Fachkräftemangel

»Wir brauchen mehr Entschlossenheit und Hands-on-Mentalität!«

24. Februar 2022, 12:54 Uhr | Corinne Schindlbeck
Sthree
Timo Lehne, Geschäftsführer der Personalberatung SThree
© SThree GmbH

Könnte Deutschland künftig den Innovationsanschluss verlieren, weil es an Fachkräften mangelt? Der CEO der Personalberatung SThree erklärt, wie Unternehmen den Fachkräftemangel kurz-, aber auch langfristig kompensieren könnten.

Laut European Center for Digital Competetiveness liegt Deutschland unter den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern beim Thema Digitalisierungsfortschritt auf dem drittletzten Platz. Dies ist nicht zuletzt dem fortschreitenden MINT-Fachkräftemangel geschuldet.

Steuert Deutschland nicht aktiv dagegen, fehlen bis 2030 rund 2 Millionen MINT-Fachkräfte, bis 2040 ca. 5 Millionen. Es stellt sich also die Frage: Was muss Deutschland tun, damit es den Innovationsanschluss nicht verliert? Und wie können Unternehmen den Fachkräftemangel kurz-, aber auch langfristig kompensieren? 

Deutschland braucht mehr Entschlossenheit und eine Hands-on-Mentalität, um im internationalen Wettbewerb auch weiterhin bestehen und eine tragende Rolle spielen zu können. Dabei zählt Geschwindigkeit: Politik und Unternehmen müssen endlich das entsprechende Tempo bei der digitalen Transformation auf die Straße bringen. Damit Deutschland in Sachen Innovation nicht endgültig ins Hintertreffen gerät, muss die Digitalisierung in den nächsten Jahren massiv gefördert werden. Damit die notwendigen Investitionen getätigt werden, müssen aktiv Anreize gesetzt werden. Es gilt, bürokratische Prozesse zu verkürzen und steuerliche Vorteile zu schaffen, damit sich ein Investment für Firmen zeitnah lohnt. Gerade Steueranreize oder staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung helfen nicht nur den Unternehmen selbst, sondern machen Deutschland zu einem attraktiveren Standort. 

Doch Geld allein reicht nicht – es sind vor allem fehlende Fachkräfte, die der Wirtschaft zu schaffen machen. Der Umbruch der Arbeitswelt verlangt nach einem weitgreifenden Ausbau der digitalen Infrastruktur. Die anhaltenden gesellschaftlichen Herausforderungen verlangen nach der Entwicklung zukunftsfähiger Technologien. In beiden Fällen werden vor allem Experten aus dem IT-Bereich gebraucht und sind deshalb stark umkämpft. 

Damit Unternehmen kurzfristig an Fachpersonal kommen, ist beispielsweise der Einsatz von Freelancern eine gute Lösung. Sie spielen eine zentrale Rolle für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Oft sind Freiberufler Beschleuniger für Transformation, Keimzelle für Gründungen und eben auch Helfer in der Not bei Lücken in der Personalkapazität. Das Problem dabei: Oft werden Freelancern durch zahlreiche Regularien wie den Zwang zur gesetzlichen Rentenversicherung oder die Angst vor Scheinselbstständigkeit Stolpersteine in den Weg gelegt. Auch hier gilt es, bürokratische Hürden schnell abzubauen, damit das volle Potenzial von Freiberuflern in Unternehmen eingesetzt werden kann. 

Der Blick ins Ausland 

Das Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland birgt für Unternehmen ebenfalls großes Potenzial. Viele junge und hochmotivierte Menschen warten auf die Chance, in den Arbeitsmarkt zu starten, und haben in ihren Heimatländern noch nicht die Gelegenheit dazu. Hier eröffnet die fortschreitende Digitalisierung dem Recruiting neue Möglichkeiten: Heute spielt es kaum mehr eine Rolle, von wo aus jemand arbeitet. Auch Vorstellungsgespräche können ohne Probleme virtuell abgehalten werden – ein großer Pluspunkt bei der Suche nach neuen Talenten. Um für diese attraktiv zu sein, müssen Unternehmen jedoch darauf achten, dass sie eine Kultur der Vielfalt fördern und leben. Dazu gehört auch, Englisch als Corporate Language zu etablieren, um Sprachbarrieren zu minimieren. 

Trotz der Tatsache, dass Remote Work und hybride Arbeitsmodelle enorme Erleichterungen für die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland mit sich gebracht haben, stehen viele Arbeitgeber vor weiteren Herausforderungen. Dazu zählen bürokratische Hürden und zahlreiche Behördengänge, wenn es zum Beispiel um die Anerkennung von Abschlüssen geht. Damit Unternehmen Fachkräfte aus dem Ausland einfacher anwerben können, müssen langwierige administrative Prozesse verkürzt werden. Des Weiteren müssen in Deutschland Anreize für potenzielle Kandidaten geschaffen werden, um als lohnender Zielort zu gelten. Auch hier kommen wieder Steuern ins Spiel: In vielen Ländern wie Frankreich, Spanien oder den Niederlanden ist es beispielsweise bereits gang und gäbe, für Arbeitnehmer aus dem Ausland zumindest innerhalb der ersten Jahre steuerliche Vorteile zu schaffen. 

