Schwerpunkte

Umfrage unter strategischen Einkäufern

Die Container werden knapp

10. Dezember 2020, 11:43 Uhr   |  Engelbert Hopf

Die Container werden knapp
© Puls

Torsten Schmidt, Puls: »Seit einigen Wochen kommt es bei Seefracht zu Engpässen, die zu deutlichen Preissteigerungen führen. Wir nutzen deshalb die Luftfracht wieder etwas mehr und evaluieren abermals die Zugverbindung von China über Russland nach Deutschland.«

Wie eine aktuelle Umfrage der Markt&Technik unter strategischen Einkäufern aus der Elektronikbranche zeigt, hat vor allem die Annahme, dass Covid-19 durch die baldige Verfügbarkeit von Impfstoffen beherrschbar wird, für Euphorie an den Märkten gesorgt – insbesondere auf den Rohstoffmärkten.

»Dies führt zu teilweise spekulativen Preissteigerungen und zu verlängerten Wiederbeschaffungszeiten«, stellt etwa Markus Brentano, Vice President Corporate Purchase bei Phoenix Contact, fest.

Aus Sicht von Torsten Schmidt, Senior Director Global Procurement bei Puls, ist die Situation des Strategischen Einkaufs auch 2020 nach wie vor herausfordernd, »lediglich die Ursache der Herausforderung hat sich verändert«. Waren es vor knapp zwei Jahren noch partielle Allokationen, die den Strategischen Einkauf forderten, sind es nun die Auswirkungen der Corona-Pandemie. »Der Strategische Einkauf musste in diesem Jahr vielseitig zwischen Strategie und Detailmanagement hin und her wechseln«, so Schmidt. Das Risikomanagement hat aus seiner Sicht deutlich an Gewicht gewonnen: »Wir haben einen Resilience KPI eingeführt und arbeiten an der Einführung eines umfassenden Risiko-Tracking-Systems.«

»Zur Zeit halten die Lieferketten, aber das Gebilde bleibt fragil«, so Stefan Hansmann, Leiter Strategischer Einkauf bei Stiebel Eltron. »Immer dann, wenn wir einen Lieferanten als kritisch identifizieren oder einschätzen, versuchen wir jedes Stück fertige Ware zu uns zu holen und bei uns zu lagern. Da unsere eigenen Lagerkapazitäten inzwischen ziemlich erschöpft sind, müssen wir externen Lagerplatz anmieten. Aber für mich bleibt dieses Vorgehen alternativlos; nur die Ware, die bei uns ist, ist wirklich sichere Ware!« Hansmann hält auch nicht davon, Lieferanten mit rechtlich angehauchten Schreiben zu bombardieren, er wirbt vielmehr für das gegenseitige Verständnis der Situation des jeweils anderen sowie dafür, die richtigen Prioritäten auf Ident-Nummer-Ebene zu setzen.

»Bedingt durch die derzeit steigenden Lieferzeiten ist der Strategische Einkauf intensiv damit beschäftigt, weiterhin die Versorgung des Unternehmens sicherzustellen«, so Marco Wiegand vom Strategischen Einkauf Elektronik bei Jumo. Er verweist auf die inzwischen wieder gut funktionierenden Märkte in Asien, die inzwischen wieder fast auf dem Niveau agieren wie vor der Pandemie. »Sollte Asien weiterhin die Pandemie im Griff haben, werden die Bedarfe für Elektronik weiter steigen.«

China mit Wachstum - als einziges Land

Eine Einschätzung, die mit den jüngsten Wachstumszahlen vor allem des chinesischen Marktes korrelieren. So dürfte nach aktuellen Berichten China 2020 das einzige Land sein, dessen Volkswirtschaft ein Wachstum realisieren kann. Derzeit liegen die Schätzungen zwischen 2 und 2,2 Prozent. Chinas Export legte im November gegenüber dem Vormonat um 21,1 Prozent zu. Das Wirtschaftswachstum betrug im China im 3. Quartal 4,9 Prozent. Aktuell rechnen Wirtschaftsexperten in China für das 4. Quartal 2020 mit einem Wachstum von 5,5, vielleicht sogar 6 Prozent.

