Schwerpunkte

Engpässe bei der Container-Schifffahrt

»In dringenden Fällen auf Luftfracht umstellen!«

06. September 2021, 15:00 Uhr   |  Engelbert Hopf

»In dringenden Fällen auf Luftfracht umstellen!«
© Bertold Werkmann/stock.adobe.com

Immer wieder kommt es zu Störungen und Engpässen bei Container-Schiffen. Wo es aktuell Probleme gibt und welche Alternativen in Frage kommen.

Seit dem 1. September wird der Mega-Container-Hafen Ningbo-Zhoushan an der chinesischen Ostküste wieder schrittweise geöffnet und soll bald in den Normalbetrieb übergehen. Das ist die gute Nachricht. Aber das Terminal Meishan bleibt bis auf Weiteres für neu ankommende Frachtriesen geschlossen, wie ein Sprecher der Hamburger Containerreederei Hapag-Lloyd bestätigt. Abgefertigt werden vorerst nur im Hafen liegende Schiffe und kleinere Zulieferfrachter, Feeder-Schiffe genannt.

Wie eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik in der deutschen Elektronikbranche zeigt, war seit der wegen eines Corona-Falls bedingten Schließung des Terminals Meishan in Ningbo-Zhoushan am 20. Juli fast niemand direkt von der Schließung betroffen. »Wir waren nur mit einem Lieferanten und einer überschaubaren Produktanzahl betroffen«, erläutert Joachim Pfülb, Vertriebsleiter bei Beck Elektronik Bauelemente. »Zu spüren bekamen wir trotz Prüfung der Ausweichmöglichkeiten die Situation trotzdem, da die Container 20 Tage später in Hamburg eintrafen, als beim Auslaufen der Schiffe angekündigt wurde.«

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© Würth Elektronik eiSos

Alexander Gerfer, Würth Elektronik eiSos: »Die aktuellen Kosten und Verspätungen abzuwenden wird nicht möglich sein...«

Prüfung von Ausweichmöglichkeiten, Rerouting genannt, war in den letzten Wochen darum bei vielen Bauelemente- und Subsystem-Herstellern das Mittel der Wahl, um die Auswirkungen der Terminal-Schließung in Ningbo-Zhoushan abzufedern. Einige Unternehmen haben dabei komplett auf Luftfracht gesetzt, wie etwa Taiyo Yuden: »Wir beziehen momentan alle unsere Lieferungen aus China per Luftfracht«, so die Aussage von Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Germany. »Im Allgemeinen versenden wir unsere Produkte aus chinesischer Produktion per Luftfracht nach Europa«, so auch Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Passives bei Vishay.

Je kleiner die Produkte, desto einfacher die Entscheidung für Luftfracht. »Quarze importieren wir mit dem Flugzeug aus China«, bestätigt Timo Schmidt, Head of Sales and Battery Technology bei Jauch Quarz; »Batterien verschiffen wir über Shanghai, Shenzhen oder Hongkong, weil wir dort eigene Anlieferungs-Hubs haben«. »Wir verschiffen über Ningbo, Shenzhen und Hongkong und versuchen soweit wie möglich umzurouten«, versichert auch Markus Fürst, Vorstand beim Batteriespezialisten Ansmann. »Batteriepacks, die in unserem Werk in Huizhou gefertigt werden, verschiffen wir ohnehin über den Hafen in Hongkong.«

»Quarze und Oszillatoren sind ja klein, zehn bis zwölf Paletten, die einmal pro Woche per Luftfracht kommen, genügen«, versichert Christian Dunger, CEO & Chairman of the Board bei WDI. Nach Angaben von Stefan Sutalo, Marketing Director Passive Components bei Rutronik, »sind einige Hersteller alternativ auf den Hafen Shanghai ausgewichen, andere wiederum haben in dringenden Fällen auf Luftfracht umgestellt«. Sutalo weist auch noch darauf hin, »dass ja nicht nur die Terminal-Schließung in Ningbo-Zhoushan für Probleme im Container-Schiffsverkehr gesorgt hat, sondern auch andere Einzelfaktoren, wie etwa der Streik bei der Reederei HMM«.

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© Puls

Bernhard Erdl, Puls: »Um in der aktuellen Knappheitslage Zeit zu gewinnen, haben wir den Transport unserer Produkte schon großteils auf die Bahn umgestellt.«

Andere haben sich für die Alternativlösung Bahn entschieden. »Um in der aktuellen Knappheitslage Zeit zu gewinnen, haben wir den Transport unserer Produkte schon großteils auf die Bahn umgestellt«, erläutert Bernhard Erdl, CEO und President des Stromversorgungsherstellers Puls, »da stört uns der Hafen nicht«. Er macht aber auch noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: »Wir haben aber trotzdem Probleme in unserer Fertigung in China, weil unsere Magnetics zum großen Teil von den Philippinen nach China geliefert werden, und zwar über den Hafen Ningbo-Zhoushan.«

