TDK Electronics, Dr. Werner Lohwasser

»Ich glaube nicht an das Ende der Globalisierung«

11. Juli 2022, 14:00 Uhr | Engelbert Hopf
WEKA Fachmedien
Dr. Werner Lohwasser, TDK Electronics: »Unsere dringendste Aufgabe ist derzeit der zielgerichtete Ausbau unserer Produktionskapazitäten, für den wir die Investitionen in diesem Jahr gegenüber 2021 noch einmal deutlich erhöht haben.«
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Höhere Investitionen in den Ausbau dringend benötigter zusätzlicher Fertigungskapazitäten, Ausbau der Fertigungsstandorte auch außerhalb Chinas zur Risikominimierung. Mit diesen Vorsätzen übernahm Dr. Werner Lohwasser zum 1. Juli die Verantwortung als CEO und COO von TDK Electronics.

Markt&Technik: Herr Dr. Lohwasser, seit dem 1. Juli sind Sie Vorstandsvorsitzender der TDK Electronics. Zuvor waren Sie CTO und COO des Unternehmens. Werden Sie in Zukunft wieder verstärkt die technische Kompetenz des Unternehmens herausstellen?

Dr. Werner Lohwasser: Verzeihen Sie, aber wir waren auch unter meinem Vorgänger Joachim Zichlarz ein sehr technologieorientiertes Unternehmen. Zichlarz hatte zwar einen ökonomischen Background, aber in puncto Stärkung der R&D-Aktivitäten in Europa, etwa durch den Ausbau des R&D Centers am Standort Deutschlandsberg, oder im Vorantreiben von Prozess-Innovationen haben wir als Führungsteam in enger Zusammenarbeit klare Ziele gesetzt. So hat Zichlarz etwa auch vor drei Jahren einen neuen Investitionskurs eingeleitet, der für die Zukunft verstärkt auf die Förderung von Produkten und Produktentwicklungen mit starkem Wachstumspotenzial setzt.

Seit 2020 haben sich die weltweiten Rahmenbedingungen nachhaltig verändert. Die Abhängigkeit von Rohstofflieferanten und Fertigungsstätten vor allem in China wird deutlich kritischer gesehen. Planen Sie den Forschungs- und Produktionsstandort Europa in Zukunft wieder deutlich zu stärken?

Ich gehe nicht davon aus, dass wir komplette Produktionsketten aus Asien nun verstärkt nach Europa zurückverlagern. Es gibt einen allgemeinen Trend in der Branche, Produktionsstätten in China nur noch in dem Umfang auszubauen, wie sie zur Bedienung des chinesischen Marktes notwendig sind. Das zielt letztlich auf den Ausbau von Fertigungskapazitäten in anderen Ländern ab. Als Beispiel möchte ich Ihnen hier nennen, dass wir schon dabei sind, die DC-Folienkondensatoren-Fertigung in Indien zeitnah spürbar auszubauen.

Konfliktbehaftete Rohstoffe werden zunehmend zum Problem. Sehen Sie in einem verstärkten Recycling eine Lösung für dieses Problem?

Nachhaltiges Handeln beginnt in meinen Augen bereits weit vor dem Recycling, nämlich beim Design und der Rohstoffauswahl neuer Bauelemente. Natürlich gehört dazu beispielsweise auch der Ausstieg oder die Suche nach Alternativen für den Einsatz von Palladium, um ein konkretes Beispiel zu nennen. Ich möchte aber auch hervorheben, dass es uns gelungen ist, seit 2015 unseren weltweiten CO2-Fußabdruck um zwei Drittel zu reduzieren. In Indien beispielsweise generieren wir inzwischen durch Photovoltaik 50 Prozent des von uns verbrauchten Stroms selbst, und das trotz kontinuierlichen Wachstums unserer Produktionskapazitäten dort!

Sie übernehmen die Unternehmensverantwortung in einer Ausnahmesituation. Wo sehen Sie in Ihrer neuen Funktion aktuell die größten Herausforderungen?

Ich würde es als außergewöhnlich gute Situation bezeichnen! Unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt. Die Herausforderung besteht aus meiner Sicht vor allem darin, den Kapazitätsausbau schnell und gezielt voranzutreiben. Wir haben im letzten Jahr den Anteil unserer Investitionen in den Kapazitätsausbau auf 30 Prozent erhöht; in diesem Jahr werden es über 50 Prozent sein! Diese Zahlen beziehen sich auf unser Produktspektrum als TDK Electronics. Wenn Sie das gesamte TDK-Bauelementegeschäft nehmen, dann liegt der Schwerpunkt des Kapazitätsausbaus bei den TDK-originären Produkten natürlich auf den MLCCs. Aber die Ausbaupläne lassen sich nicht von heute auf morgen realisieren. Hat es vor der Pandemie sechs bis neun Monate gedauert, bis die ersten Produkte nach solchen Investitionen die Fabs verließen, sprechen wir heute von neun bis zwölf Monaten, bis neu bestellte Fertigungsmaschinen installiert sind und anlaufen können.

Gibt es bestimmte Forschungs- und Entwicklungsthemen, die Sie in den nächsten Jahren stärker forcieren wollen?

Die Basis für solche Entscheidungen wird in Zukunft verstärkt ein neuartiger TDK Think Tank liefern. Wir wollen dort visionäre neue Ideen entwickeln, die sonst im Alltag eines Konzerns keine Chance hätten. Hier regen wir Mitarbeiter dazu an, neue Produkt- und Applikationsideen als Einheit zu sehen. Diese Ideen werden dann einem Board vorgeschlagen, das darüber entscheidet, ob daraus ein Projekt wird. Als Nächstes geht das Projektteam dann auf die Suche nach einem Leitkunden. Der Fokus unseres Handelns liegt dabei einzig und allein auf dem Kundennutzen. Wir werden aber auch neue Anwendungsfelder für keramische Bauelemente suchen, die Materialentwicklung im Ferrit- und Keramik-Bereich vorantreiben, und Ziel unserer Forschung wird auch der Ersatz problematischer Materialien sein.

Wie sieht die aktuelle Versorgungslage aus? Gibt es eventuell Produktbereiche, die sich schon wieder der Normalität der Vor-Corona-Zeit annähern? Mit welchen Maßnahmen wollen Sie das Problem speziell in Europa besser in den Griff kriegen?

Von irgendeiner Art von Normalität sind wir noch weit weg! Unsere Regellieferzeiten liegen heute mitunter zwischen neun und zwölf Monaten. Für Neukunden können die Lieferzeiten noch länger sein.

Betrachtet man die Quartalsmeldungen großer Unternehmen, scheint der Krieg in der Ukraine bislang fast folgenlos für deutsche Unternehmen zu sein. Hat sich die Branche so sehr an den Ausnahmezustand gewöhnt, dass ein Krieg in Europa fast keine Auswirkungen mehr hat?

Unabhängig von dem unsäglichen Leid für die Menschen in der Ukraine, das dieser Krieg mit sich bringt: Die wirklichen Auswirkungen in der Wirtschaft sehen wir noch gar nicht. Wir nehmen bislang eher mittelfristige Veränderungen wahr: Steigende Inflation, die Investitionsbereitschaft sinkt, die wirtschaftliche Dynamik könnte infolge dieser Entwicklung abflachen. Aber Herausforderungen wie der Zwang zur Reduzierung des Rohöl- und Gasverbrauchs bieten natürlich auch neue technische Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen.

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