Gehaltsreport Elektronikindustrie 2022

In diesem Jahr Gewinner und Verlierer

25. März 2022, 10:00 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Interconsult hat den diesjährigen Gehaltsreport für die Elektronikindustrie vorgelegt. Markt&Technik veröffentlicht ihn exklusiv in Auszügen. IT/MIS, Medizinelektronik und Distribution haben zugelegt, auch der Bereich Computersoftware. Die Lieferengpässe führten aber auch zu Stagnationen.

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Graf Reischach, Interconsult
Graf Reischach, Geschäftsführer der Personalberatung Interconsult. Der diesjährige Gehaltsreport ist die 40. Ausgabe seit 1982.Evaluiert wurden 13811 bestehende Positionen bei 136 Unternehmen, darunter  124 Hersteller und 12 Distributoren. Der Schwerpunkt der Erhebung liegt auf Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. 
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Markt&Technik: Graf Reischach, der neue Gehaltsreport birgt keine großen Sprünge nach oben. Ein Nachholeffekt nach zwei Jahren Zurückhaltung ist also ausgeblieben?   
Ein Nachholeffekt ist weitgehend ausgeblieben, es gab keine wirklich großen Steigerungen. Der Bereich Halbleiterequipment profitierte vom Chipmangel mit dreieinhalb Prozent, bei der Medizinelektronik gibt es einen Corona-Effekt mit 4 Prozent plus.

Wo es stagnierte, haben eindeutig die Lieferschwierigkeiten eine Rolle gespielt, wie etwa bei den Aktiven und Passiven Bauelementen. Volle Auftragsbücher nützen nichts, wenn keine Produkte geliefert werden können. Das beeinflusst die Einnahmen und damit die Einkommen. Wir leben aktuell in einer schwierigen Zeit mit Kriegsangst, Umsatzrückgang und Öl- und Benzinpreis-Problemen. Hoffen wir, dass das nächste Jahr wieder besser ausschaut. Einen explosiven Anstieg bei den Gehältern erwarte ich aber nicht. 

Das heißt, die vorsichtige Zurückhaltung angesichts der unsicheren Konjunkturaussichten, die wir nun schon aus den vergangenen Jahren kennen, wird sich fortsetzen? Kann man trotzdem als Bewerber mehr fordern?
Man kann natürlich mehr fordern. Wobei man dazu sagen muss, dass das Gehalt derzeit nicht entscheidend ist, wenn jemand einen Job wechselt - sofern es vorher schon vernünftig war. 

Wie meinen Sie das?
Das Gehalt war früher eines der wichtigsten Kriterien beim Jobwechsel. Das ist es heute nicht mehr. Bewerber sind sehr viel anspruchsvoller geworden. Gehalt mag ein Hygiene-Faktor sein, aber wirklich entscheidend sind andere, etwa das Umfeld und wie sich die künftige Position entwickeln lässt. Bewerber wissen durchaus einzuschätzen, dass sich der Wind am Arbeitsmarkt zu ihren Gunsten gedreht hat. Das Resultat sehen wir in unseren Bewerbungsgesprächen, die Fragen zur Position und zu Weiterentwicklungsmöglichkeiten, zur Zukunftsfähigkeit allgemein sind enorm detailliert geworden.  Und kein Bewerbungsgespräch mehr ohne der Frage nach Homeoffice und persönlichen Freiheiten - als Berater wird uns sehr viel mehr abverlangt als vorher, so wie heute war es noch nie.

Wir haben eindeutig einen Bewerbermarkt, aber das Gehalt spielt dabei nicht mehr die entscheidende Rolle, das ist das ungewöhnliche und neue daran.  Wobei man dazu sagen muss, dass hier vielleicht auch ein gewisser Sättigungseffekt zu sehen ist - die Gehälter sind ja auf einem vergleichsweise hohen Niveau angekommen, manche sagen auch, an einem oberen Ende. Früher hörten wir oft, „wenn ich 10 Prozent mehr bekomme, unterschreibe ich“ – das ist heute nicht mehr im Mittelpunkt der Verhandlungen.

Sie meinen, die Bewerber sind selbstbewusster geworden und setzen gleichzeitig ein hohes Gehalt voraus?
So ist es in der Tat. Mit Geld allein können Sie heute nicht mehr überzeugen, ohne aber auch nicht. Auf der Basis eines lukrativen Gehaltes wird überhaupt erst verhandelt. Haben wir früher 45 bis 60 Minuten mit Bewerbern gesprochen, setzen wir heute mindestens anderthalb Stunden an, um die Menge an Fragen zu beantworten. Und die Bewerber erwarten, dass wir sie beantworten, so viel sei gesagt – sonst steigen sie aus und sich nicht weiter interessiert. 

Gibt es denn dabei eine auffallende Häufung von Kriterien, die wichtig sind?
Die größte Rolle spielt die Weiterentwicklungsmöglichkeit in der potenziellen neuen Position und die Freiheiten, die man dem Kandidaten oder der Kandidatin gewährt. Überspitzt gesagt: Positionen, auf denen man ohne Genehmigung nichts tun kann, sind nicht gefragt. Und die Produkte müssen natürlich stimmen. 

Kommen wir zu einer Art Zankapfel, dem Homeoffice. Gibt es überhaupt noch Gespräche mit Kandidaten, wo das nicht zur Sprache kommt?
Eindeutig nein. Nicht umsonst ist ja der Bereich IT/MIS so stark gewachsen – im Zuge der Digitalisierung und Mobile Work kommen enorme Herausforderungen auf uns zu. 

Ihr Ratschlag an Unternehmen und Personalverantwortliche ist, das Thema nicht zu verschlafen?
Ja, es gehört geklärt und geregelt. Bewerber wollen wissen, woran sie sind: Gar nicht, nur gelegentlich, jederzeit? Die Anspruchshaltung der Bewerber diesbezüglich ist ebenfalls sehr gestiegen. 

Wagen Sie einen Ausblick, wo es mit den Gehältern in Zukunft noch hingehen könnte angesichts des weltweiten Mangels an Elektroingenieuren?  Greifen Unternehmen irgendwann in die Goldschatulle im Kampf um Talente?
Ja, sie müssen in die Goldschatulle greifen. Wobei in der Goldschatulle marktübliche Gehälter im oberen Bereich, Entscheidungsfreiheit und Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Job liegen. Plus eine zeitgemäße Regelung zu Mobile Work und Worklife-Balance. Beim Stellenwechsel werden 5 bis 8 Prozent draufgelegt – das ist derzeit marktüblich. Die Firmen müssen aber sehr viel mehr tun, um die gewachsenen Ansprüche ihrer Zielgruppe befriedigen zu können. Personalgewinnung ist zu einem sehr, sehr aufwändigen Prozess geworden. 

(Interview: Corinne Schindlbeck)

Den kompletten Gehaltsvergleich kann man bei Interconsult anfordern.


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