Smart Hospital

Wie Glasfaser den OP der Zukunft vernetzt

10. Februar 2026, 7:30 Uhr | Ute Häußler
Matthias Wuttke, ODU: »Ohne Glasfaser wird es heute und im OP der Zukunft nicht gehen. Kupfen kann bei den Datenraten für Bildströme, Sensordaten, Dokumentation, KI-Assistenz und allen weiteren OP-Parameter nicht mithalten.«
© ODU

Minimalinvasive Chirurgie, bildgeführte Navigation, Robotik und eine KI-Assistenz: Der OP der Zukunft braucht massive Datenströme. Mathias Wuttke von ODU zeigt, wie die Glasfaser-Technologie den Weg in Echtzeit ebnet, welche Standards sich durchsetzen - und fordert mehr Mut zur Geschwindigkeit.

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Markt&Technik: Herr Wuttke, was treibt aus Ihrer Sicht den »OP der Zukunft« aktuell am stärksten voran?

Mathias Wuttke: Der OP der Zukunft, oder wie ich lieber sage, der »OP in Zukunft« – wird vor allem durch die aktuelle Situation im Gesundheitswesen vorangetrieben. Mit den steigenden Kosten steht gleichzeitig die Frage im Raum: Wie können Krankenhäuser effektiver arbeiten? Und wer bezahlt das alles am Ende? Die ökonomischen Faktoren treiben die technologische Entwicklung massiv nach vorne.

Dazu kommt der Personalmangel. Kliniken können heute auf viel weniger ausgebildetes Personal zugreifen. Die Menge der Leute, die im OP benötigt werden, kann durch intelligente Technologien verringert werden. Das ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – auch durch den stärkeren regulatorischen Druck.

Und natürlich ist da die Technik selbst, die sich kontinuierlich und aktuell sehr rasch weiterentwickelt. Diese Kombination aus wirtschaftlichem Druck, Personalmangel und Technologie – das ist der eigentliche Motor hinter dem OP der Zukunft.

Welche technologischen und medizinischen Entwicklungen beeinflussen die OP-Workflows derzeit am stärksten?

Ich sehe hier fünf zentrale Säulen. Erstens die minimalinvasive Chirurgie – hier verändert sich enorm viel. Die Geräte entwickeln sich rasant, die OP- Techniken damit einher und als Folge werden die Liegezeiten der Patienten in den Krankenhäusern massiv reduziert. Zweitens werden die Operationen mehr auf die Patienten abgestimmt. Weg von Schema F: Eine Operation wird im Vorfeld individuell geplant, organisiert und systematisch abgearbeitet. Daten aus früheren OPs, werden dem Arzt unmittelbar zur Verfügung gestellt. Da spielt auch die dritte Säule rein: eHealth; also die digitale Patientenakte, Telemedizin und Monitoringdaten. Diese Informationen liegen nicht mehr in einer Mappe, sondern können dem Chirurgen während der OP eingespielt werden.

Davon profitiert, viertens, auch die bildgeführte Chirurgie und Navigation: Der Arzt wird mittels virtueller Brillen, Echtzeitbildern von C-Bögen und Sensoren navigiert. Die zu behandelnde Stelle wird am Körper des Patienten visualisiert, der Weg dorthin wird Schritt für Schritt verfolgt. Diese Daten zu handhaben, dabei hilft Trend fünf, die Künstliche Intelligenz. Per klinischer Automatisierung, Sprachsteuerung und der sofortigen Auswertung tausender Daten.

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Welche technischen Anforderungen ergeben sich aus diesen Entwicklungen für die Medizingeräte und ihre Vernetzung?

Der Datentransfer ist der Dreh- und Angelpunkt. Bei 4K-Technik, High-Definition-Endoskopie, Echtzeit-Bildverarbeitung, Robotik und KI-Steuerung müssen enorme Datenmengen schnell übertragen werden. Dafür braucht es zentrale Datenbusse – ähnlich wie im Auto, wo jede Kommunikation auf einer zentralen Schiene zusammenläuft. Ohne dies hätte jeder Datenstrom eine separate Leitung, das ist im OP technisch nicht machbar.

