Würth Elektronik auf der DLD-Konferenz

Die Crux mit dem Wandler: kein Exo-Handschuh ohne Power

20. Januar 2026, 14:06 Uhr | Von Ute Häußler
Per Handschuhe zur Power-Hand - die Exo-Orthese ist 160 Gramm leicht, die rund 600 Gramm schwere Steuerungseinheit wird auf dem Rücken getragen. Durch Standardisierung soll der Preis nur rund ein Viertel der bisher üblichen Kosten für maßgeschneiderte Modelle betragen.
© Philipp Guelland for DLD

Mit der Robo-Orthese »MotionMate« sollen gelähmte Menschen wieder Greifen – zu knapp einem Viertel der üblichen Kosten. Doch der Weg zur Marktreife hing an einem medizinkonformen DC/DC-Wandler. Würth und Powered Orthotics zeigten auf der DLD 2026 in München, wie der Power-Handschuh Realität wird.

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Morgens den Kaffee kochen, ein Brot schneiden oder eine Banane schälen – was für die meisten von uns wie selbstverständlich zum Morgenritual gehört, stellt über 100 Millionen Patienten mit Handschwäche, Lähmungen nach einem Schlaganfall, Rückenmarksverletzungen oder auch neurologischen Erkrankungen vor zumeist unüberwindbare Hürden. Mit dem MotionMate-Handschuh will das Heidelberger Startup Powered Orthotics dies ändern und den Betroffenen wieder einen selbstbestimmteren Alltag ermöglichen.

Im Health-Track der Münchner Digital-Life-Design Konferenz 2026 (DLD) saß Gründer Ryan Alicea gemeinsam mit Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos Gruppe, und Prof. Dr. Lorenzo Masia, Professor für Intelligente Bio-Robotik-Systeme an der Technischen Universität München auf der Join Stage und stellte den durchaus holperigen Entwicklungspfad des Medizingerätes-to-be vor. Anhand des MotionMate-Handschuhs zeigte das Panel im Herzen des Hauses der Kommunikation von Serviceplan gleichzeitig exemplarisch, wie Startups, Industrie und Wissenschaft gemeinsam Health-Tech-Innovationen vom Prototyp zur quasi marktreifen Anwendung bringen.

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Gründer Ryan Alicea (Mitte) gemeinsam mit Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos Gruppe (rechts), und Prof. Dr. Lorenzo Masia, Professor für Intelligente Bio-Robotik-Systeme an der Technischen Universität München (links).
Gründer Ryan Alicea (Mitte) gemeinsam mit Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos Gruppe (rechts), und Prof. Dr. Lorenzo Masia, Professor für Intelligente Bio-Robotik-Systeme an der Technischen Universität München (links).
© Philipp Guelland for DLD

Die Technologie hinter MotionMate entstand aus einer Doktorarbeit an der Universität Heidelberg, wo frühe Prototypen der Exo-Orthese gemeinsam mit Medizinern und Betroffenen getestet wurden. Doch auf dem Weg zur Marktreife stand das ausgegründete Startup Powered Orthotics vor einem Problem, das ohne externe Expertise – in dem Falle von Würth Elektronik eiSos als Entwicklungspartner – nicht zu lösen gewesen wäre.

Soft-Handschuh mit Power-Rucksack

Der »MotionMate« besteht aus drei Hauptkomponenten: einem textilen Handschuh, der die beeinträchtigte Hand umschließt und nur 160 Gramm wiegt, einem Kopplungssystem, das die Kraft überträgt, und einer wasserdichten Steuereinheit mit Batterie. Diese am unteren Rücken getragene Tasche wiegt nur etwa 600 bis 800 Gramm und enthält den DC/DC-Wandler, die Batterie sowie die Sensorik zur Kraftmessung.

Menschen mit motorischen Einschränkungen – gerade nach einem Schlaganfall – haben sehr oft Schwierigkeiten, einen ihrer beiden Arme zu heben. Daher war es für die Alltagstauglichkeit und ein bequemes Tragen entscheidend, sämtliche Elektronik und das Gewicht vom Handschuh weg und näher zum Körperschwerpunkt zu verlagern. Die Greifkraft-Messung erfolgt über Sensoren im Steuerungssystem, nicht im Handschuh selbst, was die textile Konstruktion leicht und flexibel hält.

