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Megatrends bei Leistungshalbleitern

»Die Zukunft ist elektrisch und gehört SiC und GaN«

22. Oktober 2020, 12:24 Uhr   |  Engelbert Hopf

»Die Zukunft ist elektrisch und gehört SiC und GaN«
© Markt&Technik

Dr. Dirk Wittorf, Nexperia: »Nach dem Markteinbruch im 2. Quartal dieses Jahres hat der Markt im 3. Quartal einen ordentlichen Aufschwung erlebt, der sich im 4. Quartal fortsetzt.«

Der Wandel von Silizium zu Siliziumcarbid wird sich im Automobil- und Automotive-Bereich noch schneller vollziehen, als das viele noch vor einem Jahr für möglich hielten.

Zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik unter führenden Leistungshalbleiter-Herstellern auf dem deutschen Markt. Die Marktreife der Wide-Bandgap-Materialien SiC und GaN, so die befragten Experten, »kam genau zur rechten Zeit«. Bei den großen Energiemengen, die beim Fahren genutzt werden, rechnet sich auf jeden Fall eine Investition in die beste verfügbare Leistungselektronik.

»Unternehmen, die Wide Bandgap bereits für sich entdeckt und in ihre Systeme eindesignt haben, lassen sich von der Pandemie nicht stoppen«, so Daniel Scharfen, Leiter Business Intelligence & Systems bei Infineon Technologies. Dass speziell SiC und GaN aktuell von der Situation profitieren, hat mit politischen Entscheidungen zu tun, die in den letzten Monaten unter dem Eindruck der Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen wurden. Peter Frey, Managing Director bei StarPower Europe, weist dabei besonders auf die verstärkten Förderprogramme für die Elektromobilität und Ladeinfrastruktur, erneuerbare Energien, Energiespeicher und den beschlossenen Kohleausstieg hin. »Die Zukunft ist elektrisch«, stellt er fest, »und diesen Fokus spüren wir ganz deutlich!«

»Die auf politischer Ebene getroffenen Entscheidungen helfen der Industrie ganz gezielt«, bestätigt auch Dieter Liesabeths, Director Strategic Business Development Automotive bei Cree/Wolfspeed. »Diese Hilfen gehen vor allem in neue Zukunftstechnologien und CO2-reduzierende Maßnahmen.« Liesabeths verweist auf die erneute Absenkung der CO2-Ziele der EU. »Auch die eingeführte CO2-Steuer von 60 Euro pro Tonne CO2 wird diesen Weg noch beschleunigen.« Für ihn steht außer Zweifel, »dass die Förderung von CO2-freien Antrieben durch Covid-19 noch beschleunigt wurde«.

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© Infineon

Daniel Scharfen, Infineon Technologies: »Unternehmen, die Wide Bandgap für sich entdeckt und bereits in ihren Systemwn eindesignt haben, lassen sich von der Pandemie nicht stoppen.«

Der Cree-/Wolfspeed-Manager verweist darauf, dass BMW inzwischen bis 2030 rund 50 Prozent seiner Autoflotte auf alternative Antriebe umstellen will. VW hat sich bis zur selben Zeitmarke ein Ziel von 30 Prozent gesetzt. Und Audi will sogar schon bis 2025 gut 40 Prozent seiner Fahrzeugantriebe elektrifiziert haben. Da verwundert es auch nicht mehr, das Philip Lolies, Manager EMEA Region Power Products bei STMicroelectronics, einem der aktuell führenden Hersteller von SiC-Produkten, von inzwischen mehr als 60 Kundenprogrammen weltweit berichtet, in denen STMicroelectronics Automobil- und Automotive-Hersteller beim Übergang von Silizium- zu SiC-Lösungen unterstützt.


»Die inzwischen gewährten steuerlichen Vorteile und attraktive Angebote der Hersteller von Hybrid- und Elektroautos als auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur etwa auf Firmen- und Gemeindeparkplätzen haben der Elektromobilität eine zusätzliche Dynamik verliehen«, stellt auch Dr. Dirk Wittorf, Strategic Marketing Manager bei Nexperia, fest. »Die Reichweite ist ein wesentliches Leistungsmerkmal, und damit kommen die höher effizienten Leistungshalbleiter SiC und GaN verstärkt zum Einsatz«, so der Nexperia-Manager.

Bezogen auf den Einsatz des gesamten Leistungshalbleiter-Spektrums zählte der Automobil- und Automotive-Bereich speziell in der Phase der verschiedenen regionalen Lockdowns im 2. Quartal 2020 zu den besonders hart betroffenen Anwendermärkten der Leistungshalbleitertechnik. Die komplexen Wertschöpfungsketten dieser Branche können sich an keiner Stelle zu viel Kapitalbindung erlauben. Entsprechend schnell muss hier auf Marktveränderungen reagiert werden, und somit zeigen sich Marktveränderungen auch mit minimaler Zeitverzögerung am Komponentenmarkt. Andererseits ist der Trend zu immer mehr Elektronik im Fahrzeug weiter ungebrochen. Höhere Spannungen, Batteriemanagement, steigende Verbrauche bei Komfort-Einrichtungen und Assistenzsystemen erhöhen den Gesamtmarkt für Leistungshalbleiter weiter kontinuierlich, so die einhellige Meinung der Branchenexperten.

Liesabeths_Dieter
© Wolfspeed

Dieter Liesabeths, Cree/Wolfspeed: »Wir haben nur kurzfristig eine Reduzierung der Aktivtäten bei Kunden gesehen. Die Nachfrage nach neuen SiC-Dioden und -MOSFETs ist weiterhin sehr hoch.«

Auf industrielle Anwendungen hat sich die Corona-Krise offenbar weniger heftig ausgewirkt. Für Guillem Gargallo, Product Marketing Manager PSG Industrial EMEA bei On Semiconductor, fällt aus diesem Grund auch die Erholung in diesem Marktsegment deutlich moderater aus als etwa im KFZ-Elektronik-Segment. Gargallo weist aber auch darauf hin, dass etwa im Computerbereich der Bedarf an Leistungshalbleitern während der Pandemie deutlich höher war, weil die notwendige Hardware hergestellt werden musste, um Homeoffice im globalen Stil zu ermöglichen.

Dr. Michael Lampalzer, Senior Strategic Marketing Engineer Power Semiconductor bei Mitsubishi Electric, weist darauf hin, dass angesichts der allgemeinen Erholung der Anwendermärkte nicht vergessen werden dürfe, „dass einzelne Bereiche weiterhin stark betroffen sind, etwa wenn sie in Zusammenhang mit weiterhin von Einschränkungen betroffenen Wirtschaftszweigen wie beispielsweise der Flugzeugindustrie stehen«. Abgesehen von solchen Einzelbereichen erwartet Dr. Lampalzer für Mitsubishi aber schon bis zum Jahresende die Rückkehr nahe zum Vorjahresniveau.

Dass die Nachfrage nach Leistungshalbleitern in der deutschen Industrie in den zurückliegenden Monaten der Corona-Pandemie stärker als in anderen Regionen zurückgegangen ist, hat für Thomas Grasshoff, Head of Strategic Marketing bei Semikron, einfach mit der Exportabhängigkeit des Maschinen- und Anlagenbaus zu tun. Bis zum Jahresende sieht er weiterhin kurzfristige Bedarfe. »Die allgemeine Unsicherheit hält weiter an und bremst die Investitionsbereitschaft im Industriebereich aus«, so Grasshoff. »Kunden gehen von einer Belebung im 2. Halbjahr 2021 aus, abhängig von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens.«

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