Lage auf dem Leistungshalbleitermarkt

Noch keine Entspannung der Versorgungsprobleme in Sicht

11. November 2022, 8:00 Uhr | Engelbert Hopf
Kasteleiner Harald
Harald Kasteleiner, Glyn: »Alles, was wir derzeit von unseren Partnern an IGBTs oder MOSFETs erhalten, liefern wir aktuell immer noch sofort aus an unsere Kunden. An einen Lageraufbau ist noch nicht zu denken.«
© WEKA FACHMEDIEN

Auch wenn sich in Asien die Bedarfe der Konsumgüter-Industrie abschwächen: Auf die Versorgungssituation in Europa hat das derzeit noch keine Auswirkungen. Allerdings schwächt sich die Wachstumsdynamik ab. Mit einer Verbesserung der Lieferketten rechnen Experten erst ab Mitte 2023.

»Alles, was wir derzeit von unseren Partnern an IGBTs oder MOSFETs erhalten, liefern wir aktuell immer noch sofort aus an unsere Kunden«, beschreibt Harald Kasteleiner, Business Unit Manager Analog & Power bei Glyn, die nach wie vor aktuelle Versorgungslage auf dem deutschen Leistungshalbleiter-Markt. Achim Baum, zuständig für das Regional Marketing EMEA bei Nexperia, hat für sich zwar »eine leichte Verbesserung der Liefersituation über unser gesamtes Produktportfolio hinweg festgestellt«, aber auch er schränkt ein, »dass Power-MOSFETs nach wie vor eine schwierige Produktgruppe sind«.

Zwar wird derzeit allerorten darüber gesprochen, dass sich die rückläufigen Auftragsvolumina in Asiens Konsumgüterelektronik-Industrie mit hoher Wahrscheinlich in mehr zur Verfügung stehender Kapazität für Europa niederschlagen müssten. Eine wirkliche Entspannung ist jedoch noch nicht zu sehen. So fällt es denn auch schwer, Lieferzeiten, die sich in Abhängigkeit von Hersteller, Produkt und Gehäuse zwischen 36 und 62 Wochen bewegen können, als etwas anderes als Allokation zu bezeichnen – so die Distributorensicht laut Kasteleiner. Wobei auch immer klar ist: Die angegebenen Fristen beziehen sich auf Neukunden. Würden sich 36 bis 62 Wochen auch auf Bestandskunden und Projektgeschäfte beziehen, würde es in der europäischen und deutschen Elektronikbranche noch ganz anders aussehen.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+
Ester Spitale
Dr. Ester Spitale, STMicroelectronics: »Aktuell gehen wir davon aus, dass es aller Voraussicht nach, trotz verbesserter Visibilität, noch das ganze kommende Jahr 2023 über zu Lieferproblemen kommen wird.«
© WEKA FACHMEDIEN

Auch auf der Modulseite gibt man sich vorsichtig, was eine Entwarnung anbetrifft. »In Abhängigkeit von Markt und Produktsegment bewegen wir uns heute bei Lieferzeiten mit einer Spanne von 20 bis 50 Wochen«, gibt Thomas Grasshoff, Head of Strategic bei Semikron Danfoss, zu Protokoll. Auch bei den großen europäischen Leistungshalbleiter-Herstellern klingt es noch nicht an großartiger Entspannung: »Wir liegen nach wie vor in einem Bereich von einem Jahr«, beantwortet Dr. Ester Spitale, Technical Marketing Manager EMEA Region für Discrete & Smart Power bei STMicroelectronics, die Frage nach den Lieferzeiten. Sie geht deshalb auch davon aus, »dass es trotz verbesserter Visibilität noch das ganze Jahr 2023 über zu Lieferproblemen kommen wird«.

