Einkäufer disponieren bis 2025

»Jede einzelne Lieferung geht direkt in die Produktion«

28. März 2022, 14:00 Uhr | Engelbert Hopf
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Durch die Auswirkungen des Ukraine-Krieges, wird sich die Situation in der Container-Schifffahrt noch weiter zuspitzen.
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Ende 2021 sahen auch die größten Optimisten keine Möglichkeit mehr für eine Entspannung der Bauelemente-Liefersituation. Aktuell ruhen die Hoffnungen auf dem Jahr 2023! Was die Gerätehersteller an Bauteilen bekommen können, wird verbaut, eine wirkliche Chance Lager aufzubauen, sehen die Wenigsten.

Tägliche Abstimmung zwischen Produktion, Entwicklung, Vertrieb und Einkauf – so sieht die Arbeitsrealität bei vielen deutschen Herstellern elektronischer Geräte heute aus. »Man wünscht sich als Einkäufer in diesen Zeiten eine Beruhigung und Normalisierung der Nachfrage, um endlich mal wieder durchzuatmen und den Produzenten die Möglichkeit zu geben, mal wieder Normalität zu erhalten«, fasst Stefan Hansmann, Leiter Strategischer Einkauf bei Stiebel Eltron, die Stimmung in den Einkaufsabteilungen zusammen.

Von einer Entspannung, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Markt&Technik, kann keine Rede sein. Vielmehr hat sich die Situation seit dem Herbst letzten Jahres vielerorts offenbar noch weiter zugespitzt. Für diese weitere Verschlechterung waren Ende 2021 weitere Störungen der Lieferketten, etwa durch Corona-Lockdowns in Malaysia und anderen Ländern oder fehlende Vormaterialien wie etwa Lead Frames oder Wafer, verantwortlich. Im Zusammenspiel mit dem anhaltend hohen Auftragseingang der Elektronikbranche hat das nach den Worten von Ruben Conzelmann, Vice President Purchasing bei Pilz, »die Beschaffungskrise in diesem Quartal noch einmal verschärft«.

Gerhard Reifner
Gerhard Reifner, Recom: »Die fehlenden Eisenbahnverbindungen werden aktuell mit Seefracht kompensiert. Bestellungen für bestimmte Komponenten reichen bis ins Jahr 2024.«  
© Recom

»Die unzuverlässige Belieferung mit Rohmaterial bei mehrfach pro Woche wechselnden Terminen und Aussagen macht es für uns zunehmend zur Herausforderung, wirtschaftliche Produktionslose zu realisieren«, beschreibt Benjamin Thomsen, im Team Einkauf verantwortlich für den gesamten Einkauf bei inpotron Schaltnetzteile, die aktuelle Situation.

Nicht zufriedenstellend – so nennt Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement bei Block Transformatoren-Elektronik, die Liefer-Performance von Herstellern und Distributoren. »Teilweise war und ist bis kurz vor Anlieferung nicht klar, ob das benötigte Material nun eintreffen wird oder nicht.« In dieser Situation ein Pufferlager aufzubauen bezeichnet er als unmöglich. So sieht das auch Thomsen: »Das Generieren eines Puffers gestaltet sich weiterhin als schwierig bis unmöglich, da die Hersteller oft nur Teilmengen oder teilweise auch gar keine Ware liefern.« Dasselbe bei Stiebel Eltron: »Das Aufbauen von Beständen ist bei uns nicht möglich gewesen«, so Hansmann; »alles, was geliefert wurde, landete direkt in der Produktion und wurde dort bereits dringend erwartet«.

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Stefan Hansmann, Stiebel Eltron: »Ein Aufbau von Beständen war bei uns nicht möglich. Alles, was geliefert wurde, landete direkt in der Produktion und wurde dort bereits dringend erwartet.«
© WEKA FACHMEDIEN

Von bestätigten Lieferterminen, die mehrfach geschoben wurden, berichtet Torsten Schmidt, Senior Director Global Procurement bei der Puls-Gruppe: »Ein Pufferlager konnte in diesem Zusammenhang nicht aufgebaut werden, zumindest nicht im Sinne einer harmonischen Zusammensetzung: Letztlich fehlten dann immer ein paar Schlüsselkomponenten.« Als Konsequenz daraus hat man innerhalb der Puls-Gruppe seit 2020 den Second-Source-Anteil kontinuierlich gesteigert, um unabhängiger zu werden und flexibler auf Veränderungen am Markt und in der Lieferkette reagieren zu können.

