Große M&T-Umfrage zum Ukraine-Konflikt

Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche

21. März 2022, 14:30 Uhr | Engelbert Hopf

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Begrenzte Rolle von Russland und der Ukraine bei einigen Firmen

Keine direkten Auswirkungen auf das laufende Geschäft durch den Ukraine-Krieg sieht Christian Blersch, Geschäftsführer von E.E.P.D. »Russland und die Ukraine spielen für uns keine Rolle, wir haben dort keine Kunden.« Probleme durch die Auswirkungen des Krieges sieht Blersch jedoch bei den Logistikketten: »Hier spielt die Sperrung des russischen Luftraums mit der Tatsache, dass russische Frachtflieger nicht mehr die Route von Asien nach Europa bedienen können, eine große Rolle.«

Für Christian Eder, Direktor Marketing bei Congatec, sieht es ähnlich aus: »Unsere Umsätze in Russland und der Ukraine liegen unter 1 Prozent des Gesamtumsatzes. Die aktuelle Situation hat also kaum Einfluss auf unsere Geschäftsentwicklung. Zudem haben wir als Reaktion auf den Krieg unsere Vertriebsaktivitäten in diesen Regionen eingestellt.« Aus seiner Sicht könnten sich vor dem Hintergrund der aktuellen Chipknappheit die ausgesprochenen Sanktionen gegen Russland und die damit verbundenen Lieferstopps eventuell positiv auf die Versorgungssituation in der Elektronikbranche auswirken. Dass so etwas wie der völkerrechtswidrige Überfall Russlands auf die Ukraine »in unserer global wirtschaftlich vernetzten Welt überhaupt möglich ist, kann ich immer noch nicht so recht fassen«.

Stromversorgungs-Anbieter

»Russland und die Ukraine sind für uns wichtige Absatzmärkte mit einer tiefen Verwurzelung zu lokalen Distributoren und treuen Endkunden«, charakterisiert demgegenüber Uwe Frischknecht, Geschäftsführer Recom Electronic, die Geschäftsbeziehungen Recoms zu den beiden Konfliktparteien und unterscheidet sich damit von vielen anderen Unternehmen. Als Reaktion auf den Kriegsausbruch wurde bis auf Weiteres der gesamte Auftragsbestand nun komplett eingefroren. Die westlichen Sanktionen, so Frischknecht, zeigten auf dem russischen Distributionsmarkt bereits Wirkung: »Bei einigen Distributoren ist es dort bereits zu Massenentlassungen von über 50 Prozent der Belegschaft gekommen.«

Keine Ambitionen in Russland hatte in der Vergangenheit Puls. »Für uns ist das kein relevanter Markt, ich war schon immer skeptisch, was das dortige System angeht, und wir haben uns deshalb nicht nennenswert engagiert«, so Bernhard Erdl, Gründer und CEO der Puls-Gruppe. Wie Erdl berichtet, ist Puls beim Transportweg von China nach Deutschland bereits wieder von der Bahn aufs Schiff umgestiegen, »weil wir befürchten, dass die Spediteure die russische Bahn nicht mehr bezahlen können und deshalb dieser Weg versperrt ist. Dadurch verlängert sich die aktuelle Liefersituation um drei bis vier Wochen«.

Erdl weist auch darauf hin, dass durch die am 28. Februar beschlossenen russischen Gegensanktionen rein technisch betrachtet »russische Kunden keine Rechnungen mehr begleichen oder Zahlungsverpflichtungen gegenüber westlichen Kunden nachkommen dürfen, die sich an den wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland beteiligen«. Das sei unabhängig davon, welche Zahlungen nach Russland über nicht von SWIFT ausgeschlossene Banken noch künftig möglich sein werden. Zudem sei fraglich, ob die Sicherheit von Gütern beim Transport nach oder innerhalb Russlands noch gewährleistet werden könne. So würden Spediteure berichten, dass Transporte auf russischem Territorium von den russischen Behörden festgehalten werden.

Auch für Block Transformatoren- Elektronik spielen Russland und die Ukraine als Absatzmärkte nur eine begrenzte Rolle, wie Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement, erläutert. »Die Auswirkungen auf uns sind gerade in der aktuellen Phase der Vollauslastung verschmerzbar.« Dass Block gerade im Transformatorenbereich eine massive Nachfragesteigerung erfährt, führt Heinemann darauf zurück, dass ein Marktbegleiter bisher in der Westukraine Transformatoren gefertigt habe. Bei der Versorgung mit Metallen sieht Heinemann Russland nur bedingt als relevanten Lieferanten für Block: »Beim Kupfer kommen die größten Rohstoffmengen aus Chile; anders sieht es bei Aluminium aus, hier spielt Russland eine größere Rolle.«

»Als Teil der BRIC-Staaten hatte auch der russische Markt in der Vergangenheit unsere Aufmerksamkeit; die vertriebliche Betreuung lief dabei über unser Schwesterunternehmen in Israel«, beschreibt Gustav Erl, Geschäftsführer der TDK-Lambda Germany, die bisherige Bedeutung Russlands für sein Unternehmen. »Auch wenn Israel als Land die Sanktionen gegen Russland und Weißrussland noch nicht im vollem Umfang unterstützt, haben wir im TDK-Konzern sämtliche Aktivitäten in diesen Regionen gestoppt.« Auswirkungen auf die Elektronikbranche wird der Ukraine-Krieg nach seiner Einschätzung vor allem auf die Lieferkette haben: »Die Frachtsituation wird sich durch diesen Krieg in Europa preislich und zeitlich weiter verschlechtern.«

Elektronik-Fertiger

Aus Sicht der Fertigungsdienstleister trifft es derzeit vor allem die Automotive-Branche. Andreas Schneider, Geschäftsleiter bei BMK, nennt als Beispiel einen großen deutschen Automotive-OEM, »welcher durch unseren Tier-One-Kunden beliefert wird. Dessen Absatzmarkt in Russland hat einen bedeutenden Anteil im Oberklasse Segment, wofür BMK als Tier-One Elektronik liefert«. Hinsichtlich der aktuellen Zulieferkette bei BMK laufen die Analysen noch; so werden etwa alle Kabellieferanten intensiv überprüft; »hier erwarten wir weitere Störungen in der Lieferkette«. Bei der wirtschaftlichen Bedeutung Russlands hebt Schneider nur die Bedeutung des Landes als Rohstofflieferant hervor. »Russland ist ein großer Palladium-Lieferant. Palladium wird für Sensoren und Speichermodule benötigt. Aktuell beziehen die USA 35 Prozent ihres Palladium-Bedarfs aus Russland.« Das Edelgas Neon komme zu 70 Prozent aus der Ukraine. Von den Auswirkungen des Ukraine-Krieges könnte in Zukunft auch die Versorgung mit Gasen wie Argon, Xenon und Krypton betroffen sein.

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  1. Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche
  2. Begrenzte Rolle von Russland und der Ukraine bei einigen Firmen
  3. Ziel ist es, die ökonomische Resilienz zu stärken

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