Analyse von Semiconductor Intelligence

Ukraine-Krieg wirkt sich kaum auf Elektronikproduktion aus

31. März 2022, 9:20 Uhr | Ralf Higgelke
Tomas Ragina/AdobeStock_472968291
© Tomas Ragina/AdobeStock_472968291

Als das Schlimmste der Covid-19-Pandemie überstanden schien, fiel Russland in die Ukraine ein. Auf die Elektronikindustrie dürfte sich dies nach Aussage von Semiconductor Intelligence wohl spürbar, aber nicht signifikant auswirken.

In einem Blog-Eintrag vom 15. März wies der Internationale Währungsfonds (IWF) darauf hin, dass sich der russische Einmarsch in der Ukraine über drei Mechanismen auf die Weltwirtschaft auswirken dürfte:

  • Die hohen Energie- und Rohstoffpreise werden die Nachfrage dämpfen.
  • Die Handels- und Lieferketten in den Nachbarländern werden unterbrochen werden.
  • Die Ungewissheit unter den Investoren wird die finanziellen Bedingungen verschärfen.

In seiner Januar-Prognose ging der IWF davon aus, dass sich das globale Wirtschaftswachstum von 5,9 Prozent im Jahr 2021 auf nachhaltigere Raten von 4,4 Prozent im Jahr 2022 und 3,8 Prozent im Jahr 2023 abschwächen würde. In den schon angesprochenen Blog-Eintrag erklärte der IWF, er werde seine Prognosen für das Bruttoinlandsprodukt in seinem April-Update nach unten korrigieren. In der Januar-Prognose hieß es, dass Russlands Binnenmarkt im Jahr 2022 um 2,8 Prozent wachsen würde. Nach dem Einmarsch in der Ukraine werden die internationalen Sanktionen die russische Wirtschaft mit Sicherheit in eine Rezession stürzen. Die drei oben genannten Faktoren werden wahrscheinlich die wirtschaftlichen Aussichten für die meisten Länder verschlechtern.

Dies dürfte sich indirekt auch auf die Elektronik- und Halbleiterbranche auswirken. In Russland, der Ukraine und den angrenzenden Ländern gibt es keine nennenswerte Halbleiter- oder Elektronikfertigung. Die geringere Gesamtnachfrage im Jahr 2022 wird jedoch die Nachfrage nach Elektronik in begrenztem Maße verringern.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+

Robustes Wachstum in Asien

Semiconductor Intelligence
So entwickelte sich die Elektronikproduktion in Asien seit Januar 2019.
© Semiconductor Intelligence

Die großen Produktionsländer für Elektronik in Asien haben größtenteils zu einem normalen Wachstum zurückgefunden. Südkorea, dessen Wachstum sich pandemiebedingt nur minimal verlangsamte, ist mit einem durchschnittlichen Dreimonatswachstum von über 20 Prozent in den letzten acht Monaten bis Januar 2022 das stärkste Land gewesen.

China hat wieder die Wachstumsraten von vor der Pandemie erreicht, die zwischen 12 und 13 Prozent liegen. Taiwan hat ebenfalls keine signifikante Verlangsamung durch die Pandemie erlebt und verzeichnet ein Wachstum von 13 Prozent.

Aufgrund pandemiebedingter Stilllegungen ging die Elektronikfertigung in Vietnam im Herbst 2021 zurück, kehrte aber im Februar 2022 auf einen Wachstumspfad zurück.

Japan hatte Ende 2021 einen Produktionsrückgang zu verzeichnen, nachdem sich die Produktion zu Jahresbeginn aufgrund der Pandemie um über 10 Prozent erholt hatte. In Japan setzt sich die langfristige Verlangsamung der Elektronikfertigung aufgrund von Verlagerungen in kostengünstigere Länder in Asien fort.

Gemischte Situation in den USA und Europa

Semiconductor Intelligence
So entwickelte sich die Elektronikproduktion in der EU, den USA und dem Vereinigten Königreich (UK).
© Semiconductor Intelligence

In den USA lag das Wachstum der Elektronikproduktion in den letzten fünf Monaten bis Januar 2022 im Bereich von 4 bis 5 Prozent und damit über der Schwankungsbreite von vor der Pandemie von minus 1 bis plus 2 Prozent im Jahr 2019.

Die 27 Länder der Europäischen Union (EU 27) verzeichneten im Januar 2022 einen Rückgang von 14 Prozent, nachdem sie in der ersten Hälfte des Jahres 2021 ein robustes Wachstum von 30 bis 40 Prozent verzeichnet hatten. Zusätzlich zu den Pandemieeffekten hat die EU 27 von einer Verlagerung der Produktion aus dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit profitiert. Mit Ausnahme der Erholung durch die Pandemie von April bis August 2021 verzeichnete das Vereinigte Königreich in den letzten drei Jahren eine stagnierende bis rückläufige Elektronikproduktion.

EU wuchs am stärksten

Semiconductor Intelligence
So unterschiedlich veränderte sich die Elektronikproduktion in den verschiedenen Weltregionen und bei unterschiedlichen Anwendungen.
© Semiconductor Intelligence

Vergleicht man die Daten aus dem vierten Quartal 2021, als sich die Welt von der Pandemie erholte, mit denen aus dem vierten Quartal 2019 (vor der Pandemie), so lassen sich die Trends nach Ländern und Produkten erkennen. Das Diagramm zeigt die Veränderung der Elektronikproduktion in Landeswährung im vierten Quartal 2021 gegenüber dem vierten Quartal 2019.

Die EU 27 und Südkorea verzeichneten ein Wachstum von über 30 Prozent. In China, Taiwan und Vietnam lagen die Veränderungen im mittleren 10- bis unteren 20-Prozent-Bereich. Das Wachstum in den USA lag bei moderaten 8 Prozent. Japan und das Vereinigte Königreich verzeichneten jeweils einen Rückgang von 9 Prozent, da sich die Produktion von Japan in andere asiatische Länder und vom Vereinigten Königreich in EU-Länder verlagerte.

Die Absatzzahlen für PCs stiegen zwischen dem vierten Quartal 2019 und dem vierten Quartal 2021 um 28 Prozent, da mehr Menschen während der Pandemie von zu Hause aus arbeiten und lernen mussten. Bei Smartphones blieb der Absatz mit einem Rückgang von 2 Prozent praktisch unverändert.

Die Elektronikindustrie scheint die pandemiebedingte Abschwächung weitgehend überwunden zu haben und befindet sich wieder auf dem Weg zu einem stetigen Wachstum. Der Krieg in der Ukraine sorgt jedoch für Unsicherheit in der Weltwirtschaft. Die Auswirkungen auf die Elektronikindustrie werden wahrscheinlich spürbar, aber nicht signifikant sein.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

elektroniknet