Der Aufbau eines Pufferlagers gelang auch beim Maschinenbauer Kroenert nicht. Andrea Glawe, Regionale Verkaufsdirektorin bei Kroenert: »Die Lieferzeiten unserer Unterlieferanten haben sich teilweise dramatisch verändert!« Bereiteten bisher die Elektronikbauteile dem Einkauf bei Kroenert die größten Probleme, kommen nun mit dem Krieg in der Ukraine auch Stahl und Aluminium hinzu, »da unsere Lieferanten sehr stark in Russland eingekauft haben«.

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Benjamin Thomsen, inpotron Schaltnetzteile: »Unsere Bestellungen werden häufig in der Bestellannahme reduziert. Zur Sicherung unserer Versorgung reichen unsere Bestellungen inzwischen bis zu drei Jahre in die Zukunft.«
© inpotron Schaltnetzteile

Vor dem Hintergrund der steigenden Unzuverlässigkeit bei bestätigten Lieferterminen sieht auch Gerhard Reifner, Head of Corporate Supply Chain Management & IMS bei Recom, keine Chance, ein Pufferlager aufzubauen. Verantwortlich auch hier: der überdurchschnittliche Auftragseingang. Der anhaltend hohe Auftragseingang ist auch für Conzelmann mit dafür verantwortlich, »dass vor dem Hintergrund sich immer häufiger als unverbindlich erweisender Lieferzusagen oder sich kurzfristig ändernder Zusagen der Aufbau eines Pufferlagers nicht möglich war«.

Als Konsequenz der aktuellen Versorgungslage disponieren die Einkäufer immer weiter in die Zukunft. So reichen die Bestellungen für bestimmte Komponenten etwa bei Recom inzwischen bis 2024. Kritische Komponenten bestellt Pilz inzwischen mit einem Vorlauf von bis zu zwei Jahren. Bei der Puls-Gruppe wurden bereits die Aufträge bis Ende 2023 platziert, und bei inpotron Schaltnetzteile reichen die Bestellungen inzwischen bis zu drei Jahre in die Zukunft.

Pilz
Ruben Conzelmann, Pilz: »Wir haben alle Lieferungen von der Schiene auf Seefracht umgestellt. Luftfracht nutzen wir nach wie vor. Bei besonders kritischen Bauteilen bestellen wir mit einem Vorlauf von zwei Jahren.«
© Pilz

Thilo Hack, Vorstand des Batterie-Konfektionärs Ansmann, schildert die aktuelle Situation so: »Die Supply Chain besteht inzwischen nicht mehr aus den bekannten Strukturen der Hersteller und Distributoren, sondern wir sind täglich auf dem weltweiten Beschaffungsmarkt aktiv, um neben dem Produktionsbedarf unseren Lagerbestand deutlich aufzustocken.« Da viele Komponenten nicht mehr über direkte Quellen von den Herstellern zu bekommen seien, oder wenn, dann nur mit Lieferzeiten von bis zu 23 Monaten, müssen die benötigten Komponenten über Broker besorgt werden: »Das ist aufwendig und auch teuer; zusätzlich kommen noch Kosten für die Überprüfung und Analyse hinzu, um mögliche Fake-Ware auszuschließen.«

Einig sind sich alle Befragten aktuell in der Wahl des Transportweges. Wer vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine den Schienenweg nutzte, hat inzwischen wieder auf Seefracht oder, wo das möglich ist, auf Luftfracht umgestellt. Ein Schwenk, der die ohnehin angespannte Situation in diesen beiden Bereichen noch verschärfen dürfte und wohl zu weiter steigenden Container-Preisen führt. 


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