Passive Bauelemente

Entspannung der Halbleiterlieferkette

15. November 2022, 6:30 Uhr | Engelbert Hopf
Vishay, Passive Bauelemente.jpg
Ausbau der Produktionskapazitäten bei passiven Bauelementen macht sich am Markt bemerkbar.
© Vishay

Leichte Beruhigung auf hohem Niveau, so stellt sich der Markt für Passive im Herbst 2022 dar. Auch für 2023 bleibt die Branche trotz sich eintrübender konjunktureller Erwartungen optimistisch und rechnet mit weiterem Wachstum im Zuge des laufenden Transformationsprozesses der Elektronikbranche.

Aussagen über die aktuelle Entwicklung im Bereich passiver Bauelemente zu treffen, ohne dabei immer auch die Situation im Bereich Halbleiter im Blick zu haben, ist fast unmöglich. Und so hat die Tatsache, dass inzwischen »mehr und mehr aktive Bauelemente plötzlich geliefert werden können«, wie es Jean von Redwitz, Sales Director EMEA Passive Components bei Future Electronics, ausdrückt, sicher einen überaus positiven Einfluss auf die Entwicklung im Bereich passiver Bauelemente. Beklagten in den letzten zwei Jahren doch vor allem Hersteller, die für den Automobil- und Automotive-Markt liefern, dass sie zwar im vereinbarten Umfang liefern könnten, allein die Automobil- und Automotive-Branche aufgrund fehlender Halbleiter nicht die ursprünglich vorgesehenen Stückzahlen produzieren könne.

Ein Problem, das scheinbar nur langsam gelöst werden kann. »Unsere Kunden haben nach wie vor hohe Auftragsbestände, welche abgearbeitet werden müssen«, so von Redwitz. »Sie haben zwar einerseits hohe Lagerbestände, aber gleichzeitig kämpfen sie mit einer Shortage an Komponenten, um ihre Produkte endgültig fertigstellen zu können. Das kann letztlich für sie zu Cashflow-Problemen führen.« Beim Auftragseingang, so der Distributions-Spezialist, »läuft es bei vielen Kunden nach wie vor gut. Es kommen viele neue Applikationen und Anwendungen auf sie zu, beispielsweise aus den Bereichen IoT, IIoT, Automotive, Security, Home Appliance, Energie und Militärtechnik, um hier nur einige zu nennen«. Nur der Bedarf im Bereich Konsumelektronik könnte in Zukunft nach seiner Einschätzung stagnieren oder fallen.

Nach Einschätzung von Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Passives bei Vishay, »hat sich der Markt trotz weiterhin zum Teil hoher Lieferzeiten etwas beruhigt«. Aus seiner Sicht wird besonders die Distribution zurückhaltender »und schaut wie immer zum Jahresende vermehrt auf ihre Lagerbestände«. Da sich die Lieferzeiten darüber hinaus durch inzwischen zusätzlich am Markt wirksam gewordene Kapazitäten etwas entspannen, normalisiert sich nach Lüthjes Angaben auch der Auftragseingang für diese Linien, »wenn auch auf einem weiterhin hohen Niveau«.

Turbanisch
Michael Turbanisch, Yageo Group: »Verglichen mit dem 1. Halbjahr 2022 sehen wir einen sich leicht abschwächenden Markt. Der September war wieder positiver. Im Vergleich zu den Vorjahren ist der Ausblick für das 4. Quartal als gut einzustufen.«
© Yageo

Bei Yageo sieht man nach Angaben von Michael Turbanisch, Director Head of Distribution Development EMEA, »einen sich leicht abschwächenden Markt, verglichen mit dem ersten Halbjahr 2022«. Jedoch habe sich zuletzt der September wieder positiver entwickelt. Das gelte auch für den aktuellen Ausblick für das 4. Quartal 2022, der im Vergleich zu den Vorjahren als gut einzustufen sei. »Das heißt, wir werden darum unsere gesetzten Ziele erreichen.«

Damit bestätigt sich im Herbst 2022 eine Einschätzung, die Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales in Central & East Europe bei TTI, bereits im Frühjahr dieses Jahres äußerte: »Keiner von uns kann heute mit Sicherheit sagen, wie die zweite Jahreshälfte 2022 aussehen wird, aber gleichzeitig haben wir eine Situation, in der angesichts der aktuellen Lieferzeiten und der Auftragslage das Jahr 2022 eigentlich bereits Ende Februar durch ist.« Eine Einschätzung, der niemand widersprach, da sie den Ist-Zustand der Branche im März dieses Jahres treffend beschrieb.

Ganz so komfortabel wird es im nächsten Jahr wohl nicht werden. Auch wenn sich Auftragseingang und Umsatzentwicklung immer noch auf hohem Niveau bewegen. So erwartet die Branche für 2023 Wachstum, aber auf einem geringerem Niveau als in diesem Jahr oder 2021. Mit einem massiven Bedarfseinbruch angesichts der bevorstehenden weltweiten Wirtschaftsrezession rechnet aber offensichtlich niemand.
Folglich spricht Turbanisch auch von einem »leichten Wachstum« und wählt dabei dieselbe Formulierung wie von Redwitz, um die Erwartungen seines Unternehmens für das kommende Jahr zu beschreiben. Turbanisch gibt aber auch zu bedenken, »dass uns die Einschätzung noch sehr schwer fällt bei der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und den damit verbundenen Aussichten«.