Vor diesem Hintergrund rückt für den Strategischen Einkauf in Deutschland neben den Kosten vor allem die Verfügbarkeit in den Vordergrund. »Bei allen gängigen Transportmitteln wie See-, Luftfracht und Bahn«, so Ruben Conzelmann, Vice President Purchasing bei Pilz, »kommt es inzwischen zu erheblichen Verzögerungen bei Transporten aus Asien, bedingt durch reduzierte Kapazitäten, erhöhte Nachfrage nach persönlicher Schutzausrüstung oder fehlende Leercontainer«. Bei Luftfracht hätten sich die Lieferzeiten um etwa zwei Wochen erhöht, Seefracht ist nach der Einschätzung Conzelmanns noch schwerer kalkulierbar geworden. »Die neue Seidenstraße hat bisher sehr zuverlässig funktioniert; durch Corona bedingte Standzeiten an den Grenzen und stark erhöhte Nachfrage als Alternative zur Luftfracht kommt es nun aber auch hier zu Engpässen.«

Verantwortlich für die steigende Nachfrage dürften vor allem zwei Faktoren sein: zum einen die Tatsache, dass die aufgebauten Lager vielerorts inzwischen wieder deutlich abgeschmolzen sind, und der Umstand, dass viele Unternehmen vor dem Chinesischen Neujahr versuchen, sich durch den Aufbau entsprechender Lager gegen eventuelle Lieferprobleme um und nach dem Chinesischen Neujahr abzusichern.

Beim Ausblick auf das Jahr 2021 fallen die Einschätzungen der Befragten durchaus unterschiedlich aus. So geht etwa Benjamin Thomsen vom Einkaufsteam bei inpotron Schaltnetzteile davon aus, »dass die Bedarfe unserer Kunden, die bisher verschoben wurden, 2021 großteils nachgeholt werden. Bei einigen Bauteilen gehen wir deshalb bereits jetzt proaktiv in die Beschaffung, um steigenden Lieferzeiten entgegenzuwirken«. Schon heute zeichnen sich für ihn bei einigen Artikelgruppen Allokationen ab, »was teilweise auf zu wenig Fertigungskapazitäten zurückzuführen sein dürfte«.

Hansmann_Stefan
© WEKA Fachmedien

Stefan Hansmann, Stiebel Eltron: »Wir rechnen damit, dass es eine angespannte Situation bis zum Ende des 2. Quartals 2021 geben wird und sich die Bedarfslage danach wieder normalisiert.«

Michael Schulz, Head of Purchasing bei TQ-Systems, rechnet mit einem moderaten Bedarfsanstieg; »das dürfte leichte Preiserhöhungen bei Elektronik zur Folge haben, bei Mechanik dürfte das Preisniveau dagegen wohl gleich bleiben«. Schulz sieht sich für 2021 gut gerüstet: »Wir sind gut versorgt, unsere Lieferketten funktionieren und der Lagerbestand ist wie geplant.« Für die Versorgung nutzt TQ-Systems im Allgemeinen die Zugverbindung aus China, »nur in Notfällen greifen wir auf Luftfracht zurück«.

Für Schmidt entwickeln sich die Preise derzeit uneinheitlich. »Es gibt Produktgruppen, bei denen wir aktuell für 2021 Preiserhöhungen sehen, und andere, bei denen das Preisniveau stabil bleibt. In Summe erwarte ich deshalb für 2021 eine Seitwärtsbewegung bei der Preisentwicklung.« Brentano geht dagegen von einer Verknappung auf einigen Märkten aus sowie von einem Anstieg von Einstandspreisen und Lieferzeiten. Generell rechnet man bei Phoenix Contact für 2021 »mit einer weiteren Erholung der Konjunktur«.

Wiegand rechnet damit, »dass die Bedarfe für Elektronik 2021 weiter steigen werden, wenn es Asien weiterhin gelingt, die Pandemie im Griff zu behalten«. Gelingt das, erwartet er für das zweite und dritte Quartal 2021 einen massiven Bedarfsanstieg, »wenn die derzeit rückläufigen Branchen wieder anziehen und zusätzlich die Megatrends 5G, IoT und Elektromobilität richtig in Fahrt kommen«. Ganz ähnlich die Einschätzung von Conzelmann: »Dank der Megatrends 5G, E-Mobilität, Smart Cities, Automatisierung und Digitalisierung wird es auf den asiatischen Märkten die stärksten Bedarfssteigerungen geben. Es wird darum wichtig sein, sich in den nächsten Monaten eng mit Distributoren und Herstellern abzustimmen, um frühzeitig reagieren zu können.«

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