Wie steht es aktuell um den Arbeitsmarkt in der Elektronik, welche Chancen haben Bewerber und worauf sollten gerade Berufsanfänger achten? Nadja Eder, Geschäftsführerin von Schuh-Eder Consulting, hat Tipps parat.
Markt&Technik: Frau Eder, die Zahl der offenen Stellen sinkt, gleichzeitig sprechen Wirtschaftsverbände von Tausenden fehlenden Ingenieuren. Wie steht es Ihrer Beobachtung nach um den paradoxen Arbeitsmarkt?
Nadja Eder: Wir begleiten die Elektronikindustrie seit über 25 Jahren und sehen immer wieder zyklische Veränderungen. Aktuell beeinflussen zwei Faktoren den Markt besonders: die wirtschaftliche Lage und der Einfluss von KI. Wenn Unternehmen in Kurzarbeit sind oder schlechte Prognosen haben, wird jede Neueinstellung kritisch geprüft. Gleichzeitig werden die verfügbaren Positionen deutlich spezialisierter. Unternehmen fragen sich zunehmend: Welche Tätigkeiten und Berufsbilder brauchen wir künftig – und mit welchen Skills? Diese Situation und das Ende des Arbeitnehmermarktes verunsichert auch viele Nachwuchskräfte.
Haben sich die Anforderungen der Arbeitgeber bei Neueinstellungen verschärft?
Zumindest insofern, dass über die »Basics« nicht mehr diskutiert wird, sie sind Pflicht. Das wären zum Beispiel sehr gute Englischkenntnisse – mittlerweile selbst in Rollen wie Produktionsleitung -, weil internationale Teams und Lieferanten alltäglich sind. Ebenso unverzichtbar sind IT-Anwendungskenntnisse, und zwar weit über Office hinaus. Wer KI-Tools wie ChatGPT sicher einsetzen und Ergebnisse einordnen kann, bringt heute ein Standard-Skillset mit.
Was erwarten Unternehmen von Berufseinsteigern über solche Basics hinaus?
Nadja Eder: Viele Studierende haben jahrelang gehört: „Studiert E-Technik, ihr könnt euch die Jobs aussuchen.“ Das stimmt derzeit so nicht. Bewerbungen sind wieder notwendiger. Unternehmen achten stärker darauf, wie schnell Einsteiger produktiv werden können – gerade weil viele klassische Junior-Aufgaben, etwa Recherche oder Datensammlung, bereits durch KI unterstützt werden. Die Lernkurve muss also auf anderem Weg entstehen, und das verändert die Auswahlprozesse.
Fallen auch in der Elektronik Junior-Positionen weg, wie es gerade aus der – amerikanischen - Softwarebranche kolportiert wird?
Nein, aber Unternehmen hinterfragen die Rollen stärker. Die Berufsbilder verändern sich, und Firmen überlegen, wie ein sinnvoller Einstieg aussehen kann: Welche Aufgaben können Einsteiger mit KI-Unterstützung übernehmen? Und wofür braucht es erfahrene Spezialisten?
Wissen Unternehmen denn überhaupt schon, was KI künftig übernehmen soll?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige kleine Firmen sind extrem weit, weil KI dort Chefsache ist. In anderen, auch großen Unternehmen, passiert fast nichts. Wieder andere automatisieren bereits massiv und prüfen, ob sie weniger Personal brauchen oder Mitarbeitende in neue Tätigkeiten entwickeln.
Welche Schwerpunkte empfehlen Sie für ein E-Technik-Studium?
Ein ingenieurwissenschaftliches Studium – besonders E-Technik – ist eine hervorragende Basis. Spezialisierung lohnt sich, wenn echte Leidenschaft vorhanden ist. Man sollte jedoch hinterfragen, ob ein Nischenthema in 10–15 Jahren noch relevant ist. Breite Grundlagen sind oft wertvoller. Sehr zu empfehlen: Praktika, Werkstudententätigkeiten und, wenn möglich, ein Auslandssemester. Das erweitert fachlich wie persönlich.
Sollte das Ausland – siehe Basics – dann am besten englischsprachig sein?
Nicht zwingend. Wichtiger ist, dass man wirklich in eine andere Kultur eintaucht. Viele internationale Studiengänge – auch in Italien, Frankreich oder Osteuropa – sind ohnehin bereits englischsprachig.
Welche Fehler sehen Sie in Bewerbungen besonders häufig?
Mir fehlt manchmal ein wenig die Demut – vor allem bei Gehaltsvorstellungen. Einstiegsforderungen von 75.000 Euro sind heute völlig unrealistisch. Zweitens schlechte Vorbereitung. Manche wissen kaum etwas über das Unternehmen, obwohl das ein Grundbaustein jeder Bewerbung sein sollte.
Und beim Lebenslauf?
Er muss klar strukturiert und maschinenlesbar sein, denn viele Unternehmen nutzen KI-gestützte Systeme. Fancy Designs funktionieren dort oft schlecht. Wichtig sind die passenden Keywords – sonst sortiert das System geeignete Bewerber unwissentlich aus.
Das klingt, als hätten E-Technik-Unternehmen hunderte Bewerbungen pro Stelle?
Ja, abhängig von der Position. Im Marketing erhalten wir teilweise weit über hundert Bewerbungen - allerdings sind nur wenige davon wirklich qualifiziert. Die hohe Zahl entsteht oft durch unpassende Bewerbungen.
Was sind derzeit realistische Einstiegsgehälter für E-Techniker?
Pauschale Zahlen wie „Der Einstiegsingenieur verdient X“ sind wertlos. Branche, Standort, Ausbildung, Unternehmensgröße – all das beeinflusst das Gehalt. Ab Mitte nächsten Jahres greift die EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz: Unternehmen müssen dann Gehaltsranges im Bewerbungsprozess offenlegen. Das hilft Bewerbern sehr.
Kann man sich mit einer zu hohen Forderung selbst aus dem Prozess werfen?
Ja. Wenn ein Unternehmen 50.000 Euro vorsieht und ein Bewerber mit 75.000 einsteigt, ist das Gespräch im Grunde beendet.
Also haben sich die Einstiegsgehälter zuletzt wieder nach unten bewegt?
Bei tarifgebundenen Unternehmen – etwa IG Metall in Bayern – beginnt man mit Masterabschluss weiterhin deutlich über 55.000 Euro. Bei kleinen Betrieben kann das deutlich niedriger sein. Wichtig ist: Gehalt ist nicht alles. Lernmöglichkeiten, Team, Kultur und Standort spielen ebenfalls eine große Rolle.
Was berichten Ihre Kunden, wann geht es wieder aufwärts?
Viele Unternehmen melden wieder positive Signale. Auftragsbücher füllen sich, erste Erholungen sind sichtbar. Für Nachwuchskräfte sehe ich keinerlei Grund zur Sorge: Die Branche wird weiterhin viele Ingenieure brauchen. Schwieriger kann es für Personen werden, die lange aus dem Beruf waren oder sich kaum weiterentwickelt haben. Das Thema „Employability“ bleibt entscheidend. Wir haben aber auch Kandidaten mit 65 erfolgreich vermittelt – entscheidend ist das Skillset, nicht das Alter.
Ein E-Technik-Studium bleibt also eine hervorragende Wahl?
Absolut. Und wer Orientierung braucht, kann sich jederzeit bei uns melden – wir helfen gern weiter.