Würth Elektronik setzt auf Start-ups

»Start-ups bringen Tempo und Mut«

27. Januar 2026, 7:30 Uhr | Engelbert Hopf
Wir wollen, das Startups aus einer starken Idee ein belastbares Produkt machen können. Dazu öffnen wir Labs, teilen Applikationswissen, entwickeln gemeinsam Prototypen weiter und begleiten Skalierung und Lieferkettenaufbau um einer Idee zur Marktreife zu verhelfen.
© Würth Elektronik eiSos

Gute Ideen, so Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos, dürfen nicht Scheitern, weil Know-how oder der Zugang zu Tests fehlt, oder die Lieferkette hapert. Start-up-Förderung heißt für ihn darum: glänzende Ideen messbar und reproduzierbar machen, um sie dann in Serie fertigen zu können. 

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Markt&Technik: Im Zusammenhang mit KI gewinnt die Zusammenarbeit mit Start-ups für etablierte Unternehmen zusätzlich an Bedeutung. Sie arbeiten schon seit Längerem mit Start-ups zusammen. Wie viele Start-ups haben bisher das »Würth Elektronik-Programm« durchlaufen?

Ich würde die Zusammenarbeit nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren, weil sie von kurzen, sehr technischen Co-Engineering-Phasen bis zu länger angelegten Entwicklungskooperationen reicht. Für uns ist weniger die Menge als die Wirkung ausschlaggebend: Start-ups bringen Tempo und Mut, wir ergänzen dies mit Applikationswissen, Testumgebungen, Industrialisierungserfahrung und einem Netzwerk, das aus Prototypen belastbare Produkte macht. Nehmen Sie beispielsweise Agile Solutions, Hula Earth und Organifarms: Agile Solutions hat mit uns einen LED-Vorhang mit rund 700 Mid-Power-LEDs für Indoor-Mikroalgenproduktion entwickelt. Hula Earth bringt seine BioT-Sensoren für Biodiversitätsmessung mit unserer Unterstützung von handgefertigten Prototypen in Richtung Serienfertigung, und Organifarms hat seinen Ernteroboter BERRY mithilfe unserer LED-Boards so weiterentwickelt, dass er unter wechselnden Lichtbedingungen zuverlässig Reifegrade erkennen kann und damit 24/7 einsatzfähig wird. Dazu kommen weitere Kooperationen wie mit hydrop systems und dem »hydropmeter« als Funk-Lesegerät für vorhandene Wasserzähler zur Verbrauchsüberwachung und Leckage-Erkennung.

Mit dem Thema Start-up verbindet Sie auch eine sehr persönliche Erfahrung. War das mit der Grund, sich für dieses Thema zu engagieren?

Ja, definitiv. Ich kenne typische Start-up-Hürden nicht nur aus der Theorie, sondern aus eigener Erfahrung. In der Vergangenheit scheiterte ein frühes eigenes Start-up-Projekt daran, dass ein benötigtes Bauteil im Centbereich nicht in der erforderlichen kleinen Stückzahl verfügbar war und jegliche Unterstützung durch den Distributor fehlte. Solche Erlebnisse haben mich geprägt: Gute Ideen dürfen nicht zum Scheitern verurteilt sein, weil es an Know-how, am Zugang zu Tests fehlt oder es in der Lieferkette hapert.

Es gibt deutlich mehr Start-ups im Software-Bereich als im Feld der Hardware. Worauf konzentriert sich Würth Elektronik? Ausschließlich auf Hardware? Wenn ja, warum?

Als Hersteller elektronischer und elektromechanischer Bauelemente kommen wir aus der physischen Welt. Schon deshalb liegen unsere Schwerpunkte auf Stromversorgung, EMV, Kühlung, Bauteilauswahl, aber eben auch auf Skalierbarkeit und industrieller Umsetzbarkeit. Gerade im KI-Umfeld sehen wir häufig, dass Start-ups die Hardware als eine Art »stille Voraussetzung« unterschätzen. Unsere Rolle ist es, den Blick auf diese Basis zu schärfen und den Weg von der Idee zur marktreifen, serienfähigen Lösung eng zu begleiten.

