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Passive Bauelemente: Sogwirkung durch 5G

Zwischen perfektem Sturm und Nullsummenspiel


Fortsetzung des Artikels von Teil 2

Das absolute Chaos

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Joachim Pfülb, Beck Elektronik Bauelemente »Unter 10 Millionen Stück lohnt es sich für einen Hersteller gar nicht, einen bestimmten Kapazitäts- oder Spannungswert aufzulegen. Ein 1206 mit 100 nF/50 V ist kein Bauteil der Zukunft mehr.«
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Joachim Pfülb, Vice President bei Beck Elek­tronik Bauelemente, ist sich sicher: »Die Lücken, die da in der Lieferkette aufreißen, wenn man das drei, vier Wochen vorausdenkt, dann wird das das absolute Chaos, denn dann sind hier die Lager leer.« Es werden dann wieder die 2 Prozent, die man nicht auf Lager habe, »darüber entscheiden, ob man als System- oder Gerätehersteller Geschäft macht oder nicht«.

 

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Harald Sauer, Taiyo Yuden»Wir geben derzeit überhaupt keine Empfehlungen, weil wir unseren Kunden noch nichts sagen können. In zwei, drei Wochen werden wir substanzielle Aussagen und Empfehlungen geben können.«
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Wie offen die Situation Mitte Februar war, zeigt ein Diskussionsbeitrag von Andreas Hammer, Vice President Sales EMEA bei Kemet Electronics: »Der ganze Spuk kann in zwei, drei Wochen vorbei sein, alle gehen zurück in ihre Produktionsstätten und wir haben vielleicht ein Gap von zwei, drei Wochen, das müsste diese Branche verkraften können.« Bei Kemet habe man für das Chinese New Year vorproduziert, deshalb sei der Impact bislang minimal. »Wir diskutieren hier über etwas, was wir noch gar nicht wissen können«, so sein Einwand, »aber wir müssen uns Gedanken darüber machen, wo die Aufträge herkommen, die schon Ende letzten Jahres die Auftragsbücher der Branche gefüllt haben. Hier könnte sich das Thema Coronavirus durchaus noch als verstärkender Hebel erweisen«.

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Andreas Hammer, Kemet Electronics »Zu uns sind viele Kunden gekommen, die gefragt haben, ob wir in die Bresche springen können. Wir haben in die Produktions­kapazität für 0805 investiert. Aber dem Kunden muss klar sein, zweistellige jährliche Einspar­potenziale gibt es da nicht.«
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Benjamin Blume, Samsung Electro-Mechanics »Aus unserer Sicht haben die Industriekunden zum Teil sehr besonnen reagiert und sich durch gutes Sourcing ausgezeichnet. Wir haben aber auch klar kommuniziert, dass in der Allokation das am einfachsten zu bekommen ist, was am besten läuft.«
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Welche Dimensionen das Thema 5G in diesem Jahr erreichen könnte, macht Quecke am Beispiel der geplanten iPhone12-Produktion klar. »Foxconn soll im ersten Halbjahr 2020 rund 20 Millionen dieser Geräte produzieren und in der zweiten Jahreshälfte 280 Millionen Stück«. Dann sei da noch das Thema 5G. »Deutschland braucht da für eine flächendeckende Ab­deckung rund 825.000 Basisstationen«, so Quecke. »Da kann man sich vorstellen, welche Bedarfsmengen für die USA oder China notwendig sein werden.«

Den anziehenden Markt, von dem neben Yageo auch Taiyo Yuden, TDK oder Vishay gesprochen haben, sieht auch Benjamin Blume, Team Leader Application Engineering bei Samsung Electro-Mechanics. »Wir beobachten das bereits seit Ende letzten Jahres in Asien.« Er verweist zudem darauf, dass das Mitte Februar vorgestellte Galaxy S20 komplett für 5G ausgestattet ist. Der Bedarfssprung der MLCCs, der bei den Smart­phones vor zwei Jahren beim Übergang von der einen zur nächsten Generation zu beobachten war, würde sich aber mit 5G nicht wiederholen. »Natürlich sind da wieder einige mehr drin, aber es ist keine Steigerung um mehrere hundert Bauteile mehr.«

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Jörg Wüstner, Murata Europe »Unser wichtigster Bereich in Europa ist mit Sicherheit das Automotive-Segment. Hier bemerken wir die zunehmende Elektronifizierung, die damit steigende Zahl der Bauelemente pro Fahrzeug. Wir sehen da eine klare Steigerung.«
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Dr. Arne Albertsen, Jiangahi Europe „Dank Doppelschicht­kondensatoren genügen heute bei E-Bussen kurze Ladestopps an den jeweiligen Haltestellen, um einen kontinuierlichen 24-Stunden-Betrieb zu ermöglichen, und das bei einem deutlich reduzierten Platzbedarf gegenüber Batterien.“
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Dass die Aufträge, die derzeit die Bücher der Bauelemente-Hersteller in Asien füllen, hauptsächlich aus dem 5G-Bereich kommen, bestätigt auch Harald Sauer, Director bei Taiyo Yuden Europe. »Vor diesem Hintergrund kamen bereits Ende letzten Jahres von verschiedenen Kondensator-Herstellern Warnungen heraus, dass es bei den kleinen Bauformen wieder eng wird.« Auch Sauer betont deshalb, »dass wir bereits vor dem Coronavirus volle Auftragsbücher hatten«. Sauer geht deshalb davon aus, dass die Zuteilung von Ware in den nächsten Wochen und Monaten wieder ein Thema sein wird.

Jörg Wüstner, Business Development Manager in der Business Unit Automotive bei Murata Europe, weist darauf hin, »dass diese Verknappung bislang nur kleine Bauformen betrifft, die für Smartphones und Mobilapplikationen zum Einsatz kommen. Es handelt sich also um Bauformen, die in Europa nicht so stark zum Einsatz kommen«. Aktuell sieht Wüstner keine Probleme bei den Lieferzeiten. »Die Produktionslinien für Smartphones und Automotive beispielsweise sind vollständig voneinander entkoppelt.« Ohne Alarmismus betreiben zu wollen, weist Dr. Arne Albertsen, Senior Sales Manager bei Jianghai Europe, darauf hin, dass Vormaterialien und Logistik durchaus Themen seien, mit denen man sich bei Jianghai in China beschäftige. »Kommt es zu einer weiteren Ausweitung der Epidemie, kann das durchaus schwere Folgen haben und in längere Ausfälle münden.« Dr. Albertsen weist darauf hin, dass es nichts bringe, jetzt in Panik zu verfallen, »aber letztlich kann dieses Phänomen viele schwere und weitreichendere Folgen für die Weltwirtschaft haben, als wir das heute in dieser Runde absehen können«. Die Entwicklung der folgenden Wochen bis Anfang März sollte ihm Recht geben.


  1. Zwischen perfektem Sturm und Nullsummenspiel
  2. Probleme und Ausfälle
  3. Das absolute Chaos
  4. »Globalisierung der Patrioten«
  5. Ultrakondensator – Renaissance eines Hoffnungsträgers?
  6. Downsizing mit Sinn und Verstand
  7. Die Teilnehmer des Forums

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