Das Bottleneck ist die Kommunikation zwischen den Geräten. In der Vergangenheit sprach jedes Gerät seine eigene Sprache – wie zehn Leute aus zehn Ländern in einem Raum. Jetzt haben sich einheitliche Standards wie FHIR oder auch SDC etabliert, die eine gemeinsame Kommunikation zwischen allen OP-Geräten und -Systemen ermöglichen.

Technologisch sehen wir einen klaren Übergang von Kupfer- zu Glasfaser-Kabeln. Und das Entscheidende: Auch die Geräte selbst transformieren sich: Ein Endoskop ist nicht mehr nur ein Instrument mit Kabel – es ist Teil eines vernetzten OP-Systems, das Informationen für Operation, Überwachung und Dokumentation liefert.

Wie ist so ein Datenbus im OP angebunden?

Der Datenbus reicht vom OP bis ins Rechenzentrum des Krankenhauses. Im OP sind alle Komponenten wie Monitore, Fußschalter, Endoskope, Roboter oder Sensoren angebunden, in der Klinik-IT werden die Daten zentral ausgewertet.

Die Einrichtung übernehmen meist OP-Systemanbieter oder Infrastrukturanbieter, die ganze OP-Konzepte designen – Stichwort Hybrid-OP. Diese Akteure arbeiten zusammen mit dem Krankenhaus, den Geräteherstellern und den Verbindungsspezialisten. Das Zusammenspiel vom Rechenzentrum bis zum Steckverbinder im OP sorgt dafür, dass der Workflow funktioniert.

Welche Standards werden sich für die einheitliche OP-Kommunikation durchsetzen?

Da ist zum einen SDC (Service-oriented Device Connectivity), entwickelt durch das OR.Net-Konsortium. Die SDC-Architektur ist speziell für klinische Umgebungen wie OPs konzipiert. Alle Geräte stellen ihre Funktionen als Services bereit und lassen sich dadurch Plug-and-Play-artig auch in bestehende Systeme integrieren. Das bedeutet echte Interoperabilität – und ist regulatorisch entscheidend für die Zulassung vernetzter Medizinprodukte.

DDS (Data Distribution Service) dagegen ist ein branchenübergreifender Standard, der für hochperformante, echtzeitkritische Datenströme entwickelt wurde. DDS nutzt ein dezentrales Publish/Subscribe-Modell und ist besonders wichtig für Robotik-Systeme oder Telemedizin, wo es auf extrem niedrige Latenzen ankommt. Das neue Real-Time SDC (RT-SDC) kombiniert beide Welten. Es bietet die Standardisierung und Sicherheit von SDC mit der Echtzeitfähigkeit von DDS und eignet sich damit für alle OP-Systeme mit sehr geringen Reaktionszeiten, unabhängig von der Netzbelastung. Dazu kommt das bereits sehr etablierte FHIR-Format für den Austausch von Patientendaten. Mit diesen Bausteinen wächst ein interoperables Standard-Ökosystem zusammen, das echte Vernetzung ermöglicht.

Virtuelle Brillen, 4K-Endoskopie, Echtzeit-Bildverarbeitung: Welche Rolle wird Glasfaser im OP spielen?

Die technischen Anforderungen sind extrem hoch. Wenn Ärzte alles so realistisch wie nur möglich sehen und minimal invasiv in den Patienten eingreifen, werden hochauflösende Bild- und Endoskopie-Daten im Echtzeit-Betrieb übertragen. Mit Kupfer wären diese Datenraten speziell bi längeren Strecken nicht machbar, für eine Faserleitung bräuchte ich unter Umständen 20 Kupferleitungen, die Kabelbündel würden zu groß, zu schwer und zu teuer. Glasfaser dagegen überträgt Daten mit Lichtgeschwindigkeit über lange Distanzen ohne nennenswerte Dämpfung. Kupfer ist auf Stromstärke, Spannung und Querschnitt ausgelegt – Faktoren, die Faser nicht interessieren. Eine Faser ist leicht, braucht minimalen Platz und weniger Material. Gerade beim begrenzten Platz im OP ist das entscheidend.

