Arbeitsmarkt

Bayerische Wirtschaft sieht Arbeitswelt vor tiefem Umbruch

4. April 2022, 7:23 Uhr | Corinne Schindlbeck
vbw Managing Director Bertram Brossardt
vbw Managing Director Bertram Brossardt.
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Der Arbeitsmarkt in Bayern sei von Arbeitskräfteknappheit und Arbeitslosigkeit gleichermaßen bedroht. lautet die Botschaft eines Online-Kongresses der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.. Welche Rolle spielen demografischer Wandel, Digitalisierung und Dekarbonisierung?

Der Arbeitsmarkt in Bayern steht laut der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. vor einem tiefgreifenden Wandel. „Wir werden immer stärker mit der paradoxen Lage konfrontiert, dass in Teilbereichen der Wirtschaft Arbeitskräfteknappheit herrscht und gleichzeitig in anderen Bereichen Arbeitslosigkeit droht. Entscheidend ist, die Betriebe zu entlasten und wo nötig, praxisnah zu unterstützen“, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. anlässlich des vbw OnlineKongresses „Zwischen Fachkräftesicherung und Gestaltung der Transformation“.

Insbesondere werden laut vbw die drei „D’s“ – demografischer Wandel, Digitalisierung und Dekarbonisierung – maßgeblichen Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben: „In den nächsten Jahren werden wir durch die demografische Entwicklung einen erheblichen Rückgang des Arbeitskräfteangebots erleben. Nach der vbw Studie `Arbeitslandschaft Bayern´ geht das Arbeitskräfteangebot in Bayern bis 2035 um neun Prozent bzw. rund 700.000 Personen zurück. Die gleichzeitig stattfindende Transformation der Industrie durch Dekarbonisierung und Digitalisierung führt dazu, dass sich Jobprofile – und damit auch die Arbeitskräftenachfrage – verändern. Dafür müssen wir neue Beschäftigungsperspektiven schaffen und Beschäftigte entsprechend qualifizieren“, sagte Brossardt.

Die vbw sieht hierfür die enge Verzahnung von Unternehmen, Arbeitsverwaltung und Politik als essenziell an. „Hier sind wir in Bayern auf einem guten Weg. Die Unternehmen haben während der Corona-Pandemie ihre Arbeitsplätze gehalten und massiv in die Qualifikation ihrer Beschäftigten investiert. Die Politik muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und die Unternehmen von Belastungen und Bürokratie befreien. Hier ist Bayern Vorreiter. Die Bundesagentur für Arbeit federt die Umbrüche am Arbeitsmarkt mit ihren Unterstützungsleistungen entsprechend ab“, so Brossardt.

Daniel Terzenbach, Vorstand Regionen der Bundesagentur für Arbeit, ergänzt: „Neben der Zuwanderung von Fachkräften sehen wir Potenziale zur Fachkräftesicherung vor allem auch im Inland. Ein wesentlicher Hebel, um den Fachkräftebedarf der Unternehmen langfristig und nachhaltig decken zu können, ist die Förderung von Weiterbildung. Auf der einen Seite suchen Unternehmen in erster Linie Fachkräfte. Auf der anderen Seite hat mehr als die Hälfte der arbeitslosen Menschen keine abgeschlossene Berufsausbildung. Auf dem Arbeitsmarkt stehen außerdem große Veränderungen bevor. Das bedeutet, nicht nur für Arbeitslose, sondern auch für Beschäftigte: Qualifizierung ist der Schlüssel. Mit der Förderung der beruflichen Weiterbildung und der lebenslangen Berufsberatung möchten wir einen Beitrag zur Deckung des Fachkräftebedarfs und zur Prävention von längerfristiger Arbeitslosigkeit leisten. Letztes Jahr haben rund 268.000 Personen eine durch die BA geförderte Weiterbildung begonnen, davon 34.000 Beschäftigte. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Unternehmen die Förderinstrumente der BA nutzen und in die Qualifizierung ihrer Beschäftigten investieren.“

Die vbw sieht auch durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine massive Auswirkungen auf den bayerischen Arbeitsmarkt. Brossardt: „Vor allem ausbleibendes Erdgas würde die ganze Wertschöpfungskette zum Erliegen bringen: Direkt davon betroffen wären in Bayern Betriebe mit mindestens 220.000 Beschäftigten aus Branchen wie etwa Chemie, Glas und Keramik, Papier, der Metallerzeugung und -verarbeitung sowie der Fleischverarbeitung. Hinzu kommen indirekte Effekte, weil Gas als unersetzlicher Rohstoff zur Herstellung von Vorprodukten benötigt wird – etwa in der Chemieindustrie zur Herstellung Kunststoffen aller Art oder in der Metall- und Elektroindustrie.“

Mit Blick auf den Zustrom von Geflüchteten aus der Ukraine verwies Brossardt auf die Initiative „Sprungbrett into work für geflüchtete Menschen aus der Ukraine“, mit der ein Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt geleistet werden soll. 
 


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