Große M&T-Umfrage zum Ukraine-Konflikt

Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche

21. März 2022, 14:30 Uhr | Engelbert Hopf
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Wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtungen sollten helfen, zukünftig einen Krieg in Europa verhindern. Russlands völkerrechtswidriger Krieg gegen die Ukraine zeigt bereits in den ersten Tagen wie eng die europäische Wirtschaft inzwischen verflochten ist.

Bereits in den ersten Tagen des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine wurden dessen direkte Auswirkungen auf die Elektronikbranche sowie den Maschinen- und Anlagenbau deutlich. Die enge Vernetzung Deutschlands mit der Ukraine etwa im Automobil- und Automotive-Bereich zeigt sich u. a. daran, dass der VW-Konzern massiv von den Produktionseinschränkungen in den beiden ukrainischen Leoni-Werken betroffen war und die Versorgung mit Kabelbäumen unter Druck geriet.

Wie eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik unter namhaften Elektronikherstellern und Distributoren im deutschen Sprachraum ergab, hängen die direkten Auswirkungen des Krieges auf die Geschäftsentwicklung jedoch stark von den jeweiligen Zielbranchen und der Stärke des wirtschaftlichen Engagements in der Ukraine ab und fallen entsprechend unterschiedlich aus.

So bezieht etwa das Unternehmen IEE mehrere Komponenten aus der Ukraine, was laut CTO Dr. Alain Schumacher bereits zu Problemen geführt hat. Einer der Hersteller habe seine Tore bereits geschlossen, da er aufgrund der nahen Kampfhandlungen die Sicherheit seiner Leute nicht mehr garantieren konnte. »Das für uns noch bis vor Kurzem für undenkbar Gehaltene oder nicht Wahrhabenwollende ist eingetreten«, so Dr. Schumacher; »die jetzige Situation zeigt uns, dass wir in Europa keine Insel sind, auf der die Welt ohne Weiteres auf ewig heil bleibt«. Auch als Lieferant ist IEE direkt betroffen. So lieferte das Unternehmen bislang direkt an einen russischen Kunden beziehungsweise gingen seine Produkte über westliche Kunden zum Teil auf den russischen Markt. Seit dem Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-Zahlungssystem gilt Lieferung nur gegen Vorkasse, nur so sei man geschützt vor Ausfällen, wenn die Ware auf dem Weg zum Kunden verloren geht oder zerstört wird.

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Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche

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Halbleiterhersteller

Blickt man auf den Halbleiterbereich, so scheinen die Auswirkungen des Krieges dort auf den ersten Blick gering zu sein. »Wir werden von diesem Konflikt kaum direkt getroffen, weder im Einkauf noch im Verkauf«, meint etwa Dr. Gerald Paul, CEO und Präsident von Vishay. Auch sei der Umsatz in der Region Ukraine und Russland anteilig sehr gering, »und wir haben dort auch keine wesentlichen Lieferanten sitzen«. Palladium könnte nach Einschätzung von Dr. Paul durch die Auswirkungen des Krieges teurer werden, »das müssten wir dann preislich an die Kunden weiterreichen«. »Nicht gefeit wären wir natürlich vor einem breiten wirtschaftlichen Abschwung in unseren wichtigen Absatzmärkten als Folge dieses russischen Wahnsinns«, so der seit über 40 Jahren im Bauelemente-Bereich tätige Top-Manager.

Karl-Heinz Gaubatz, CEO und CTO von Semikron, macht darauf aufmerksam, dass der Umsatz seines Unternehmens mit Russland und der Ukraine gerade einmal 1,5 Prozent ausmache. »In Zeiten einer Allokation, wie wir sie 2022 und teilweise auch noch 2023 haben werden, allokieren wir die Produkte für Russland einfach an andere Kunden.« Er gibt aber auch zu, dass Semikron derzeit noch Ausstände habe, »die wahrscheinlich auch nicht mehr bezahlt werden, das ist leider der Preis, den wir für die Sanktionen gegen Russland bezahlen werden; aber auch diese Summen sind verkraftbar«. Kurz- und wohl auch mittelfristig erwartet Gaubatz durch den Krieg und seine Auswirkungen längere Transportzeiten und höhere Transportkosten.

Sowohl Vishay als auch Semikron dürften jedoch wie alle anderen Halbleiterhersteller in ihren Fertigungsprozessen das Edelgas Neon einsetzen. Russland, das bestätigen im Rahmen dieser Umfrage eine Reihe von Unternehmen, ist einer der größten Produzenten von Neon. Gewonnen wird das Gas als Nebenprodukt der Stahlproduktion und dort aus der Luft filtriert. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Gas bisher in die Ukraine weitergeleitet wurde, wo es dann extrahiert und für den Export gereinigt wurde.

Hersteller von Passiven

Einigkeit herrscht unter den Herstellern passiver Bauelemente. Sie sehen keine direkten Auswirkungen durch den Krieg auf ihre Geschäftsentwicklung in Europa. »Sowohl Russland als auch die Ukraine haben für Murata als Absatzgebiete eine untergeordnete Bedeutung im niedrigen einstelligen Prozentbereich«, stellt denn auch Rüdiger Scheel, Vice President Mobility bei Murata Europe, fest.

Ganz ähnlich die Einschätzung von Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Europe: »Weder Russland noch die Ukraine hat für uns eine große Bedeutung als direkter Absatzmarkt. Die indirekten Folgen des Krieges können aber sehr wohl auch andere Absatzmärkte beeinflussen. Erste OEMs haben ja bereits Werksschließungen in anderen Regionen angekündigt.«

Aus Sicht der Yageo Group liegt der Umsatz in Russland zwar deutlich höher als in der Ukraine, »bezogen auf EMEA liegt er aber unter 2 Prozent«, stellt Michael Turbanisch, Director Head of Distribution Development EMEA, fest. Mit Zahlungsausfällen rechnet keines der drei befragten Unternehmen. Entweder sind sie wie Murata über die bekannten paneuropäischen Distributoren in Russland vertreten oder es handelt sich wie im Fall von Taiyo Yuden um internationalen Kunden mit Headquarter in Europa oder den USA. Turbanisch schließlich berichtet, »dass wir mit unseren russischen Distributoren entsprechende Zahlungsmodalitäten haben, die uns gegen Ausstände absichern«. Auf die Abhängigkeit von Russland als Lieferanten von Palladium geht in den Antworten nur die Yageo-Gruppe ein, die in einem Schreiben an ihre Kunden darauf hinweist, kein Palladium aus Russland zu beziehen (siehe Ausriss).

Weitere Hersteller

»Wir verurteilen die kriegerische Handlung der russischen Regierung und haben in der ersten Märzwoche entschieden, die Lieferungen an Russland und die Ukraine bis auf Weiteres auszusetzen; unsere Tochterfirma in der Ukraine ist ebenfalls seit der ersten Märzwoche aus Sicherheitsgründen geschlossen«, erläutert Hauke Hannig, Bereichsleiter Unternehmenskommunikation & Politik und Pressesprecher der ebm-papst-Gruppe, die Reaktion des Elektromotor- und Ventilatoren-Spezialisten auf den Ausbruch des Krieges. ebm-papst beliefere die Märkte in der Ukraine und Russland mit Ventilatoren für den Bereich der Kälte- und Klimatechnik. Umsatzseitig liege die Bedeutung dieses Geschäfts im unteren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.


  1. Die Kriegsauswirkungen auf die Elektronikbranche
  2. Begrenzte Rolle von Russland und der Ukraine bei einigen Firmen
  3. Ziel ist es, die ökonomische Resilienz zu stärken

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