Das DLD-Panel auf der Join Stage im Herzen des Haus der Kommunikation, dem Stammsitz der Serviceplan-Gruppe.
Das DLD-Panel auf der Join Stage im Herzen des Haus der Kommunikation, dem Stammsitz der Serviceplan-Gruppe.
© DLD / Hubert Burda Media

Die Crux mit dem Wandler

»Mit marktüblichen Komponenten konnten wir unsere gewünschten Spezifikationen und die Anforderungen an ein Medizingerät nicht erreichen – das war eine große Hürde für uns«, erinnert sich Alicea an die erste Entwicklungsphase. Das Ziel für die Orthese war damals bereits klar definiert: Eine Greifkraft von drei Kilogramm, acht Stunden Batterielaufzeit und das beste Verhältnis zwischen Leistung und Gewicht auf dem Markt lauteten die startup-like sehr ambitioniert formulierten Ziele. Doch genau hier lag die technische Hürde: Der DC/DC-Wandler musste nicht nur möglichst klein und effizient sein, sondern auch medizinische Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Im Gegensatz zu Consumer-Elektronik unterliegen Medizinprodukte strengen MOPP-Vorschriften (Means of Patient Protection). »Man muss eine Isolierung in die Stromversorgung einbringen. Das wird durch den Wandler erreicht«, erklärt Alexander Gerfer. Dieser Wandler muss den Patienten unter allen Umständen vor gefährlichen Stromschlägen schützen. Doch hier beginnt der Zielkonflikt: »Will man den Wandler auf optimale Effizienz auslegen, steht das im kompletten Widerspruch dazu, ihn sicherheitskonform zu gestalten«, so der CTO aus Sicht des erfahrenen Entwicklungspartners. Die notwendigen Sicherheitsabstände und Isolationen führten zu parasitären Effekten – zusätzliche Induktivitäten durch längere Drähte und größere Distanzen zwischen den Wicklungen verschlechterten die Effizienz und erhöhten die Verluste.

Alexander Gerfer ist CTO der Würth Elektronik eiSos und wurde von Moderatin Jennifer Wilton als "lieber Freund des Hauses" auf die DLD-Bühne geholt.
Alexander Gerfer ist CTO der Würth Elektronik eiSos und wurde von Moderatiorin Jennifer Wilton als "lieber Freund des Hauses" auf die DLD-Bühne geholt.
© Karl-Josef Hildenbrand / DLD

Maßarbeit in vier Wochen

Für Powered Orthotics wurde diese technische Realität monatelang zum Entwicklungsstopp. Standard-Wandler vom Markt erfüllten weder die MOPP-Anforderungen oder waren schlicht zu ineffizient, zu schwer und zu groß. »Der Teufel steckt im Detail«, bringt Gerfer das Dilemma der Power-Entwicklung auf den Punkt. Seine Motivation, Startups bei solchen Problemen zu unterstützen, ist persönlicher Natur: Bei seinem eigenen Startup vor vielen Jahren scheiterte ein vielversprechendes Produkt daran, dass ein einziges Bauteil nicht verfügbar war. Das Gerät kam nie auf den Markt – eine Erfahrung, die ihn bis heute zum Helfen antreibt.

Im Hintergrundgespräch nach dem Healthtech-Talk auf der DLD wird deutlich, wie entscheidend die Zusammenarbeit für das Startup und sein neues Medizinprodukt war. Als Powered Orthotics mit Würth Elektronik eiSos in Kontakt kam, gab Alicea eine enge Zeitschiene vor: vier bis fünf Wochen bis zum Liefertermin. »Ich hatte Zweifel, wie agil der Entwicklungsprozess sein könnte«. Ein so großes Unternehmen als Partner, »German Engineering« noch dazu – doch die Zweifel waren unbegründet: »Nach etwa zwei Tagen war der erste Prototyp des Wandlers fertig«, so Gerfer. Die echte Herausforderung lag nun darin, den sogenannten »Sweet Spot« - den optimalen Betriebspunkt zwischen normalem Modus, wenn die Hand sich bewegt und Kraft aufbringt, und dem Low-Power-Modus in Ruhephasen zu finden. Nach vier bis fünf Wochen lag ein funktionierendes Power-system, welches die MotionMate-Spezifikationen exakt traf und zugleich alle Sicherheitsanforderungen, auch für die Medizin, erfüllte.

Auf der DLD-Bühne sprach Alicea offen über eine Herausforderung, die viele Entwicklerteam, gerade in Deutschland, bremse: »Man muss einfach anfangen, auch wenn man am Anfang nicht alles weiß. Man lernt durch Tun. Je schneller man etwas ausprobieren, scheitern und neu versuchen kann, desto weiter kommt man«. Sein Rat an Startups: »Don’t put fear first«, dafür lieber agil bleiben und iterativ arbeiten. Auch auf Seiten von Würth Elektronik eiSos war es genau diese Hands-On-Mentalität, die die Zusammenarbeit schlussendlich erfolgreich machte: Das etablierte Unternehmen ist es ebenso gewohnt, agil zu denken und konnte den Startup-Pace locker mitgehen.

