrangig, so VDMA-Präsident Karl Haeusgen, gehe es jetzt für viele Firmen darum, »die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ukraine und auch in Russland zu gewährleisten«. Zudem müsse man sich auf weitere Lücken in der Lieferkette einstellen. Engpässe bei den Zulieferungen nehmen die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer bisher hauptsächlich bei Elektronikkomponenten wahr (52 Prozent gravierend, 28 Prozent merklich). Bei Elektronikkomponenten berichten 31 Prozent der befragten Unternehmen von einer mindestens um sechs Monate verlängerten Wartezeit, bei weiteren 30 Prozent der Firmen sind es drei bis sechs Monate Verzug. Zwei Drittel der befragten Unternehmen sehen bei Elektronikkomponenten erst ab dem Jahr 2023 eine Verbesserung der Lage.

»Kroenert ist von der aktuellen Krise kaum betroffen, da die meisten unserer Produkte schon vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine seitens des BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, Anmerkung der Red.) nur eingeschränkt lieferbar waren«, bestätigt den auch Andrea Glawe, Regionale Vertriebsdirektorin bei Kroenert; »im Composite-Bereich durften wir zudem kaum liefern«. Aktuell gebe es nur einen Kunden in Russland, der Ersatzteile für seine Kroenert-Anlage gegen Vorkasse gekauft habe. Wie und ob die notwendigen Ersatzteile jetzt an ihn geliefert werden können, werde aktuell geprüft. Als Maschinen- und Anlagenbauer machen Glawe die immer längeren Lieferzeiten für Metalle Sorgen, »hier sind wir mittlerweile bei 24 Monaten angekommen«.

Beim Automatisierungs-Spezialisten Pilz hat man Russland bislang als aufstrebenden Markt für sichere Automatisierungsprodukte gesehen. Seit 2009 ist man mit einer eigenen Vertriebs- und Service-Tochtergesellschaft dort vertreten, wie Ruben Conzelmann, Vice President Purchasing, erläutert; »mit dem dortigen Team bleiben wir auch weiterhin eng verbunden«. Bezüglich der Auswirkungen des Ukraine-Krieges und der damit verbundenen Sanktionen erwartet er kurzfristig eine weitere Verknappung und massive Preissteigerungen bei Energie und Rohstoffen sowie weitere Störungen der Logistikkette durch weitere Verknappung von Frachtraum in der Luft und auf der Straße. 

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  2. Begrenzte Rolle von Russland und der Ukraine bei einigen Firmen
  3. Ziel ist es, die ökonomische Resilienz zu stärken

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