US-Handelssanktionen gegen China

Welche Auswirkungen der Chipkrieg auf Europa hat

14. November 2022, 15:30 Uhr | Ralf Higgelke
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Die neuen US-Exportkontrollen für Halbleiter sind nur für die USA verbindlich, denn es ist nicht gelungen, die EU und die ostasiatischen Staaten mit ins Boot zu holen. Nichtsdestotrotz dürften sich die Exportkontrollen mittelbar auf die europäische Elektronikindustrie auswirken. Warum und wie?

Die neuen US-Exportkontrollen beinhalten sowohl gezielte als auch umfassende Elemente. Hochleistungsrechner scheinen auf den ersten Blick die Stoßrichtung zu sein, denn unmittelbar betroffen sind Grafikprozessoren, Speicher-ICs und andere Chips für Supercomputer und künstliche Intelligenz. Gleichzeitig sind die Elemente der US-Sanktionen aber auch weitreichend, wie die Analysten der Rhodium Group betonen. China solle daran gehindert werden, hochmoderne Chiptechnologien entwickeln und fertigen zu können.

Daher sind in die Sanktionen auch hochmoderne EDA-Software, Chipfertigungsanlagen und deren Komponenten miteinbezogen. Die US-Regierung verfolgt bewusst einen langfristigen, expansiven und extraterritorialen Ansatz, um mögliche Spillover-Effekte zu erzielen, so die Analysten. Gemeint ist damit, dass sich die Einschränkungen bei Supercomputern auch auf angrenzende oder unterstützende Technologiebereiche auswirken, beispielsweise Server-Stromversorgungen und ihre Komponenten, Server-Schränke und ihre Komponenten, USV-Anlagen und ihre Komponenten.

Und genau dabei kommen Unternehmen außerhalb der USA ins Spiel, also vor allem Europa und Ostasien. Denn angesichts der komplexen Wertschöpfungsketten dürfte der US-Alleingang auch für Chip-Unternehmen und deren Zulieferer hierzulande gewisse Beeinträchtigungen mit sich bringen. Wenn diese Unternehmen bestimmte mit US-Technologie hergestellte Produkte an chinesische Unternehmen verkaufen wollen, benötigen sie ab sofort eine Ausnahmegenehmigung gemäß den Vorschriften für Foreign Direct Products, die immer nur für ein Jahr gilt und dann erneuert werden muss; aber ob diese dann im nächsten Jahr neu erteilt wird, weiß natürlich niemand. Gleiches gilt seit 2019 für den Verkauf bestimmter Technologien an über zwei Dutzend chinesische Unternehmen, die auf einer Entity List des US-Handelsministeriums stehen; das bekannteste Beispiel ist der chinesische Tech-Konzern Huawei. Außerdem dürften sich die US-Sanktionen auf Fertigungsstätten ausländischer Unternehmen in China auswirken.

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Josef Vissing, President von TDK Europe: »Die Volkswirtschaften der USA und Chinas entkoppeln sich schneller als befürchtet. Daher baut Murata doppelte Lieferketten für beide Wirtschaftsblöcke auf.«
© TDK

Europäische Chiphersteller wie Infineon, STMicroelectronics, NXP und Bosch dürften nach Einschätzung von Jan-Peter Kleinhans, Director Technology and Geopolitics bei der Stiftung Neue Verantwortung, vermutlich nicht unmittelbar oder nur marginal betroffen sein. Anders sieht es seiner Ansicht nach bei den Equipment-Herstellern aus: ASM International geht davon aus, dass knapp 40 Prozent ihrer China-Verkäufe betroffen sind, die im letzten Quartal rund 16 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachten. Aixtron wiederum scheint kaum oder gar nicht betroffen zu sein, und auch ASML sprach anlässlich einer Investorenkonferenz von einem eher geringen Ausmaß: Betroffen scheint vor allem die Wartung existierender Maschinen durch Mitarbeitende mit US-Pass und der Export von Ersatzteilen direkt aus den USA zu sein.