Aliceas Rat an Startups: »Don’t put fear first«, dafür lieber agil bleiben und iterativ arbeiten. Auch auf Seiten von Würth Elektronik eiSos war es genau diese Hands-On-Mentalität, die die Zusammenarbeit schlussendlich erfolgreich machte.
Aliceas Rat an Startups: »Don’t put fear first«, dafür lieber agil bleiben und iterativ arbeiten. Auch auf Seiten von Würth Elektronik eiSos war es genau diese Hands-On-Mentalität, die die Zusammenarbeit schlussendlich erfolgreich machte.
© Philipp Guelland for DLD

Immer unterschätzt: Das Power-Management

Gerfer dagegen beobachtete bei der Handschuh-Entwicklung eine Problematik, die ihm bereits in vielen Entwicklungsprojekten begegnet war: »Die Stromversorgung wird meist zunächst vergessen oder viel zu spät in den Entwicklungsprozess einbezogen«. Während gerade viel über GPUs für KI-Anwendungen gesprochen werde, falle das Power Management oft aus dem Fokus. Dabei sei die Energieversorgung gerade bei batteriebetriebenen, tragbaren Medizinprodukten die kritische Komponente. Würth Elektronik setzt daher auf eine frühzeitige Zusammenarbeit, was in der Praxis bedeute: Design-Reviews bereits in der Konzeptphase, Verfügbarkeitsprüfungen, Lebensdauerberechnungen und EMV-Vortests im eigenen Labor in Freiham und Waldenburg, bevor der teure Gang zur Zertifizierung ansteht. Der maßgefertigte Wandler für MotionMate könnte künftig sogar als Standardbauteil global verfügbar sein – ohne Mindestbestellmengen, produziert in München, den USA oder Asien, je nach Stückzahl und Lieferkette.

Edge-KI für den Exo-Handschuh

Für die Sprach- und Befehlserkennung des Orthesenhandschuhs von Powered Orthotics läuft aktuell bereits ein kleines Machine-Learning-Modell in der dazugehörigen App. Doch die Vision für den »MotionMate« geht weiter. »Alles, was mit KI zu tun hat, muss langfristig offline auf dem Gerät laufen«, erklärt Alicea. Aus Datenschutzgründen sollen sämtliche Informationen über die Biomechanik und das Nutzungsverhalten lokal gespeichert und verarbeitet werden. Die Zukunft liege für ihn in Edge-KI: personalisierte Modelle, die die individuellen Bewegungsmuster des Nutzers verstehen und sich adaptiv anpassen. Alexander Gerfer bestätigt: »AI on the Edge – das ist der nächste Schritt für tragbare Medizingeräte. Jetzt war es aber zunächst wichtig, das Gerät in Betrieb zu bringen«.

»Alles, was mit KI zu tun hat, muss langfristig offline auf dem Gerät laufen«, erklärt Alicea. Aus Datenschutzgründen sollen sämtliche Informationen über die Biomechanik und das Nutzungsverhalten lokal gespeichert und verarbeitet werden.
»Alles, was mit KI zu tun hat, muss langfristig offline auf dem Gerät laufen«, erklärt Alicea. Aus Datenschutzgründen sollen sämtliche Informationen über die Biomechanik und das Nutzungsverhalten lokal gespeichert und verarbeitet werden.
© Philipp Guelland for DLD

Von der Entwicklungshürde zur Marktreife

Im Gegensatz zu Konkurrenz-Orthesen, die individuell angepasst werden und deren Preise zwischen 40.000 bis zu 60.000 Euro liegen können, ist MotionMate ein standardisiertes Produkt. Es wird in verschiedenen Größen auf den Markt kommen und kann dazu sehr einfach weiter individuell angepasst werden. Das bedeutet nicht nur weniger Aufwand für die Betroffenen, sondern schlägt sich auch in einem sehr günstigen Preis zwischen 10.000 bis 15.000 Euro nieder – was nur knapp einem Viertel der sonst üblichen Kosten entspricht. Am wichtigsten ist aber der Umstand, dass die Orthese damit ins deutsche Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen wird – ein entscheidender Vorteil bei der Kostenerstattung durch Krankenkassen, da maßgefertigte Lösungen dort nicht aufgenommen sind.

Die CE-Zertifizierung als Klasse-I-Medizinprodukt ist laut Ryan Alicea für Juni geplant, der Marktstart für den Spätsommer. Aktuell laufe eine Usability-Studie mit 15 Probanden. Die Anwendungsfälle konzentrieren sich auf zweihändig ausgeführte Tätigkeiten, wie etwa beim Brotschneiden. »Bei diesen Aufgaben fungiert eine Hand als Krafthand und die andere als Präzisionshand,« erklärt Alicea den Test-Ansatz. Normalerweise werde die gesunde Hand als Krafthand genutzt. »Mit dem MationMate-Handschuh wollen wir, dass die Betroffenen ihre beeinträchtigte Hand als Krafthand einsetzen – und ein Brot halten, während die gesunde Hand mit mehr Feinmotorik schneidet«. Obwohl der Gründer bereits von der Technologie restlos begeistert war, hat es beim ersten klinischen Test am Patienten nochmal richtig »Klick« gemacht. »Wir bringen ein Medizinprodukt auf den Markt, das echten Nutzen und eine echte Wirkung im Leben der Menschen hat«, fasst Alicea seinen ganz persönlichen Motivations-Boost zusammen. Dank des Power-Wandlers kommt mit der Orthese nun mehr Unabhängigkeit in den Alltag der Betroffenen – und die beginnt bei scheinbar banalen Dingen wie einer Scheibe Brot und einer Tasse Kaffee.


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