Bleibt abzuwarten, wie lange beispielsweise die Kapazitäten im Frachtluftverkehr aus China noch im gewohnten Maße zur Verfügung stehen. An Chinas größtem Frachtflughafen, Shanghai Pudong, kam es Ende August ebenfalls zu Corona-Meldungen. Airlines wie Cathay Pacific Cargo berichten, dass die Warenlager in Pudong bereits überquellen. Auch Lufthansa Cargo, Qatar Airways Cargo und andere berichten von Störungen. Vor diesem Hintergrund bleibt zu hoffen, dass sich die Staus vor den Häfen an der chinesischen Ostküste in den nächsten Wochen auflösen. Rolf Habben Jansen, Chef von Hapag Lloyd, geht jedoch davon aus, dass sich die gegenwärtigen Herausforderungen in den Häfen nicht vor dem 1. Quartal 2022 lösen lassen.

Auch wenn Unternehmen wie etwa Jianghai Europe Electronic Components nach Angaben von Dr. Arne Albertsen, Senior Sales Manager, von den Problemen in Ningbo-Zhoushan nicht direkt betroffen sind, »weil wir unsere Lieferungen über Shanghai abwickeln«, ist nach Einschätzung von Annette Landschoof, Product Manager bei Schukat electronic, »davon auszugehen, dass auf dem schon einige Zeit sehr kritischen Transportsektor von weiteren Verzögerungen von bis zu sechs Wochen zu rechnen ist«.

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© WDI

Christian Dunger, WDI: »Quarze und Oszillatoren sind ja klein. Zehn bis zwölf Paletten, die einmal pro Woche per Luftfracht kommen, genügen uns da.«

Von zwei bis vier Wochen Verzögerung geht Jean Quecke, Sales Director (IPE) Central Europa bei Future Electronics, aus: »Die Situation an den Häfen in China wird die momentane Situation noch weiter verschärfen.« Für Quecke hat das auch damit zu tun, »dass die größten Ladekontingente für die Regionen zur Verfügung gestellt werden, die 2020 früher aus dem Lockdowns kamen, und das sind China und die USA«.

Auch wenn der Hafen Ningbo-Zhoushan für TDK nach Aussage von Josef Vissing, Deputy Head of Sales TDK Europe, »keine substanzielle Rolle für unser Unternehmen spielt, belasten die Vorkommnisse dort den Seefrachtverkehr zusätzlich«. Als Gründe für die seit Monaten angespannte Situation nennt er folgende: »Zu geringe Frachtkapazitäten auf den Hauptrouten nach Amerika und Europa, oftmals fehlende Leer-Container in Asien und dort speziell in China sowie zusätzliche Störungen durch Schiffsverspätungen, überlastete Kapazitäten in den Häfen selbst und auf den Transportwegen im Hinterland.« In der Konsequenz, so Vissing, »werden die auf mehr als das Doppelte gestiegenen Seefrachtkosten noch weiter in die Höhe gehen«.

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© Ansmann

Markus Fürst, Ansmann: »Wir versuchen durch Rerouting unserer Waren der Situation entgegenzuwirken. Aufgrund der großen Entfernungen und der begrenzten Straßenlogistik ist das nicht immer problemlos möglich.«

»Der komplette Austausch von Schiffen und Containern verschiebt sich«, bestätigt denn auch Gustav Erl, General Manager TDK-Lambda Germany. »Wir sehen einen ähnlichen Effekt wie beim Suez-Rückstau im März dieses Jahres.« Planungstechnisch geht man bei TDK-Lambda darum im Allgemeinen von einer Erhöhung der Lieferzeiten um vier Wochen aus.

»Die aktuellen Kosten und Verspätungen abzuwenden wird nicht möglich sein«, so Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos; »das Wichtigste ist jetzt, offen und transparent zu kommunizieren, damit alle Beteiligten sich auf die Verspätungen einstellen können«. Ningbo ist für ihn eine Autobahn für Konsumgüter, Spielzeug, Handwerksbedarf und Haushaltsgegenstände. »In der Gewichtung sind für uns Hongkong und Kaohsiung in Taiwan deutlich wichtiger als Shanghai und Yantian.« Gerfer rechnet aktuell mit Lieferverzögerungen von vier Wochen, »und das ist nach unserer Ansicht der optimale Wert«.

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Beck GmbH & Co. Elektronik Bauelemente KG, Taiyo Yuden Europe GmbH, Vishay Electronic GmbH, JAUCH QUARTZ GmbH, ANSMANN AG, WDI AG, Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH, PULS GmbH, Jianghai Europe Electronic Components GmbH, Schukat electronic Vertriebs GmbH, FUTURE ELECTRONICS Deutschland GmbH, TDK Electronics Europe GmbH, TDK-LAMBDA Germany GmbH, Würth Elektronik eiSos GmbH & Co. KG