Zurückhaltung bei deutschen Unternehmen

Europäische Unternehmen reagieren daher bislang eher gelassen. Infineon beispielsweise sagte der Markt&Technik, »die neuen Exportbeschränkungen zielen auf Supercomputer ab, die wir derzeit nicht herstellen. Sollten Änderungen der regulatorischen Anforderungen in Kraft treten, die sich auf unser Geschäft mit einzelnen Kunden auswirken, werden wir diese sorgfältig prüfen und gegebenenfalls weitere Maßnahmen ergreifen.« Texas Instruments ließ verlauten, dass man nach heutigem Kenntnisstand nicht davon ausgehe, dass diese Regulierung den eigenen Produkt- oder Servicefluss wesentlich beeinträchtigen werde. Bei Harting wies man darauf hin, dass man zwar selbst keine Halbleiter beziehe, »allerdings durchaus unsere Kunden. Daher dürften die Restriktionen die Wirtschaftsbeziehungen allgemein belasten«, resümierte der Harting-Sprecher.

Ähnlich sieht es auch Josef Vissing, President von TDK Europe: »Als Hersteller passiver Bauelemente sind wir nur indirekt betroffen. So könnten in China produzierende Kunden von uns aufgrund von Engpässen in ihrer Versorgung mit Halbleitern gezwungen sein, ihre Produktionsvolumina in China herunterzufahren. In solchen Fällen dürften dann auch entsprechend weniger passive Bauelemente bestellt werden.« Andererseits geht TDK davon aus, dass die eigene Lieferfähigkeit aus eigenen chinesischen Produktionsstandorten heraus kaum direkt betroffen sei.

Nakajima
Norio Nakajima, President von Murata: »Europa befindet sich bei diesem Chipkrieg im Reaktionsmodus, denn die USA definieren, was geht und was nicht. Die europäische Industrie müsste da auf die Politik einwirken, damit diese sich klar positioniert.«
© Murata

Auch große Teile der chinesischen Halbleiter-Industrie dürften überhaupt nicht betroffen sein, meint Jan-Peter Kleinhans. Das bestätigte etwa der niederländische Chiphersteller Nexperia, der Teil des chinesischen Wingtech-Konzerns ist. »Nach der Bewertung der Regelungen durch unser Experten-Team kommen wir zu dem Schluss, dass die Exportbeschränkungen nicht auf unsere Produkte zutreffen«, hieß es aus der Deutschland-Zentrale in Hamburg. Andere chinesische Chipfirmen wie Innoscience und StarPower hüllten sich gegenüber Markt&Technik jedoch in Schweigen bzw. wollten sich nicht dazu äußern.

Nach Einschätzung des Mercator-Instituts für China-Studien werden europäische Unternehmen vor der Entscheidung stehen, sich dem neuen US-Ansatz zu beugen oder zu versuchen, ihn zu umgehen, beispielsweise durch eine Art Firewall für ihre Geschäfte in China und den USA. Diesen Weg scheint Murata, der Weltmarktführer für Keramikkondensatoren, zu gehen. Gegenüber Nikkei Asia meinte deren President Norio Nakajima, dass sich die Volkswirtschaften der USA und Chinas schneller als befürchtet entkoppelten. Daher baue Murata, das eine große Produktionsstätte im chinesischen Wuxi betreibt, doppelte Lieferketten auf. Auch in den Bereichen KI und Chipfertigung dürften sich die Lieferketten weiter entflechten, mutmaßt Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung. Doch andere, weite Teile der Lieferkette, beispielsweise in den Bereichen Unterhaltungselektronik, Automotive-Chips oder Leistungshalbleiter, sind von den Restriktionen nicht betroffen, sodass dort weiterhin Handel und Kooperation mit China stattfinden dürfte.

Dennoch müssten sich, so Kleinhans, europäische Hersteller auf deutlich mehr Compliance-Arbeit einstellen: An welchen Stellen, in welchen Produkten ist man von US-Restriktionen betroffen? Welche Auswirkungen könnten US-Forschungskooperationen oder Einstellung von US-Personen haben? Wer sind die chinesischen Endkunden?