Zwar beantwortet Nexperia-Manager Baum die Frage mit einer Spannbreite von 25 bis 48 Wochen, je nach Produkt und Package. Doch es fallen bei der Umfrage auch Antworten auf, die deutlich darunter liegen. »Wenn wir über Neugeschäft sprechen, dann können wir aktuell in etwa 25 Wochen liefern«, berichtet Marcus Lippert, Business Development Manager bei StarPower. Er schränkt allerdings ein, dass es sich dabei um Kleinmengen handeln muss; »für Großprojekte, muss man sagen, lässt sich derzeit fairerweise keine Lieferzeit angeben«.

Richard Eden, IHS.jpg
Richard Eden, Omdia: »Gegenüber 2021 wird sich das Wachstum des Leistungshalbleitermarktes 2022 auf etwa 9 Prozent abschwächen. Für 2023 rechnen wir derzeit immer noch mit einem Plus von knapp 4 Prozent.«
© IHS Markit Technology

Fast schon mit »normalen« Lieferzeiten kann hingegen Navitas nach Angaben seines Senior Director Industrial Applications aufwarten: »Wir liegen aktuell zwischen 6 und 16 Wochen!« Wie ist das möglich? Des Rätsels Lösung: Navitas nutzt für seine Produktion die älteste noch in Betrieb befindliche Fab von TSMC, die Fab 2. »Dort fertigen wir auf 6-Zoll-Wafern und in einer Strukturbreite von 0,35 µm.« Vergleichsweise niedrige Lieferzeiten weist auch SiC-Pionier Wolfspeed auf. Ole Gerkensmeyer, Director Automotive Sales EMEA bei Wolfspeed, meint dazu: »Wir versuchen so zügig wie nur irgend möglich die Bestellungen auszuliefern.« An den Aufbau eines Puffers ist dabei aber offenbar nicht zu denken: »Ich glaube, eine Lagerhaltung würden uns die Kunden aktuell sehr übel nehmen!«

Mit Siliziumkarbid bewegen sich Wolfspeed und andere Hersteller in einem Produktsegment, in dem sich in kürzester Zeit eine Art Bedarfs-Tsunami aufgebaut hat, der riesige Investitionen seitens der Leistungshalbleiter-Hersteller erfordert. Als Wolfspeed-CEO Gregg Lowe im Mai 2019 auf der PCIM Europe in Nürnberg ein Invest von über 1 Milliarde Dollar für den Aufbau eines Werks mit 200-mm-Linien für die SiC-MOSFET-Produktion bekannt gab, genügte das damals noch, um die Branche zu euphorisieren und sie auf eine goldene Zukunft hoffen zu lassen.

Inzwischen ist allein Wolfspeed im nächsten Schritt bei einer Gesamtinvestition von rund 5 Milliarden Dollar angekommen. Der erste Spatenstich für das neue Werk ist schon erfolgt. Im ersten Schritt werden nun 1,8 Milliarden Dollar investiert, wie Gerkensmeyer erläutert; erste Produkte aus dem neuen Werk sollen dann bereits ab 2024 auf den Markt kommen. Im zweiten Schritt, so der Wolfspeed-Manager, sollen dann bis 2030 noch einmal 3,2 Milliarden Dollar investiert werden, um das neue Werk zur Vollauslastung zu bringen.

Und Wolfspeed ist nicht allein: STMicroelectronics, Infineon Technologies, Toshiba, Rohm Semiconductor, onsemi, um hier nur einige zu nennen, investieren in Summe ebenfalls im Milliarden-Dollar-Bereich, wenn es im Bereich SiC um den Aufbau von Wafer-Fertigungen oder Bauteilfertigungen wie SiC-Dioden oder SiC-MOSFETs geht. Aktuell scheinen diese Milliardeninvestitionen noch mit keinem Risiko verbunden zu sein. »Auch als Späteinsteiger in das SiC-Geschäft hören wir von Kunden, dass es so viele Projekte gibt, dass der Bedarf durch die zur Verfügung stehenden Fertigungskapazitäten noch bei Weitem nicht abgedeckt werden kann«, beschreibt Baum den sich aufbauenden Bedarfssog am Markt.