Ein weiteres Potenzial, das oft vernachlässigt wird, ist es, Frauen für MINT-Berufe zu begeistern. Nach wie vor besteht hier ein großes Ungleichgewicht und es entscheiden sich deutlich mehr Männer für diese Branche. Und obwohl sich aktuell mehr Studentinnen für naturwissenschaftliche Studiengänge und Arbeitsfelder interessieren, schlummern besonders in Berufen aus dem Bereich IT und Elektronik noch große Reserven. Es gilt also genau diese Berufsgruppen für Mädchen und Frauen attraktiver zu gestalten. 

Dies fängt bei der schulischen Ausbildung an. Dabei muss Wert daraufgelegt werden, junge Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern und weit verbreitete Stereotype zu entkräften. Hierbei helfen Praktikumstage wie der Girls Day, bei dem in verschiedene Berufe geschnuppert werden kann. Projekttage und Vorträge zu fachspezifischen Themen, die von MINT-Expertinnen gehalten werden, helfen beispielsweise, das Vorurteil der Männerdomäne abzubauen, und stellen weibliche Vorbilder vor. Strukturelle und kulturelle Veränderungen in Unternehmen sind ebenfalls gefragt, wenn es darum geht, mehr junge Frauen für Ausbildungsberufe zu begeistern, die bisher klassischerweise von Männern besetzt werden. Dazu zählen unter anderem die Bereiche Elektrotechnik, Mechatronik oder Informatik. Firmeneigene Initiativen und Förderprogramme sowie das Engagement in entsprechenden Netzwerken können dabei helfen, weibliche Fach- und Führungskräfte zu fördern und für das Unternehmen zu gewinnen. Nachhaltige und ernst gemeinte Diversity-Initiativen tragen nicht nur dazu bei, weibliche Mitarbeitende zu gewinnen. Sie zahlen ebenso auf ein positives Image als Arbeitgeber ein. 

Die aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, wonach flexible Arbeitszeiten und Homeoffice nicht mehr wegzudenken sind, sind ein großer Vorteil für die Rekrutierung. Dadurch wird es auch für junge Eltern an vielen Stellen einfacher, Familie und Beruf zu vereinbaren, und führt dazu, dass sich Mütter und Väter nicht mehr zwischen Karriere und Familienleben entscheiden müssen. Unternehmen sollten sich diese Entwicklungen zu Nutze machen und auch in Zukunft auf Remote bzw. Hybrid Work setzen. 

Womit können Unternehmen punkten? 

Im aktuellen Kampf um Talente auf dem Arbeitsmarkt reichen Gehalt und die üblichen Benefits in einem Unternehmen oft nicht mehr aus. Hier kommt das Stichwort »Purpose« ins Spiel. Für gefragte Fachkräfte, die in der komfortablen Situation sind, zwischen unterschiedlichen Arbeitgebern wählen zu können, kommen immer öfter nur die Stellen in Frage, in denen sie einen sinnhaften Mehrwert sehen. Mit seiner Arbeit einen gesellschaftlichen oder ökologischen Beitrag zu leisten zählt mehr, als damit nur den Lebensunterhalt zu bestreiten. Darauf sollten sich Unternehmen einstellen und Themen wie soziale Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit fest in der Unternehmenskultur verankern. 

Ein weiteres Feld, dem sich Arbeitgeber in Zukunft verstärkt widmen sollten, ist die Mitarbeiterbindung. Gerade in Berufen, in denen das Wissen der Mitarbeiter das größte Kapital ist, ist es wichtig, sich ganzheitlich um diese zu kümmern. Betriebliches Gesundheitsmanagement, eine ausgewogene Work–Life Balance und Themen wie mentale und psychische Gesundheit spielen eine immer größere Rolle bei Arbeitnehmern und werden zum entscheidenden Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers.

Investitionen in die Zukunft 

Der Fachkräftemangel wird sich in nächster Zeit kaum entspannen. Wenn Unternehmen den Spagat zwischen flexibler Arbeitsweise und der Bindung an das Unternehmen schaffen, ist das eine große Chance, IT-Experten und Ingenieure für sich zu gewinnen. Um kurzfristig Abhilfe zu schaffen, sind Fachkräfte aus dem Ausland, Freelancer und Quereinsteiger hilfreich. Langfristig sollte mehr in die Förderung von Frauen und Mädchen und in die schulische und akademische Ausbildung investiert werden. 

Bei all den unterschiedlichen Maßnahmen und Forderungen zählt jedoch vor allem, dass schnell gehandelt wird. Politik und Unternehmen müssen endlich das entsprechende Tempo vorlegen, um gegen den Fachkräftemangel in den wichtigen MINT-Branchen vorzugehen. Denn Innovationstreiber wird nur, wer sich den großen Herausforderungen unserer Zeit stellt und Lösungen aktiv mitgestaltet. Das kann nur durch mehr Mut, weniger Bürokratie sowie mehr Investment in Digitalisierung und Innovation gelingen. Dazu braucht es die Bereitschaft von Unternehmen, ihre Geschäftsfelder zu transformieren, die Unterstützung durch die Politik und das Know-how der MINT-Experten. 


 


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