Gab es schon einmal ganz konkret eine Start-up-Idee für ein PEMCO-Bauelement, das Sie in Ihr Förderprogramm aufgenommen haben?

Ja, solche Fälle gab es. Start-ups kommen durchaus mit sehr konkreten Ideen, die im Kern auf ein passives Bauelement abzielen – zum Beispiel auf eine spezielle Induktivität, einen Filteransatz oder ein neues Packaging im Hinblick auf Miniaturisierung, Temperaturfestigkeit oder EMV-Verhalten. Wir prüfen solche Ansätze dann, wenn sie ein reales Systemproblem adressieren und über das Labor hinaus Perspektive haben. Zu einzelnen technischen Spezifikationen oder Projektinterna kann ich im Detail nichts sagen, da wir gerade in frühen Phasen häufig Vertraulichkeit vereinbaren. Aber der Projekttyp ist absolut real: Entscheidend ist nicht die »glänzende Idee«, sondern ob sie sich messen lässt, reproduzierbar und später auch in der Serie zuverlässig umsetzbar ist.

Gibt es Anwendungsbereiche, die Sie besonders im Auge haben? Muss der finanzielle Markterfolg eines geförderten Start-ups direkt auf den Unternehmenserfolg der Würth Elektronik einzahlen, oder verfolgen Sie andere Ziele?

Bei uns zählt natürlich, ob eine Idee technisch tragfähig ist und ob sie in Serie gehen kann. Wir arbeiten nach dem Grundsatz »Electronics for Positive Impact«: Bei der Entwicklungsunterstützung ist nicht allein der kommerzielle Erfolg entscheidend, sondern ausdrücklich auch der Nutzen für Umwelt und Gesellschaft. Im Kern geht es darum, Hürden zu entfernen, Wissen zu teilen und aus Prototypen robuste Produkte zu entwickeln, die skalieren können, ohne beim zweiten Schritt zu stolpern.

Im Allgemeinen engagieren sich bei Start-ups ja VCs. Welche Vorteile bietet dagegen die Förderung durch ein etabliertes Unternehmen?

Kapital ist wichtig, aber bei Hardware ist Zeit oft die härtere Währung: Zugang zu Labors, Testumgebungen, Bauteilen, Applikationsingenieuren und zu einem Netzwerk, das Fertigung, Lieferkette und Pilotkunden zusammenbringt. Wir verstehen uns nicht als reiner Lieferant, sondern als Co-Developer: Wir hören zu, gehen früh in Projekte, stellen Samples, Referenzdesigns und Testumgebungen bereit und öffnen unser Netzwerk bis hin zu Pilotkunden, die Lösungen unter Realbedingungen testen. Zusätzlich erhöht eine Kooperation mit einem etablierten Industriepartner häufig die Glaubwürdigkeit gegenüber weiteren Stakeholdern, auch gegenüber Investoren.

Ist es in erster Linie Ihr Ziel, die Idee eines Start-ups zur Marktreife zu entwickeln und das Start-up dann in den Konzern zu integrieren, oder sehen Sie sich in erster Linie als Unterstützer, der einem Unternehmen mit einer guten Idee in den Markt hilft?

Unser Selbstbild ist das eines Technologiepartners und Enablers. Wir wollen nicht »KI betreiben«, sondern ermöglichen, dass KI-Hardware und KI-nahe Elektronik performant, effizient und zuverlässig funktioniert und dass Start-ups aus einer starken Idee ein belastbares Produkt machen können. Deshalb öffnen wir Labs, teilen Applikationswissen, entwickeln gemeinsam Prototypen weiter und begleiten Skalierung und Lieferkettenaufbau. Es ist also die Logik eines Unterstützers, der Marktreife möglich macht.

Woran können nach Ihrer bisherigen Erfahrung Start-ups in der Zusammenarbeit mit einem Unternehmen scheitern? Unterschiedliche Länge von Entscheidungswegen, unterschiedliche Zeithorizonte im Erreichen von Zielen, zu große Unterschiede in den »Unternehmenskulturen«?