Die Verbindungstechnik muss dabei absolut zuverlässig sein – ein Ausfall während einer Operation wäre katastrophal. Alle Daten – von Bildströmen über Navigationssysteme bis zu virtuellen Brillen – müssen gleichzeitig, synchronisiert und latenzfrei fließen. Das ist nur mit einer intelligenten Kommunikationsinfrastruktur und einer sehr robusten Verbindung möglich. Ohne Glasfaser wird es also heute und in Zukunft nicht gehen.

Dafür haben wir unsere Expanded-Beam -Performance-Technik entwickelt: Der Lichtstrahl wird über eine spezielle Linse aufgeweitet, bevor er den Stecker verlässt. Das bedeutet: Die Verbindung ist unempfindlich gegenüber Verschmutzungen und muss nicht millimetergenau gereinigt werden. Ein eingedrungenes Schmutzkorn blockiert nur einen kleinen Teil der Lichtfläche – die Datenübertragung bleibt voll erhalten. Das ist im sterilen OP-Umfeld entscheidend. Die Expanded-Beam-Stecker haben eine niedrige Einfügedämpfung und halten bis zu 100.000 Steckzyklen.

Wird Glasfaser damit zum Katalysator für KI-basierte Echtzeit-Anwendungen im OP?

Absolut. Glasfaser stellt der KI die massiv benötigten Datenmengen in Echtzeit zur Verfügung. Wenn die Bildströme, Sensordaten, die Dokumentation, KI-Assistenz und alle weiteren OP-Parameter gleichzeitig übertragen werden, kann Kupfer bei diesen Datenraten nicht mithalten. Glasfaser ermöglicht es, dass diese Informationen blitzschnell ins Rechenzentrum fließen. Da sitzen die KI-Systeme, die diese Daten analysieren. Ob das ein Algorithmus ist, der Radiologie-Bilder auswertet, Anomalien erkennt oder Predictive Analytics für den nächsten OP-Schritt aufbereitet - das funktioniert nur, wenn die Daten verlust- und latenzfrei übertragen werden.

Und hier kommt noch ein entscheidender Punkt: Wir leben in der Datenwelt. Der größte Wert heute ist die Datensammlung. Jeder Klick, jede Bewegung im OP wird dokumentiert. Diese Daten fließen in Datenbanken ein, werden aggregiert und analysiert. Das ermöglicht es, künftige Operationen zu planen, zu simulieren und noch gezielter zu machen. Das ist die individuelle Chirurgie der Zukunft – und das funktioniert nur mit den Bandbreiten von Glasfaser.

Vom traditionellen Krankenhaus zum Smart Hospital: Was ändert sich in Bezug auf Datenerfassung und -verarbeitung?

Der traditionelle OP sammelt per se keine Daten – der Arzt geht rein, operiert und dokumentiert im Anschluss . Im automatisierten Krankenhaus dagegen werden Daten zwar gesammelt, aber nicht aggregiert. Die Informationen bleiben isoliert in einzelnen Geräten oder Systemen und nutzen sich gegenseitig nicht.

Das Smart Hospital dagegen aggregiert alle Gerätedaten automatisch und nutzt sie für intelligente Einsichten. Das ist der entscheidende Unterschied. Jeder Messwert – ob Temperatur, Puls, Blutdruck oder Details aus der Operation – wird erfasst, zentral zusammengeführt und analysiert. Der Computer erkennt dann Muster: Ist die Kurve normal? Muss ein Alarm ausgegeben werden? Braucht es eine neue Medikation?

Hier kommt auch die digitale Patientenakte ins Spiel. Mit ihr kann der Arzt während der Operation sofort auf Patientendaten zugreifen – alle Informationen von der Anamnese über Vorbefunde bis zu aktuellen Messwerten fließen sofort in den OP. Das ermöglicht es, Operationen gezielter zu planen und schneller zu reagieren.

Die Telemedizin ermöglicht es zudem, dass Spezialisten aus anderen Regionen der Welt Operationen live begleiten; sehen, wie der lokale Arzt arbeitet – und ihm zur Seite stehen: ‚Passt, mach so oder so.‘ Das funktioniert nur, wenn alle Daten über intelligente und schnelle Netzwerke fließen.

