Halbleitermarkt

2021 toppt alle Erwartungen

20. Dezember 2021, 9:30 Uhr | Iris Stroh
WEKA Fachmedien
Teilnehmer des Halbleiterforums der Markt & Technik: Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Automotive bei Microchip Technology (per Video zugeschaltet)/ Uwe Bröckelmann, Senior Director of Technology von Analog Devices / Armin Derpmanns, Head of Semiconductor Marketing & Operations von Toshiba Electronics Europe (per Video zugeschaltet)/ Peter Wiese, Vice President und General Manager Automotive Sales EMEA von NXP Semiconductors / Raphael Hrobarsch, European Regional & Automotive Sales Manager bei Diodes / Stephan Janouch, Director Marketing von Videantis / Carsten Jauch, Vice President Sales Automotive Europe & General Manager Renesas Electronics EMEA / Philippe Prats, Head of Automotive Marketing & Application EMEA bei STMicroelectronics / Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors
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Der ZVEI prognostiziert, dass der weltweite Halbleitermarkt in diesem Jahr zwischen 21 und 27 Prozent wachsen wird. Nächstes Jahr sollen es noch einmal zwischen vier und zehn Prozent sein. Damit hatte ganz sicher niemand gerechnet.

Der WSTS beispielsweise ist in seiner Herbstprognose 2020 noch von einem Plus von lediglich 8,4 Prozent für dieses Jahr ausgegangen. Auch der ZVEI hatte 2020 für dieses Jahr nur ein Wachstum zwischen acht und zehn Prozent prognostiziert. Stephan zur Verth, Vorsitzender der ZVEI-Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente, merkt an: »Praktisch alle Produkttypen wachsen im unerwarteten ›Boom-Jahr‹ 2021 zweistellig.«

Allerdings gibt es doch Unterschiede. So litten die Prozessorhersteller in diesem Jahr am stärksten unter den Lieferengpässen. Dementsprechend hat sich hier nur ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahresumsatz ergeben. Lediglich die Optoelektronik ist noch weniger gewachsen, hier veranschlagt der ZVEI ein Umsatzplus von lediglich acht Prozent gegenüber 2020. Diskrete, Sensoren, Analog, Logik und Speicher hingegen verzeichneten alle ein Plus von »mindestens« 27 Prozent (Diskrete). Das größte Wachstum erzielten die Speicherhersteller, hier soll der Umsatz um 32 Prozent wachsen, aber auch die Anbieter von Analog-ICs werden in diesem Jahr wohl ein Plus von 31 Prozent erzielen.

Auf die Absatzmärkte bezogen stellt die Datentechnik (31,5 Prozent) immer noch den größten Absatzmarkt für Halbleiter dar, gefolgt von der Kommunikation (31,0 Prozent). An dritter Stelle folgt die Konsumelektronik (13,2 Prozent), an vierter Stelle die Industrieelektronik (12,3 Prozent) und an letzter Stelle steht die Kfz-Elektronik (12,0 Prozent). Damit haben sich die Anteile der Märkte gegenüber dem Vorjahr kaum verändert.

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Stephan Janouch, Videantis: »Videantis profitiert vom USA-China-Konflikt, da wir zu 100 Prozent in Deutschland aktiv sind. Jeder, der schon mal darüber nachgedacht hat, sein Projekt nach China zu verschieben, weiß es mittlerweile zu schätzen, dass unsere gesamten Entwicklungsaktivitäten hier stattfinden.«  
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Boom trotz Katastrophen

Dass der Halbleiterumsatz so unerwartet stark steigen konnte, ist umso verwunderlicher, als dass das gesamte Jahr 2021 mehr denn je durch Probleme in der Lieferkette geprägt war. Egal ob Containermangel, Energieprobleme, immer wieder bedingte Produktionsdrosselungen aufgrund von Corona, extreme Wetterverhältnisse, Brände oder Erdbeben, alles konnte das Wachstum in der Halbleiterindustrie nicht bremsen. Zur Verth kommentiert lapidar: »Der Halbleitermarkt 2021 ist aufgrund einer starken Nachfrage trotz Lieferengpässen stark gewachsen.« Und Uwe Bröckelmann, Senior Director of Technology von Analog Devices, fügt stellvertretend für die Forumsteilnehmer hinzu: »Wir haben geliefert, was wir konnten.«
Dass das trotzdem nicht ausgereicht hat, ist bekannt, viele Abnehmerbranchen mussten mit Lieferengpässen auf der Halbleiterseite kämpfen. Wie viele Autos, Smartphones, Playstations etc. schlussendlich aufgrund der Lieferengpässe wirklich nicht gebaut wurden, ist noch nicht sicher, aber im hohen einstelligen oder niedrigen zweistelligen Millionenbereich dürften die Zahlen zumindest in der Automobil- und Mobilfunkbranche liegen.