 

Baum Achim
Achim Baum, Nexperia: »Zwar ist eine leichte Verbesserung der Liefersituation über unser gesamtes Produktportfolio hinweg festzustellen, aber Power-MOSFETs sind nach wie vor eine schwierige Produktgruppe.«
© WEKA FACHMEDIEN

Bei herkömmlichen Leistungshalbleitern auf Siliziumbasis sieht das vielleicht etwas anders aus. Auch hier wurden in den letzten zwei Jahren Milliardensummen in den Aufbau neuer Fertigungskapazitäten gesteckt, um der Allokationsfalle zu entkommen. Infineon hat im letzten Jahr noch einmal in Villach zusätzlich investiert, um die dortige neue 300-mm-Produktion bereits zu Beginn des vierten Quartals 2021 eröffnen zu können. ST hat seinen Fertigungsausbau im Bereich 300-mm-Linien für Leistungshalbleiter ebenfalls vorangetrieben; erste Produkte dürften dort ab 2023 erhältlich sein. Als Teil der Wingtech-Gruppe konnte Nexperia bereits erste Produkte im neuen 300-mm-Werk bei Shanghai freigeben, »aber die Fertigungskapazitäten dort stehen natürlich nicht uns alleine zur Verfügung«, wie Baum einschränkt. Und Vishay errichtet sein 300-mm-Werk in Itzehoe.

Ob nun 2023 oder 2024, es ist abzusehen, dass sich die Menge der auf dem Markt erhältlichen Leistungshalbleiter in den nächsten Jahren deutlich erhöhen wird. Darum lautet die entscheidende Frage nun: Wird sich der Bedarf dann noch auf dem gleichen Niveau wie in den letzten beiden Jahren bewegen, wird er temporär zurückgehen oder – das positivste Szenario für die Leistungshalbleiter-Hersteller – wird der Bedarf vor dem Hintergrund der nun mit Macht vorangetriebenen Energiewende und dem massiv an Bedeutung gewinnenden Aspekt der Energieeffizienz in Zukunft noch weiter zunehmen?

Nach Einschätzung von Richard Eden, Senior Principal Analyst für Leistungshalbleiter beim Marktforschungsunternehmen Omdia, verlangsamt sich das Wachstum des internationalen Leistungshalbleitermarktes derzeit. Für 2022 gehen die Analysten von einem Marktvolumen von 29,5 Milliarden Dollar aus. Das würde gegenüber dem Vorjahr ein Plus von etwa 9 Prozent bedeuten. Im Jahr zuvor lag die Zuwachsrate von bei fast 29 Prozent! Für 2023 prognostiziert Omdia ein Umsatzvolumen von knapp 31 Milliarden Dollar. Das würde einem Zuwachs gegenüber 2022 von knapp 4 Prozent bedeuten. »Wir gehen in diesem Zusammenhang davon aus, dass die prognostizierte Verlangsamung sehr wahrscheinlich auf die sich verändernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen ist«, so Eden.

Für den Leistungshalbleitermarkt der Zukunft bedeutet das wohl: Verlangsamung des Wachstums, aber kein Markteinbruch.


Das könnte Sie auch interessieren

Das PowerDI 8080-5 Gehäuse zeichnet sich durch seine Hochstromtauglichkeit und seine Wärmeeffizienz aus.

Hohe Leistungsdichte für EV-Anwendungen

Diodes-MOSFETs im PowerDI8080-Gehäuse

Enrico Corti, onsemi, Ralf Higgelke, Philip Lolies, STMicroelectronics, Ana Villamor, Yole Group, Denis Marcon, Innoscience, Engelbert Hopf

Panel Discussion at PCIM Europe 2022

Solutions for the MOSFET Shortage

Enrico Corti, onsemi, Ralf Higgelke, Philip Lolies, STMicroelectronics, Ana Villamor, Yole Group, Denis Marcon, Innoscience, Engelbert Hopf