Das Remote-Monitoring geht noch tiefer: Mit Sensoren und Wearables werden kontinuierlich Daten erfasst und übertragen. Diese Patientendaten werden nicht isoliert verwaltet, sondern zentral aggregiert. So kommen Vital- und Erfahrungswerte ins System, die eine einzelne Krankenschwester niemals erheben könnte. Das ist der Kern des Smart Hospital: Datensammlung, Aggregation und intelligente Verarbeitung. Und der intelligente Datenfluss funktioniert nur mit leistungsstarken Verbindungstechnologien.

Wie müssen Medizingerätehersteller ihre Entwicklungsprozesse diesem Wandel anpassen?

Früher haben die Ingenieure fast alles selbst entwickelt. Doch im digitalen Zeitalter reichen die Ressourcen und hauseigenen Kapazitäten meist nicht aus – viele Entwicklungsschritte sind daher an externe Partner und deren Know-how ausgelagert. Die OEM denken mehr und mehr in Entwicklungspartnerschaften. Wir bei ODU werden nicht mehr nur als Lieferant gesehen, sondern als Design-Partner für Steckerlösungen, Datenübertragung und Anschlusssysteme.

Denn am Ende müssen all die Komponenten intelligent zusammengefügt werden. Die Hersteller müssen sich fragen: Wie kommunizieren die Systeme miteinander? Das erfordert eine neue Denkweise – weg vom autarken Gerät hin zum integrierten Teil eines OP-Netzwerks. In diesem Zusammenspiel definiert das Krankenhaus die Anforderungen, die OP-Systemanbieter designen das Konzept, die Gerätehersteller liefern die Produkte – und wir sorgen dafür, dass die Verbindungstechnik dem Datenfluss standhält.

Welche Technologien bleiben Ihrer Meinung nach im »OP der Zukunft« Wunschdenken?

Bei der Sprachsteuerung bin ich ehrlich gesagt skeptisch, zumindest was den OP-Einsatz angeht. Bei den vielen Akteuren im OP ist zu viel Sprechen gar nicht gewünscht, eine Spracherkennung könnte falsche Signale oder Impulse abgegeben. Ich glaube, dass es eher auf eine visuelle Darstellung – Licht, Rot, Grün, Gelb, Pfeile auf Monitoren oder auch AR-Assistenzen etc. hinauslaufen wird. Das ist sicherer. Als durchaus realistisch sehe ich die Gestensteuerung von Geräten an, etwa für Deckenarme oder Zoom-Funktionen wäre das eine sinnvolle Ergänzung.

Beim Wireless-Trend sehe ich im OP ebenfalls große Hürden, da jede weitere Funkquelle Störungen verursachen kann. Nicht umsonst wird im OP größtenteils noch mit Kabelverbindungen gearbeitet; mit einer Box am OP-Tisch, von der die Komponenten zum Patienten gehen. Anders sieht es bei Patientenmonitoring außerhalb des OPs aus – da funktionieren Wireless-Sensoren mit gedruckten Batterien bestens. Aber im OP selbst: Kabel bleibt King – definitiv mit Glasfaser.

Und an der Robotik führt kein Weg dran vorbei. Der Da Vinci arbeitet seit 20 Jahren mit Glasfasertechnik. Neue Systeme kommen hinzu – zweiarmige Assistenzroboter, KI-gestützte Navigation. Das ist kein Wunschdenken, das ist die nächste Generation, die gerade implementiert wird. Zu dieser Realität gehört eine intelligente Verkabelung und robuste Verbindungstechnik.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was braucht der OP der Zukunft, um Realität zu werden?

Oh je, vor allem Mut zur Geschwindigkeit. Von den Medizingeräteherstellern wünsche ich mir, dass sie nach der MDR-Transformation jetzt tatsächlich in Innovationen investieren – nicht nur nachdenken, sondern machen. Von den Krankenhäusern: Seid offen für neue Technologien, testet, gebt Feedback. Und von der Politik: Hört auf, uns mit einer Sonderwirtschaft an Regularien zu belasten.

Insbesondere gegenüber Asien und den USA müssen wir schneller und effektiver werden: Wir haben die Technologien, wir haben das Know-how, wir haben die Standards – alles ist da. Was uns fehlt, ist die Bereitschaft, das Tempo mitzugehen. Auch in fünf Jahren wird der OP der Zukunft nicht kommen, wenn wir weiter zögern. Er kann morgen Realität sein – wenn wir heute anfangen, ihn zu bauen.


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