11.000 fehlende Elektroingenieure

Wie die Branche die Lücke schließen will

10. März 2022, 11:27 Uhr | Corinne Schindlbeck

Fortsetzung des Artikels von Teil 4

Rufe nach der Politik werden laut 

Etliche wünschen sich Bürokratieabbau, um leichter im außereuropäischen Ausland fischen zu können, etwa »arbeitgeberfreundliche Visa-Prozesse«, wie Nicole Jahn von Analog Devices. Auch Thomas Dudenhöffer von TTI empfindet die Anwerbung von ausländischen Fachkräften »aufgrund übertriebener Bürokratie und einem unternehmensunfreundlichen Rechtsrahmen nach wie vor alles andere als einfach«. Er fordert »endlich vernünftige Rahmenbedingungen, damit global agierende Unternehmen einfach und schnell auf globale Fachkräfte zurückgreifen können«. 

Aber ist das allein erfolgversprechend angesichts des sich weltweit verschärfenden Mangels an Elektroingenieuren? Ein langjähriger Kenner der Branche, der nicht zitiert werden möchte, bezweifelt das: »Wir werden die Lücke mit Elektroingenieuren aus dem Ausland nicht schließen können, dafür ist Deutschland nicht attraktiv genug.« Zum einen, weil der Mangel weltweit bestehe. Zum anderen, weil es eben auch genügend Unternehmen gebe, »die Ingenieure aus bestimmten Kulturkreisen aus diversen Gründen nicht einstellen werden und wollen«. Deutschland sei im weltweiten Wettbewerb kein attraktives Land für ausländische Fachkräfte, lautet seine Diagnose. Schon bei den Studierenden stelle sich die »grundsätzliche Frage, ob wir die Spitzentalente, die wir benötigen bzw. wollen, auch bekommen oder ob es nicht eher das Mittelmaß ist, die durch das im Vergleich zu den USA sehr preiswerte Studium angelockt werden«. Gespräche mit Professoren erweckten bei ihm den Eindruck, »dass gerade Master-Studenten aus dem asiatischen Raum eigentlich nicht die Voraussetzungen für ein Studium in Deutschland mitbringen, trotz abgeschlossenem Bachelorstudium. Selbst ein südeuropäischer Bachelor-Abschluss in den Ingenieurwissenschaften hat nicht den Stellenwert eines deutschen Bachelorabschlusses bei den Unternehmen, rein aus der fachlichen Perspektive«.

Dietrich Graf von Reischach haut mit seiner Kritik in eine ähnliche Kerbe. Einerseits schlage die Politik ein höheres Rentenalter mit 70 vor, andererseits seien Unternehmen 65-jährige Bewerber schon zu alt. Auch die »vermeintliche Lösung«, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen, »scheitert oft an der Mitarbeitermentalität im Unternehmen« und an bürokratischen Hürden; »daran ändern leider auch große Landeskampagnen nichts«, so Reischach. Vielleicht könnten »durch eine internationales agiles Schnittstellenmanagement zwischen Politik, Bildung, Kultur, Verbänden, Unternehmen und beteiligten Mitarbeitern länderübergreifend ressourcenorientierte und vorausschauende Ansätze entwickelt und implementiert werden«, so seine Hoffnung. 

Thomas Dudenhöffer gibt sich keinen Illusionen hin, »der Kuchen an Fachkräften wird einfach kleiner, auch global«. Daher müsse »jedes Unternehmen verstärkt auf Automatisierung und Digitalisierung setzen, um gut mit den verminderten Personalressourcen auszukommen«. Auf die »sich ständig verändernden technologischen Anforderungen« müsste bereits in Schule und Ausbildung vorbereitet werden »und noch wichtiger: ständig weiterqualifiziert werden«. 

Jeannine Budelmann von Budelmann Elektronik glaubt, dass Politik und Wirtschaft »das Thema seit Jahrzehnten verschlafen«, es Verbesserungen erst mit zeitlichem Versatz gebe. »Alle Anstrengungen, die wir jetzt unternehmen müssen, zahlen sich erst in 15 Jahren aus. Das ist eine lange Zeit.« Um den Fachkräftemangel zu lindern, sei ein ganzer Strauß an Maßnahmen nötig, Budelmann nennt bekannte Forderungen wie spätere Renteneintrittsalter und »wirkliche« Gleichstellungsmaßnahmen, um die Tech-Branche auch für Frauen attraktiv zu machen. Dazu »massiv verbesserte« Kinderbetreuung bis hin zu »Bildungsoffensiven, die ganz früh ansetzen«. Auch einen »besseren und realitätsnäheren Unterricht an allgemeinbildenden Schulen« fügt sie als Forderung hinzu, neben einem Informatikunterricht durch qualifizierte Lehrkräfte »am Puls der Zeit«, der alle Schülerinnen und Schüler anspreche und nicht nur die »Techie-Nerds, die den PC-Pool betreuen«. Ein Pflichtfach, das sie ebenfalls favorisiert, scheitere häufig am Willen der Schulen.

 


  1. Wie die Branche die Lücke schließen will
  2. Volle Punktzahl auf der Dringlichkeitsskala
  3. Spezialisten spielen die gesamte Klaviatur
  4. Sind Personalberater also die Profiteure des Bewerbermarktes?
  5. Rufe nach der Politik werden laut 
  6. Am Ende geht es darum, die technologiegetriebene Industrie zu erhalten
  7. Was können die Unternehmen selbst noch tun?

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