Podiumsdiskussion auf der PCIM Europe

Auswege aus der MOSFET-Krise

Semikron Rohm SiC

SiC-Technik für die Auto-Industrie

Siliziumkarbid-Kooperation zwischen Semikron und…

Paul_GeraldDr

Vishay in Itzehoe

Kaufvertrag mit der Stadt unterschrieben

Navitas, GeneSiC, Acquisition

GaN-Marktführer diversifiziert sich

Navitas übernimmt GeneSiC

Infineon, CoolSiC, Angelique van der Burg

Siliziumkarbid-Wafer

Infineon schließt Liefervertrag mit II-VI

JYPIX/stock.adobe.com

Automotive-Branche

Versorgung mit Halbleitern verbessert sich…

Navitas, GaNFast, half-bridge, GaNSense

Navitas Semiconductor

GaN-Halbbrücke mit GaNSense-Technologie

Future Electronics, Würth Elektronik

Galliumnitrid

Integrierte GaN-Gate-Treiber im Vergleich

Silicon Carbide, Peter Gammon, onsemi

SiC – eine Bestandsaufnahme (Teil 1)

Wie SiC-MOSFETs langfristig günstiger werden

Silicon Carbide, Wolfspeed, Chatham County

Wolfspeed verzehnfacht Kapazität

Mehrere Milliarden Dollar für neue…

Renesas, IGBT, AE5

Neue Generation von Silizium-IGBTs

Kleinere Chips und weniger Verluste

onsemi, SiC Boules, Silicon Carbide

SiC – eine Bestandsaufnahme (Teil 2)

Bei SiC ist noch viel Luft nach oben

Alfred Hesener, Navitas, Gallium Nitride

Alfred Hesener, Navitas Semiconductor

»Unsere GaN-Halbbrücken können mehr«

Alfred Hesener, Navitas, Gallium Nitride

Alfred Hesener, Navitas Semiconductor

»Our GaN Half Bridges Can Do More«

TechInsights, Rohm, Silicon Carbide

Neue SiC-MOSFET-Generation von Rohm

Tiefe Einblicke in die Gen 4

onsemi, Silicon Carbide, Roznov, Czech Republic

Siliziumkarbid

onsemi erweitert Werk in Tschechien um das…

Markt&Technik

Prof. Leo Lorenz, ECPE

»China wird das eigene Ziel nicht erreichen«

Ralf Higgelke, Alex Lidow, gallium nitride, GaN, Efficient Power Conversion, EPC

Interview with Alex Lidow

Twice in a Lifetime

STMicroelectronics, Jean-Marc Chery, Silicon Carbidxe, SiC

STMicroelectronics

Neue Fertigung für SiC-Epitaxiewafer in Catania

Dr. Alex Lidow, CEO und Mitgründer von Efficient Power Conversion (EPC)

Vom MOSFET-Erfinder zum GaN-Pionier

Die zwei Leben des Alex Lidow

Dekarbonisierung und Digitalisierung als Wachstumstreiber

Halbleitertechnologie

Dekarbonisierung und Digitalisierung als…

IHS Markit Technology

Leistungshalbleiter-Markt

»Das Marktwachstum geht deutlich zurück«

LHL-Forum

Weitere Milliarden für SiC-Fertigungen

Hoffen auf ein Soft Landing

Microchip Technology

SiC-MOSFETs mit 1700 V Sperrspannung

Keine Kompromisse mehr nötig

WEKA Fachmedien

6. Anwenderforum Leistungshalbleiter

Informationsaustausch auf Augenhöhe

WEKA Fachmedien

Markt&Technik-RT Leistungshalbleiter

Von der Allokation zum Soft Landing

Hella rüstet zehn verschiedene Fahrzeugbaureihen eines deutschen Premium-Herstellers mit Hochvolt-Spannungswandlern aus.

Auftrag von deutschem Premium-Hersteller

Hella steigt in Hochvoltmarkt für…

Battery Monitoring und Balancing IC TLE9012DQU von Infineon.

Batteriemanagementsystem von Infineon

Chinesischer Autohersteller NETA setzt auf neueste…

Verwandte Artikel

GLYN GmbH & Co. KG, STMicroelectronics GmbH, Omdia/Informa Tech