Kleinhans Jan-Peter
Peter Kleinhans, Director Technology and Geopolitics der Stiftung Neue Verantwortung
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Weitere Verschärfung zu erwarten

Die neuen US-Exportkontrollen werden der chinesischen Chipindustrie schwer zu schaffen machen, mutmaßt die Mercator-Studie. Längerfristig könnten sie aber auch deren Bemühungen fördern, eine lokale Lieferkette für Halbleiter aufzubauen. Angesichts der Bedeutung Chinas für viele nichtamerikanische Chip-Unternehmen könnte sich die Welt am Ende sogar in zwei getrennte Halbleiter-Ökosysteme aufspalten. Europa könnte versucht sein, auf beiden Märkten aktiv zu sein. Dies birgt die Gefahr, dass Europa am Ende den Zugang zu beiden Märkten verliert.

Peking wiederum hat in der Vergangenheit bewiesen, so die Mercator-Studie, dass es bereit ist, für das strategische Ziel der technologischen Autarkie einen hohen Preis zu zahlen – und sein Interesse an europäischer High-End-Chiptechnologie würde wahrscheinlich ebenfalls wachsen. So übernahm der chinesische Tech-Konzern Wingtech im Jahr 2016 den niederländischen Chiphersteller Nexperia, und gerade eben hat das Bundeswirtschaftsministerium die Übernahme der Chipfertigung von Elmos in Dortmund durch die chinesische Sai MicroElectronics verboten. Außerdem könnte China seine Macht bei Rohstoffen als Druckmittel einsetzen. Das Land ist ein wichtiger Lieferant von Seltenen Metallen und hat diese Vormachtstellung als Druckmittel bei Streitigkeiten mit anderen Staaten bereits angewendet.

Andererseits müsse man sich ebenfalls darauf einstellen, so die Analysten der Rhodium Group, dass die US-Regierung in den kommenden Monaten weitere ordnungspolitische Maßnahmen ergreifen werde. Im letzten Wassenaar Arrangement Meeting im Dezember 2021 hat man sich zwischen den 42 Mitgliedstaaten auf Restriktionen auf EDA-Software für Gate-All-Around-FET geeinigt, ebenso auf Beschränkungen im Bereich Galliumoxid und Diamant-Substrate. Auch könnte der Geltungsbereich auf die Biotechnologie und Batterien ausgeweitet werden. Dies könnte beispielsweise die im Zuge der Elektromobilität boomende Batterie-Industrie in Deutschland und Europa wieder abwürgen. 

Hintergründe der US-Maßnahmen
Am 7. Oktober 2022 erließ die US-Regierung den vorerst letzten Teil einer Reihe von verschärften Exportkontrollen gegenüber China. Diese Maßnahmen begannen Anfang August, unmittelbar nachdem US-Präsident Joe Biden den US Chips and Science Act unterschrieben hatte. Rechtliche Grundlage dafür ist das Wassenaar-Abkommen. Diese internationale, nicht bindende Vereinbarung, deren Ursprünge im Kalten Krieg liegen, soll unter anderem Exporte von doppelverwendungsfähigen – also sowohl zivil als auch militärisch nutzbaren – Gütern und Technologien beschränken. Darunter fallen nach US-Lesart auch Supercomputer mit ihren KI-Chips, GPUs und Speicher-ICs.


Industrie sollte auf die Politik einwirken
Laut Jan-Peter Kleinhans, Director Technology and Geopolitics bei der Stiftung Neue Verantwortung, wäre es am wichtigsten, wenn die Industrie auf die deutsche und europäische Politik einwirken würde. Diese sei derzeit im Reaktionsmodus, denn die USA definierten, was im chinesischen Halbleitermarkt gehe und was nicht. Eine ebenso klare europäische oder gar deutsche Positionierung fehlt. Weder Europa noch Deutschland hätten klare »rote Linien« bezüglich des Technologie-Transfers im Bereich Halbleiter nach China definiert. Die USA haben das spätestens mit den Restriktionen vom 7. Oktober getan. Es braucht eine ähnliche klare Positionierung Europas, diese fehlt jedoch fast vollständig.


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