Branche erweitert Kapazitäten

»Der Bedarf wächst exponentiell«

29. März 2022, 9:00 Uhr | Engelbert Hopf
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Die Teilnehmer des Markt&Technik-Forums Ende Februar: Natürlich geboostert und mit negativem Testergebnissen.
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Die Nachfrage im Bereich passiver Bauelemente ist weiter ungebrochen. Unabhängig vom weiteren Ausbau der Fertigungskapazitäten müssen Anwender vor dem Hintergrund gestiegener Material-, Fertigungs- und Transportkosten in diesem Jahr mit ein- bis zweistelligen Preissteigerungen rechnen.

Keiner von uns kann heute mit Sicherheit sagen, wie die zweite Jahreshälfte 2022 aussehen wird«, stellt Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales für Central & East Europe bei TTI gleich zu Beginn der diesjährigen Diskussionsrunde über Entwicklungen und Trends im Bereich passiver Bauelemente fest. »Gleichzeitig haben wir eine Situation, dass angesichts der aktuellen Lieferzeiten und der Auftragslage das Jahr 2022 eigentlich bereits Ende Februar durch ist.«

Einigkeit herrscht unter den Diskussionsteilnehmern darüber, dass der weitere Verlauf ihrer Geschäftsentwicklung 2022 hauptsächlich davon abhängig sein wird, wie sich die Versorgungssituation im Halbleiterbereich in diesem Jahr entwickelt. Wirklich optimistisch sind die versammelten Experten bei diesem Thema jedoch nicht. »Ich glaube, niemand geht mehr davon aus, dass sich die Situation in der Halbleiterindustrie in diesem Jahr noch flächendeckend normalisiert«, so Thomas Heel, Director und Head of Sales Central Europe der Yageo Group, »weder die Halbleiterhersteller selbst noch große Tier-One-Belieferer oder EMS-Unternehmen«.

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Uwe Reinecke, TTI »Der Transformationsprozess in der Elektronik führt dazu, dass die Bedarfe nicht mehr wie bisher linear, sondern in den nächsten Jahren exponentiell ansteigen werden.«
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So wenig vorhersehbar die weitere Entwicklung des Geschäftsjahres 2022 aktuell wirken mag, die bisherige Ausgangslage ist hervorragend. »Wir haben derzeit in der deutschen Wirtschaft einen Auftragsbestand von 4,8 Monaten«, erläutert Jean Quecke, Sales Director EMEA für passive Komponenten bei Future Electronics; »das ist der höchste jemals erreichte Wert! Über die letzten 10, 15 Jahre bewegte sich diese Marke meist zwischen 3,4 und 3,5 Monaten«.

Blase oder nicht Blase? Auch wenn sich die Auftragslage inzwischen plateauisiert hat, die Book-to-Bill, das bestätigen alle Diskussionsteilnehmer, ist nach wie vor hoch. Problematisch wird es überall dort, wo fast alle benötigten Bauteile und Komponenten für die Fertigung eines Produkts vorhanden sind, aber eben ein, zwei wichtige Komponenten fehlen. Nicht immer macht es in diesen Fällen Sinn, das angestrebte Produkte schon einmal so weit wie möglich zu produzieren. Vor allem für kleinere Unternehmen, so die Befürchtung, könnte sich diese Sachlage zu einem Cash-Flow-Problem entwickeln.

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Jean Quecke, Future Electronics »Dass Container einmal Mangelware werden könnten, habe ich nie für möglich gehalten, auch nicht, dass der Preis für einen Container von 2000 auf 18.000 Dollar hochlaufen könnte.«
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Für Denis Bittigkoffer, Senior Marketing Manager für Film-, Tantalum-, Electrolytic & Electric Double Layer Capacitors bei Rutronik, stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, »warum es immer noch viele Kunden gibt, die genau nur ein Produkt freigegeben haben«. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass die Erfahrungen der letzten Jahre hier zu einer Veränderung geführt hätten. »Dazu kommt, dass häufig kein regionaler Split vorhanden ist«, so Bittigkoffer. »Damit ist man natürlich extrem anfällig, wenn irgendwo irgendetwas passiert, sei es nun eine Naturkatastrophe oder ein regionaler Konflikt.«

»Aus Herstellersicht ist so ein Single Sourcing natürlich hervorragend«, so Peter Kokot, Technical Director CE bei Avnet Abacus. »Du bindest den Kunden an dich; aus Kundensicht natürlich eine Katastrophe!« Aktuell konzentriere man sich in seinen Überlegungen zwar vor allem auf Covid-19 und die Auswirkungen dieser Pandemie, »aber letztlich sind da draußen viel mehr potenzielle Gefahren, als viele gerne wahrhaben wollen«.

Im Zusammenhang mit Covid-19 sieht Quecke beispielsweise China nach wie vor als großen Wackelkandidaten. »Die chinesische Regierung setzt auch nach den Olympischen Spielen weiter auf eine Zero-Covid-Strategie. Dass das nicht funktioniert, hat die Vergangenheit bereits gezeigt. Wenn Omikron in China umläuft, steuert das Land in den Voll-Lockdown. Dann haben wir hier in Europa wieder mehrere Wochen und Monate Verzug. Das ist für mich das Damoklesschwert, das derzeit über uns allen schwebt und eine zuverlässige Vorhersage für die Entwicklung des Geschäftsjahres 2022 so schwer macht.«

Neben Chinas Zero-Covid-Strategie beschäftigten noch zwei andere Themen die Diskussionsteilnehmer bei ihrer Prognose für 2022 und 2023 nachhaltig: Wann machen sich die Milliarden-Investitionen der Halbleiterbranche wirklich am Markt bemerkbar, und wie nachhaltig ist der nach wie vor anhaltende Nachfrageboom im Elektronikbereich?

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Denis Bittigkoffer, Rutronik »Ungeachtet der Ereignisse der letzten Jahre sehe ich immer noch Kunden, die nur ein Produkt freigegeben haben. Wenn da irgendwo etwas passiert, stecken die ziemlich schnell in Problemen.«
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»Es hat uns wirklich überrascht, wie hoch und nachhaltig nach wie vor der Auftragseingang aus den Industrie- und Distributionskanälen ist«, berichtet Rüdiger Scheel, Branch Manager und Vice President Automotive bei Murata Europe. »Es wird immer noch viel bestellt, und dabei dachte man doch, es müsste eigentlich runter gehen.« – »Die fundamentale Nachfrage geht ja weiter hoch«, bestätigt auch Ferdinand Leicher, Vice President Sales EMEA bei Bourns. »Dass die Bedarfslücke bis 2023 reichen könnte, hätten wir nie geglaubt.«

Wenn er die Bestände in der Distribution ansehe, so Leicher, »dann sind die dort inzwischen 30 Prozent über dem Wert von 2018, und damals haben einige Distributoren zwei, drei Monate bei uns fast nichts mehr bestellt, weil ihre Lager zu groß waren«. Dieses Mal scheine es anders zu sein, »wir sind um 30 Prozent über diesem Wert und sehen einen immer noch steigenden Auftragseingang, das kann eigentlich gar nicht sein«.

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Rüdiger Scheel, Murata »Früher hatte man das Gefühl, dass ein Linedown bei einem Automobilhersteller das Schlimmste sein könnte, was auf der Welt passieren kann. Heute ist das zur New Normality geworden.«
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  1. »Der Bedarf wächst exponentiell«
  2. Die Kleinen beißen die Hunde?
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