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STMicroelectronics übertrifft Prognose

»Das Automotive-Segment hat uns wirklich überrascht«

10. Dezember 2020, 12:08 Uhr   |  Das Interview führten Engelbert Hopf und Iris Stroh.

»Das Automotive-Segment hat uns wirklich überrascht«
© STMicroelectronics

Jean-Marc Chery, STMicroelectronics: »Zwei Dinge haben uns wirklich überrascht: der unerwartet starke Aufschwung im Automotive-Markt und der wirklich steile Anstieg in China.«

Corona hat das Jahr 2020 geprägt. Markt&Technik sprach bereits im Frühjahr mit Jean-Marc Chery, President und CEO von STMicroelectronics, über seine Erwartungen und war überrascht über seinen Optimismus. Jetzt zeigt sich, dass der Optimismus von Jean-Marc Chery noch zu pessimistisch ausgefallen ist.

Markt&Technik: Als wir uns im Frühjahr unterhalten hatten, haben Sie im besten Fall mit einem stagnierenden Umsatz im Vergleich zum Vorjahr in Höhe von 9,5 Mrd. Dollar gerechnet, wobei eine zweite Welle der Pandemie bereits eingerechnet war. Die zweite Welle kam, ST lag im dritten Quartal mit seinem Umsatz trotzdem über den eigenen Erwartungen, sodass ST das Gesamtjahr mit rund 10 Mrd. Dollar abschließen wird. Hat hier vor allem der Automotive-Markt geholfen?

Jean-Marc Chery: Ja, die Prognose hat nicht ganz gestimmt, aber als wir das letzte Mal sprachen, waren wir gerade mittendrin in der Pandemie. Für ein Unternehmen wie ST mit rund 46.000 Mitarbeitern, elf Fabriken rund um die Welt verteilt und über 100.000 Kunden muss auf Basis fundierter Daten ein Konzept entwickelt werden, wie es weitergeht. Und das haben wir gemacht. Wir haben damals dank enger Partnerschaften mit unseren Kunden Informationen bezüglich der wirtschaftlichen Weiterentwicklung und des damit verbundenen Bedarfs ausgetauscht, diese mit Informationen unabhängiger Analysten und unseren eigenen Markteinschätzungen kombiniert und daraus unseren Forecast erstellt, der auch noch mit den Schätzungen zum weltweiten GDP übereinstimmte.

Aber richtig, wir wurden von den Entwicklungen im Automotive-Markt definitiv überrascht. Es war damals überhaupt nicht absehbar, dass die Nachfrage in diesem Bereich Ende August mit dieser Stärke zurückkommen würde. Wir sind von einer sehr niedrigen Run Rate auf eine sehr hohe Run Rate gewechselt. Im Vergleich zu unseren eigenen Erwartungen hat sich der Automotive-Legacy-Bereich, den wir mit Smart Power, applikationsspezifischen Produkten, Smart Power ASICs und MCUs etc. bedienen, viel besser als erwartet entwickelt. Darüber hinaus hat sich auch der Bereich Personal Electronics besser entwickelt. Denn die Embargo-Situation um Huawei hat den Smartphone-Markt nicht verkleinert, sondern die anderen Anbieter in diesem Bereich haben einige Marktanteile gewonnen. Das gilt besonders für den High-End-Bereich, wo wir gut positioniert sind.

Darüber hinaus kommt uns der Effekt von „Stay at home“ entgegen. Denn damit stieg die Nachfrage nach Zubehör wie Keyboards, Tablets, Kopfhörer etc. Auch in diesem Bereich wurden unsere Erwartungen übertroffen. Und zu guter Letzt läuft auch die Wirtschaft in China unerwartet gut. Im April hatten wir zwar schon erwartet, dass sich China erholen wird, aber nicht so schnell, wie es sich abgespielt hat. Hinzu kommt noch, dass wir glücklicherweise im letzten Jahr viele neue Produkte vorgestellt haben, und der Bedarf in China nach neuen Produkten ist wirklich groß. Summa summarum: Für ST läuft alles in die richtige Richtung und das gilt für das dritte und vierte Quartal 2020. Jetzt müssen wir nur noch sehen, wie es nächstes Jahr weiter geht.

Der IWF (Internationale Währungsfonds) prognostiziert, dass das weltweite GDP in diesem Jahr um 4,4 Prozent fallen wird, mehr als Sie im Frühjahr noch erwartet haben. Die Halbleiterindustrie soll im Gegensatz dazu diesem Jahr um 2,5 Prozent wachsen, und diese Wachstumsrate gilt, ohne dass Speicher berücksichtigt wurden. Warum ist der Halbleitermarkt in diesem Jahr vom GDP abgekoppelt?

Ich denke, hier kommen zwei Effekte zum Tragen. Der erste Effekt: Den bestehenden Megatrends konnte die Pandemie nichts anhaben. Der Trends hin zu intelligenter Mobilität, Steuerung des Leistungsverbrauchs, Kommunikationsinfrastruktur für 5G etc., all diese Megatrends sind trotz der Pandemie ungebrochen gültig. Und genau diese Megatrends treiben den Halbleiterumsatz.

Dazu kommt noch, dass die Menschen aufgrund der Corona-Pandemie ihre Verhaltensweisen ändern mussten – Social Distancing, keine Reisen, kein Essengehen, kein Theaterbesuch etc. Das hat dazu geführt, dass der Bedarf an Elektronikgeräten gestiegen ist. Dazu kommen noch Unternehmen wie beispielsweise ST. Anfang des Jahres haben wir als Gesamtunternehmen vielleicht 10.000 Minuten pro Monat Microsoft Teams benutzt. Heute liegen wir als Unternehmen bei rund 60 Mio. Minuten pro Monat. Das heißt, auch wir haben unsere Mitarbeiter mit Laptops, Tablets, Kopfhörern und Zubehör etc. ausgestattet. Damit ist klar, dass das GDP von der Halbleiterentwicklung abgekoppelt ist. Es hat eine Verschiebung in der Wirtschaft gegeben.

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2. GaN auch im Automotive-Segment?

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