Nach seinem Dafürhalten lassen sich die genauen Einflüsse und Auswirkungen von externen Geschehnissen wie etwa dem weiteren Verlauf der Covid-19-Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen ebenso wenig wie Währungsschwankungen, die Inflationsentwicklung, die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine oder die steigenden Energiepreise über den Zeitraum eines kompletten Kalenderjahres hinweg seriös abschätzen.

Markt&Technik
Olaf Lüthje, Vishay: »In den letzten Wochen hat sich der Markt trotz zum Teil weiterhin hoher Lieferzeiten etwas beruhigt. Besonders die Distribution wird etwas zurückhaltender und schaut wie immer zum Jahresende vermehrt auf ihre Lagerbestände.«  
© Markt&Technik

Angesichts der aktuellen Herausforderungen werde das Wachstum 2023 sicherlich moderater ausfallen als noch vor einigen Monaten erwartet, kommentiert Lüthje die Aussichten für 2023. Er fügt aber auch hinzu, »dass aus heutiger Sicht der Ausblick für die professionelle Elektronikindustrie besser erscheint als die allgemeine Wirtschaftslage, was sich auch in den Vorausschauen unserer Kunden widerspiegelt«.

Gefragt, was sie in der positiven Einschätzung für 2023 bestärke, fallen die Antworten der befragten Experten ziemlich ähnlich aus: Da wäre die Automotive-Industrie mit dem Schwerpunkt E-Mobility, und dann natürlich die Industrieelektronik mit ihren Themen IoT, Industrie 4.0, erneuerbare Energien und EV-Infrastruktur.

Vor allem das Thema erneuerbare Energien dürfte sich in Zukunft positiv für die Branche entwickeln. Das von der Bundesregierung nun aktiv vorangetriebene Gesetz zur Steigerung der Energieeffizienz würde im aktuellen Stand bedeuten, dass Deutschland bis 2030 rund 500 TWh Energie einsparen soll. Bezogen auf den Zeitraum von 2020 bis 2030 würde das in Deutschland eine Energieeinsparung von 9 Prozent bedeuten, und das bei weiter steigendem Energiebedarf. Geht es nach der derzeit in Verhandlung befindlichen EU-Energieeffizienzrichtlinie, könnten diese Werte durchaus noch höher ausfallen.

Nicht nur aus Sicht der Branche der passiven Bauelemente würde das einen zusätzlichen Schub bedeuten. Denn im ersten Schritt ginge es ja darum, alle existierenden Anwendungen schon mal energieeffizienter zu machen. Schließlich muss jede auf diese Weise dann eingesparte Energie gar nicht erst erzeugt und transportiert werden. Energieeffizienz würde dazu zu einem Muss und nicht mehr zu einer Kann-Option von Systementwicklern.

Wirft man dann noch einen Blick auf den Boom im Bereich E-Mobility, scheint auch hier die nahe Zukunft gesichert. Schließlich haben die Studien verschiedener Hersteller gezeigt, dass der Umstieg vom Verbrennermotor auf ein vollelektrisches Fahrzeug den Bedarf an passiven Bauelementen um den Faktor 4 steigert. Ein vergleichbares Anschubpaket hat es über all die Jahre hinweg für die Branche nicht gegeben – unabhängig von diversen gesetzlichen Reglungen etwa zur Optimierung des Verbrennungsmotors, der Reduzierung der Schadstoffemissionen oder der gesetzlich vorgeschriebenen Einführung von ABS, Radsensoren oder Ähnlichem, die auch zu einem Anstieg unter anderem des Einsatzes passiver Bauelemente im Auto führten.

Droht der Branche der passiven Bauelemente nach der wohl längsten Allokations-Phase ihrer Geschichte durch den Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten nun ein massiver Einbruch, unabhängig davon, ob er 2023 oder 2024 erfolgen würde? Fasst man die Einschätzung der Experten zusammen, dann wird das wohl nicht passieren. Warum? Zum einen wurden die zusätzlichen Fertigungskapazitäten erst geschaffen, als daran wirklich kein Weg mehr vorbeiführte. Ausgebaut wurden dann auch nur die Fertigungskapazitäten, für die aktuell eine massiv gesteigerte Nachfrage bestand. Wenn man es genau betrachtet, schwächelt aktuell nur der Konsumgüter-Markt in Asien.

Alle anderen Mega-Trends der letzten Jahre entwickeln sich weiter ungebremst. Für sie war die Corona-Pandemie nicht der Auslöser, sondern vielmehr ein Katalysator, der einen notwendigen Transformationsprozess vorangetrieben hat, der für das angestrebte Ziel der All-Electric Society notwendig war und ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass auch nach der Entspannung der Lieferketten die Bedarfszahlen in der Elektronik nicht wie in der Vergangenheit linear, sondern durchaus exponentiell wachsen könnten.


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