Drei Muster sehe ich besonders oft. Erstens wird Hardware unterschätzt, obwohl eine instabile Stromversorgung oder ein übersehenes EMV-Problem eine brillante Idee kippen kann. Zweitens wird zu wenig Augenmerk auf Umsetzbarkeit und Skalierbarkeit gelegt. Drittens fehlt Commitment, gerade auch auf der Industrieseite: Kooperation gelingt nur, wenn man wirklich gemeinsam wachsen will und die Industrie bereit ist, den ersten Schritt zu gehen. Genau deshalb versuchen wir, früh als Co-Developer einzusteigen und nicht erst dann, wenn ein Prototyp »irgendwie läuft«.

Oft sind Start-up-Gründer sehr stark auf die technischen Details ihrer Idee fokussiert. Schließlich muss man von seiner Idee überzeugt sein, um ein Start-up zu gründen. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht der menschliche Aspekt bei der Entscheidung für die Zusammenarbeit mit einem Start-up?

Extrem wichtig. Technik kann man iterieren, Haltung nicht so leicht. Wenn wir sagen »wir hören zu« und bringen unsere Applikationsingenieure früh rein, dann funktioniert das nur, wenn auf der anderen Seite Offenheit da ist: für Feedback, für unangenehme Fragen zur Serie, für das Eingeständnis, dass ein »kleines Detail« manchmal das große Risiko ist.

Ist es bei Ihrer Zusammenarbeit mit Start-ups schon einmal vorgekommen, dass sich die Zielrichtung, zum Beispiel der Marktansatz, im Zuge der Zusammenarbeit verändert hat und das letztlich entscheidend zum Erfolg des Start-ups beitrug?

Oft verändert sich weniger »die Vision« als die Route dorthin. In Co-Engineering-Sessions wird aus einer Idee, die zunächst als Prototyp gedacht ist, ein Konzept, das auch in Serie funktioniert: Topologien werden vereinfacht, Bauteile standardisiert, EMV und thermische Effekte robust gemacht, Lieferkettenrisiken reduziert. Und ja: Das kann am Ende auch den Marktansatz beeinflussen, weil ein Produkt, das zuverlässig skalieren kann, plötzlich andere Kunden, andere Stückzahlen und andere Einsatzfelder realistisch adressiert.

Start-ups bringen neue Ideen. Aber was ist, wenn die Realisierung dieser neuen Idee das eigene Geschäft kannibalisieren würde? Wäre es dann nicht naheliegend, die Idee zu killen? Oder würden Sie sagen, wenn wir das nicht aufgreifen, tun es andere, und so behalten wir die Kontrolle über die Entwicklung?

Unsere Sicht ist: Die größte Gefahr ist oft nicht »zu viel KI« oder »zu viel Innovation«, sondern nichts zu tun. Wenn eine Entwicklung absehbar kommt, ist es strategisch klüger, sie aktiv mitzugestalten als nur zu reagieren. Kooperation bedeutet hier nicht, das eigene Geschäft leichtfertig zu unterminieren, sondern früh zu verstehen, wo sich Wertschöpfung verschiebt und wie man Qualität, Effizienz und Nachhaltigkeit berücksichtigt. Wer stehen bleibt, wird irgendwann überholt, nicht selten von genau den Leuten, die heute noch als zu klein gelten.

Abschließende Frage: Woran scheitern Ihrer Erfahrung nach Start-ups in Deutschland am häufigsten: mangelnde finanzielle Unterstützung, keine marktreife Produktidee oder zu wenig Zeit, um die Idee zu einem marktfähigen Produkt zu entwickeln?

Erstens Finanzierung und »Runway«, zweitens fehlender Product-Market-Fit beziehungsweise fehlender Marktbedarf. Für Hardware-Start-ups kommt oft eine dritte Ebene hinzu: die Komplexität der Industrialisierung, also Serie, Qualität, Zulassungen, Lieferketten, was Zeit und Kapital gleichzeitig frisst.


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