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Nadelöhr Verzollung

Elektronikbranche bekommt Brexitfolgen zu spüren

19. Februar 2021, 09:00 Uhr   |  Engelbert Hopf

Elektronikbranche bekommt Brexitfolgen zu spüren
© MoiraM/stock.adobe.com

Seit Beginn des Jahres kommt es im Warenverkehr zwischen der Europäischen Union und Großbritannien zu bisher nicht gekannten Verzögerungen.

Teilweise hängt die Ware bis zu zwei Wochen im Zoll fest, da der gesamte Prozess komplexer und aufwändiger geworden ist und zusätzlich durch Covid-19-Beschränkungen erschwert wird.

»Der Handel ist nur frei von Zollzahlungen, sofern der britische beziehungsweise EU-Ursprung einer Ware nachgewiesen wird«, so Dr. Andreas Gontermann, ZVEI-Chefvolkswirt. »Dies erfordert jedoch eine verhältnismäßig bürokratische Ursprungskalkulation, die kleinen und mittleren Unternehmen oft unbekannt ist.« Holger Kunze, Leiter des VDMA European Office in Brüssel, sieht das ähnlich: »Das Hauptproblem ist, dass die Partner und auch Dienstleister im Vereinigten Königreich im Regelfall kaum Erfahrung mit Drittlandsgeschäften haben und sich sehr unzureichend auf die veränderte Situation vorbereitet haben.«

Eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik unter Unternehmen der deutschen Elektronikbranche, die im intensiven Warenaustausch mit Großbritannien stehen, kommt zu ähnlichen Ergebnissen. »Was den Export nach Großbritannien angeht, sind unsere Transportpartner sehr gut aufgestellt«, berichtet etwa Josef Vissing, Deputy Head of Sales bei TDK Europe. »Allerdings kann man das nicht von allen Lieferanten und Kunden behaupten, wodurch mitunter Export-Dokumente fehlen. In solchen Fällen führt dies zu spürbaren Verzögerungen im Export-Prozess.« Wie massiv diese Verzögerungen ausfallen können, macht Gerhard Reifner, Head of Corporate Supply Chain Management & IMS bei Recom, deutlich: »Es gibt derzeit teilweise mehrwöchige Verzögerungen bei Paketanlieferungen zu den britischen Kunden. Natürlich beschweren sich die Kunden. Aber die Verzögerungen sind Brexit-bedingt und liegen außerhalb unseres Handlungsbereichs.«

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© Arrow

Martin Bielesch, Arrow Electronics: »Wir haben frühzeitig die Sendungen für unsere Kunden konsolidiert und auf Luftfracht umgestellt. Der Express-Versand ist damit quasi zum neuen Standard geworden.«

Auf Brexit ­vorbereitet?

In der deutschen Elektronikbranche hat man die sich über Jahre hinziehenden Verhandlungen zum Brexit offenbar vielerorts dafür genutzt, sich intensiv mit unterschiedlichsten, denkbaren Veränderungen in den Handelsbezie-
hungen einzustellen. Allen voran die mit internationalen Handelsbeziehungen vertrauten Distributoren. »Wir haben bei Arrow bereits vor mehreren Jahren eine bereichs- und länderübergreifende Task Force eingerichtet, welche die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien beobachtete und Lösungen für verschiedene Szenarien bis hin zum „No Deal“ entwickelt hat«, so Martin Bielesch, President EMEA Components bei Arrow Electronics. »Wir haben darum frühzeitig Sendungen für unsere Kunden konsolidiert und auf Luftfracht umgestellt, der Express-Versand ist quasi zum neuen Standard geworden.«

