11.000 fehlende Elektroingenieure

Wie die Branche die Lücke schließen will

10. März 2022, 11:27 Uhr | Corinne Schindlbeck

Fortsetzung des Artikels von Teil 6

Was können die Unternehmen selbst noch tun?

TTI verstärkt im Wettstreit um Fachkräfte orts- und zeitflexible Arbeitsmodelle. Da man zumeist etwas außerhalb der Metropolen angesiedelt sei, habe man damit zuletzt punkten können, da Beschäftigte »einfach nicht mehr so viel Zeit im täglichen Stau verschwenden wollten«, erklärt Dudenhöffer. Solch ein Gewinn an Lebensqualität sei oft ein starkes Argument für Fachkräfte. Auch »gute Entwicklungsmöglichkeiten« und »an die Lebensphasen angepasste Zusatzleistungen« wertet Dudenhöffer als Pfund zur Fachkräftesicherung. Daneben gibt es bei TTI Business Bike und Firmenfitness, aber auch »clevere Teilzeitmodelle um den Zeitpunkt der Rente herum«. Außerdem, hat TTI herausgefunden, wolle sich die jüngere Generation stärker mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitgeber identifizieren. Aus diesem Grund habe TTI gerade eine »große Photovoltaikanlage« auf dem Lagerdach in Maisach-Gernlinden installiert. Damit kommt der Strom für den Tagesbetrieb nun überwiegend vom eigenen Dach und kann zudem von der Belegschaft zum Laden von Elektroautos genutzt werden. 

Bianca Mastnak von Recom fürchtet, dass »auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden« könne, sollten Unternehmen »mit der Thematik des Fachkräftemangels auf sich alleine gestellt bleiben«. Sie hält daher den erleichterten Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt und Arbeitnehmerfreizügigkeit für »unerlässlich«; Politik und Wirtschaft müssten an einem Strang ziehen, »da es je nach Region noch schwieriger wird, Fachkräfte zu finden«. Und Arnt Stumpf von Würth hofft auf ein Ende der Pandemie: »Momentan verhindert die Corona-Pandemie viele persönliche Kontakte. Das ist besonders im Ausbildungsbereich spürbar.« Wünschenswert wäre, dass Politik und Bildung Möglichkeiten schaffen, damit Industrie und Interessierte »trotz Einhaltung des Infektionsschutzes« zusammenfinden, auf Besuchertagen, Messen, bei Kooperationen, gegebenenfalls auch digital. Kollegin Maria Böcker wünscht sich mehr Lehrkräfte mit Berufsorientierung »für Schulen, die sich engagieren und auf der Suche nach Kooperationspartnern aus der Region sind«.

Renate Schuh-Eder engagiert sich neben dem Tagesgeschäft in diversen Gremien und im VDE. Man habe zur Problematik »schon diverse Besprechungen« gehabt; das große Fazit laute, dass die Politik gefordert sei. Es brauche ein durchgängiges Konzept, »vor allem in den Lehrplänen an unseren Schulen«. Denn warum sollten Unternehmen zum Beispiel Messebesuche von Kindergärten, ja selbst 12. Klassen sponsern? Bis die Früchte davon geerntet werden könnten, »das liegt nicht im Zeitraum von wirtschaftlichen Denkweisen«, so Schuh-Eder. 

Gunther Olesch, ehemaliger CHRO von Phoenix Contact und selbsternannter »Evangelist« für das Thema Arbeitgeberattraktivität, entlässt die Unternehmen freilich nicht aus der Verantwortung. Seit letztem Jahr kooperiert er mit »Great Place to Work«, hat gemeinsam mit der Organisation eine eigene Initiative für die produzierende Industrie ins Leben gerufen. Tut die Branche hier genug? Olesch: »Derzeit werden strategische Themen wie die demografische Herausforderung eher sekundär von Unternehmen und besonders HRlern behandelt.« Das liege an der Coronakrise; die Pandemie fordere alle Ressourcen ab, weil Mitarbeitende ausfallen, Ersatz beschafft werden oder Arbeitsprozesse daraufhin umstrukturiert werden müssten, »um die Kundenwünsche erfüllen zu können«. 

Nach der Coronakrise, was hoffentlich bald sein werde, »müssen sich HRler wieder mehr der Thematik widmen, Great Place to Work in der Industrie werde eine hohe Bedeutung gewinnen. »Die Dringlichkeit sehe ich bei 9, denn die erfolgreiche Zukunft von Unternehmen wird vom Gewinnen und Binden exzellenter Fachkräfte abhängen.« Phoenix Contact könne 80 Prozent seiner offenen Stellen besetzen, aber »nur, weil das Unternehmen einen exzellenten Ruf als attraktiver Arbeitgeber hat«. Der Aufwand dafür sei jedoch gegenüber vor fünf Jahren gestiegen. Er rät der Industrie daher, sich an MINT-Initiativen zu beteiligen, an der eigenen attraktiven Arbeitsplatzkultur zu arbeiten sowie »Strategien zu entwickeln, wo in Zukunft der Mangel an qualifizierten Mitarbeitenden durch KI und Digitalisierung kompensiert werden kann«. Migranten und deren Kinder »sollten wir so qualifizieren, dass sie in Zukunft gute Fachkräfte in unserer Industrie sein können. Die Politik sollte entbürokratisieren, wenn es darum geht, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland und Übersee nach Deutschland zu holen und mit ihren Familien zu integrieren.« Dass die Beschäftigung hochqualifizierter Freelancer durch das Gesetz zur Arbeitnehmerüberlassung zeitlich eingeschränkt werde, sieht Olesch kritisch. 


  1. Wie die Branche die Lücke schließen will
  2. Volle Punktzahl auf der Dringlichkeitsskala
  3. Spezialisten spielen die gesamte Klaviatur
  4. Sind Personalberater also die Profiteure des Bewerbermarktes?
  5. Rufe nach der Politik werden laut 
  6. Am Ende geht es darum, die technologiegetriebene Industrie zu erhalten
  7. Was können die Unternehmen selbst noch tun?

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