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Keith Moore, CEO Pickering Interfaces

»Der Brexit macht uns keine Angst«

25. Oktober 2019, 10:30 Uhr   |  Markus Haller

»Der Brexit macht  uns keine Angst«
© kostasgr | Shutterstock.com

Spannung im Brexit gebrochen - britische Unternehmen mit Produktion und Zielmarkt in der EU haben wenig zu befürchten.

Pickering Interfaces ist ein britisches Unternehmen und auf Export angewiesen. Der Brexit ist für die Geschäftsführung aber kein Grund zur Sorge.

Schon in der frühen Phase der Brexit-Verhandlungen zeigten sich britische Unternehmen besorgt: Fehlende Grundlagen für die Budgetplanung, viel zu eingeschränkte Sicht bei den Umsatzprognosen und offene Zollfragen waren nur einige der Kritikpunkte. Kritikpunkte, die den CEOs unruhige Nächte bereitet haben dürften.

Ganz anders präsentiert sich die Lage für Keith Moore, CEO von Pickering Interfaces. Der Konkurrent von National Instruments und Keysight hat seinen Hauptsitz im südenglischen Essex und scheint mit dem Brexit wenig zu tun zu haben. »Wir haben den Großteil unserer Fertigung in Tschechien«, erklärt Moore. »Wie auch immer der Brexit konkret umgesetzt wird, es beeinträchtigt uns nur am Rande. Der Brexit macht uns keine Angst.«

Nah dran an Kontinentaleuropa

Rund 75 Prozent von Pickerings Produktion befinden sich innerhalb der EU. In Mitarbeiterzahlen bedeutet das rund 200 Mitarbeiter am Produktionsstandort Tschechien, 180 in Großbritannien, überwiegend für Forschung und Entwicklung und weitere rund 20 Mitarbeiter in weltweiten Vertriebsbüros.

Was das Geschäftsmodell anbetrifft, sieht Moore sein Unternehmen nicht typisch britisch. »Unser Geschäftsmodell ist sehr ähnlich zu dem eines deutschen Mittelständlers. Wir arbeiten ausschließlich mit Eigenkapital und haben eine Wertschöpfungstiefe, um langzeitverfügbare Komponenten zu garantieren. So viele Her­stellungsprozesse selbst zu beherrschen, macht uns flexibler bei kundenspezifischen Entwicklungen.« In einigen Fällen könne sogar schneller produziert werden, als ein Produkt aus einem großen Warenlager in Fernost zu verschicken.

Keith Moore nimmt den United Kingdom's Queen’s Award entgegen.
© Pickering Interfaces

Keith Moore nimmt den United Kingdom's Queen’s Award entgegen.

Investoren und Kredite sind traditionell der Wachstumstreiber für Unternehmen. Dass es auch anders geht, zeigt der jüngste Wachstumskurs des britischen Unternehmens. Aktuell wurde eine zweite Fertigung in Tschechien mit 3400 m² aufgebaut. »Wir planen in Tschechien mit rund 100 neuen Mitarbeitern in den nächsten fünf bis zehn Jahren«. In den vergangenen drei Jahren wuchs der Unternehmensumsatz um jeweils mindestens 25 Prozent. Dafür erhielt das Unternehmen den Queens-Award. Alles ohne externe Geldgeber und Bankkredite. »Bei etwa 1600 verschiedenen Produktentwicklungen können wir es uns auch erlauben, wenn bei einer Entwicklung kein Profit herausspringt. So lange das nicht zu oft passiert, machen wir uns keine Sorgen«, erklärt Moore und ergänzt mit einem Augenzwinkern: »Und um ehrlich zu sein, ein Geschäftsleben ohne Rechenschaftspflicht alle drei Monate macht mir auch mehr Spaß.«

Robust gegen Konjunkturschwankungen

Das größte Unternehmenskapital sieht Moore in der Mitarbeiterbindung. Die Mitarbeiterzahl solle sich nicht an der aktuellen Konjunktur ausrichten. »Wir wollen nicht in guten Zeiten einstellen und in schlechten Zeiten Personal entlassen. Und in den nächsten zwei oder drei Jahren werden wir schlechte Zeiten erleben – in Großbritannien ganz sicher«. Auf die Frage, wie das ehrenwerte Ziel nicht den wirtschaftlichen Notwendigkeiten zum Opfer falle, antwortet der CEO: »Für diese Zeiten greifen wir auf unser angesammeltes Kapital zurück, um die Mitarbeiterzahl stabil zu halten, wenn wir es müssen.« Ein bemerkenswertes Versprechen angesichts der spürbar abklingenden Wirtschaft.

Die finanzielle Stabilität für diese Mitarbeiterpolitik liege in der hohen Amortisationszeit. Einige Relais-Produkte werfen laut Moore erst nach fünf oder zehn Jahren Gewinn ab. Wenn die Gegenwart aus dem Erfolg der Vergangenheit finanziert werden kann, ergibt sich theoretisch eine gewisse Robustheit gegen konjunkturelle Einbrüche. Die wird nun praktisch auf die Probe gestellt. »In diesem Jahr sehe ich so gut wie kein Umsatzwachstum, aber das geht auch unseren Marktbegleitern so. Bei Schaltmodulen tut sich aktuell recht wenig am Markt.« Die stockende Automobilindustrie, einer der großen Abnehmer von Schaltmodulen, beunruhigt Moore aber nicht. Er sieht den Megatrend zur Elektrifizierung von Fahrzeugen als langfristigen Wachstumstreiber für seine Branche.

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