»Wir liefern über eine konsolidierte Sendung in das Vereinigte Königreich, wodurch wir einen hohen Dokumentationsaufwand für alle Beteiligten vermeiden können«, berichtet Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales für TTI in Europa. »Da wir alle konsolidierten Sendungen als Luftfracht auf den Weg bringen, wurden unsere Kunden bisher nicht mit spürbaren Lieferverzögerungen konfrontiert.« Welch erhöhter Aufwand für die Distributoren mit den veränderten Zollformalitäten verbunden ist, macht Jean Quecke, Sales Director (IPE) Central Europe bei Future Electronics, deutlich: »Der Personalaufwand hat sich bei uns durch den erhöhten Dokumentationsaufwand noch einmal erhöht; so sind inzwischen weitere Mitarbeiter in Leipzig nur für UK zuständig.«

»Gegenüber dem Konzept  des Digital-Loop bieten hybride  Lösungen, bei denen Sollwerte digital voreingestellt werden,  eine ähnlich Leistung.  Sie sind aber in technischen  Komplexität einfacher und somit oft schneller zielführend.«
© Block Transformatoren-Elektronik

Wolfgang Reichelt, Block Transformatoren-Elektronik: »Wir haben im Moment große Probleme, termingerecht nach England zu liefern, weil unsere Spediteure in den letzten Wochen teilweise die Frachtannahme nach England abgelehnt haben.«

Georg Steinberger, Vice President Communications bei Avnet Electronics EMEA, sieht die aktuellen Herausforderungen an den britischen Grenzen ausschließlich im Zusammenhang mit falsch ausgefüllten Papieren: »Aufgrund des zusätzlichen Arbeitsaufkommens haben die britischen Behörden mehr Personal eingestellt, aber das neue Personal braucht Zeit und Schulung, um Wirkung zu zeigen.« Aus seiner Sicht werden die auftretenden Verzögerungen beim Zoll von den Kunden, die sich darauf eingestellt hätten, weitgehend akzeptiert.

Bei großen Bauteileherstellern hat man zum Teil auf die direkte Belieferung britischer Kunden ab Werk umgestellt. So etwa auch bei Vishay. »Wir haben deshalb bislang keine relevanten Veränderungen festgestellt«, versichert Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing bei Vishay; »in kritischen Einzelfällen haben wir die betroffenen Kunden auf Expressbelieferung umgestellt«.

»Um Verzögerungen bei der Belieferung von Kunden zu vermeiden, arbeitet Infineon eng mit Logistikanbietern zusammen«, so Fabian Schiffer, Pressesprecher bei Infineon Technologies. »Aktuell sehen wir, dass alle Transporte auf normalem Niveau sind. Dennoch lässt sich der kurz- und mittelfristige Verlauf nicht in vollem Umfang abschätzen.«

Für Thomas Hase, Director Supply Chain Management Europe bei Renesas Electronics Europe, schlägt sich der immense Mehraufwand durch die erhöhte Dokumentation nicht nur im Warentransport zum Kunden, sondern auch unternehmensintern im Zuge der Warenverteilung an die verschiedenen Niederlassungen in ganz Europa nieder. »Im Schnitt sind derzeit vier bis fünf Tage für die Zollabwicklung erforderlich«, so Hase. »Im Januar haben wir temporär von Economy- auf Expresslieferung umgestellt, inzwischen laufen die Lieferungen wieder auf Economy.« Er weist aber eindringlich darauf hin, »dass im Warenverkehr mit Großbritannien dringend längere Vorlauf-, Transport- und Abwicklungszeiten einzuplanen sind«.

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2. Problem Zollabfertigung

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ZVEI Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie e.V., VDMA Verband Deutscher Maschinen- u. Anlagenbau e.V., TDK Electronics Europe GmbH, RECOM Power GmbH, Arrow Electronics, TTI, Inc., FUTURE ELECTRONICS Deutschland GmbH, Avnet Embedded (Avnet EMG GmbH), Vishay Electronic GmbH, Infineon Technologies AG, Renesas Electronics Europe GmbH, Würth Elektronik eiSos GmbH & Co. KG, CAMTEC Systemelektronik GmbH, BLOCK Transformatoren- Elektronik GmbH, TDK-LAMBDA Germany GmbH, EMTRON electronic GmbH , Pickering Interfaces GmbH, ODU GmbH & Co. KG