Dieses Umsatzwachstum im Halbleitermarkt hat einigen Halbleiterherstellern Rekordumsätze beschert, aber auch die vom Halbleitermangel stark gebeutelte Automobilindustrie konnte zum Teil sehr gute Zahlen ausweisen. So war im Juli beispielsweise zu lesen, dass BMW das erste Halbjahr 2021 mit einem kräftigen Absatzplus abschließen konnte, das nicht nur über dem Corona-geprägten Vorjahr lag, sondern auch über dem Vor-Corona-Niveau aus dem ersten Halbjahr 2019. Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender bei Daimler und Mercedes-Benz, erklärte anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse für das 2. Quartal 2021 (21. Juli 2021): »Wir haben in allen Divisionen eine starke Performance im zweiten Quartal erzielt. Bei Mercedes-Benz Cars & Vans haben wir das dritte Quartal in Folge eine zweistellige Marge erreicht und damit die Widerstandsfähigkeit unseres Geschäfts unter Beweis gestellt – trotz der anhaltend geringen Verfügbarkeit von Halbleitern. Und VW meldete im Juli nach einem Rekordergebnis im ersten Halbjahr 2021, dass der Ausblick für das Gesamtjahr angehoben wird. Peter Wiese, Vice President und General Manager Automotive Sales EMEA von NXP Semiconductors, kommentiert diese Entwicklung folgendermaßen: »Die höherwertig ausgestatteten Autos haben sich viel besser verkauft, und damit machen die OEMs einen riesigen Profit, obwohl sie weniger Autos bauen.«

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Philippe Prats, STMicroelectronics: »2021 hat gezeigt, welche Bedeutung Halbleiter haben.«  
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Viel gelernt

2021 hat nicht nur gute Umsätze beschert, es wurden auch einige wichtige Entwicklungen angestoßen bzw. beschleunigt. Beispielsweise weist Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors, darauf hin, dass der Einstieg »in die virtuelle Welt sehr gut gelungen ist, sowohl bei uns als auch bei unseren Kunden. Hier möchte ich auch eine Lanze in Hinblick auf die Digitalisierung in Deutschland brechen, ich denke der Umstieg hat gezeigt, dass wir ganz gut unterwegs sind. Das wäre vor zehn Jahren vielleicht noch ganz anders gelaufen, aber uns ist der gleitende Übergang gelungen.«

Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Automotive bei Microchip Technology, wiederum spricht auf einen vollkommen anderen Punkt an: »Spätestens heute weiß jedes kleine Kind, was ein Halbleiter ist.« Damit ist jetzt auch in Deutschland/Europa endlich angekommen, dass Halbleiter nicht nur eine Key-Enabling-Technology sind, sondern dadurch auch entscheidend für die hiesigen Industrien. Folglich wird mittlerweile viel darüber diskutiert, wie Europa/Deutschland seine Position in der Halbleiterindustrie ausbauen kann, Milliarden-Subventionen sollen verfügbar gemacht werden. Wobei die Diskussion über den Halbleiterstandort Europa/Deutschland und die schwindende Produktion in hiesigen Gefilden beileibe nicht neu ist. Bereits vor gut zehn Jahren hatte Dr. Andreas Wild, damals Exekutivdirektor von Eniac JU (Joint Undertaking), eine europäische Foundry gefordert, die weltweit agiert. Daraus wurde nichts.

Stephan Janouch, Director Marketing von Videantis, hält es aber trotzdem für wichtig, das Thema erneut aufzugreifen. Janouch: »Was haben wir in dieser Krise gelernt? Dass die Wertschöpfungskette nicht zu 100 Prozent zuverlässig ist. Und wenn man sich anschaut, wo derzeit die wichtigsten Halbleiterfabriken stehen, gibt es durchaus Grund zur Sorge, wie sich das weiterentwickeln kann. Dabei geht es nicht nur um Taiwan. Deshalb sehen wir es als durchaus positiv an, dass bei dem Thema Halbleiter in Europa in den letzten Monaten einiges in Bewegung gekommen ist.« Wobei er in diesem Zusammenhang nicht nur die Halbleiterfertigungen in Deutschland meint, sondern insbesondere auch die Ausbildung. »An meiner alten Hochschule waren zu meiner Zeit die Bereiche Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik, mit Schwerpunkt Mikroelektronik, relativ ausgewogen. Mittlerweile ist die reine Elektrotechnik fast verschwunden, eine wirklich negative Entwicklung.« Auch Rothhaupt ist überzeugt, dass im Bereich Ausbildung noch einiges passieren muss und ergänzt, »dass es beispielsweise für Inova überaus schwierig ist, qualifizierte, ausgebildete Leute zu finden. Hier muss sich etwas ändern.« Vielleicht hat 2021 ja endlich den Ausschlag gegeben, dass auch wirklich etwas geändert wird.

Wenig gelernt

Infolge der Wirtschaftskrise nach der Pleite von Lehman Brothers hatte die Automobilindustrie erst ihre Halbleiteraufträge schlagartig storniert, wurde dann von einer V-förmigen Erholung überrascht und brauchte in Folge dessen wieder händeringend Halbleiter. Damals hatte die Halbleiterindustrie alles unternommen, damit die Produktion weiterlaufen kann. Doch vielerorts scheinen die doch zum Teil sehr schwer erworbenen Erkenntnisse von damals nicht überlebt zu haben. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass zur Verth während der Vorstellung der diesjährigen Halbleiterzahlen noch einmal viel Zeit darauf verwendet hat, zu erklären, dass die Halbleiterproduktion komplex und langwierig ist. Konkret nennt er folgende Zahlen:

## Produktentwicklung/Chip-Design – Dauer: ein bis drei Jahre
## Frontend (Prozessierung der Wafer): Dauer acht bis 28 Wochen (je nach Komplexität eines Chips)
## Backend: vier bis zehn Wochen für das Assembly und Packaging, plus zwei Wochen für den Test.


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