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Kontroverse um die EU-2-nm-Foundry

Eine Superidee – aber auch realistisch?

10. Mai 2021, 09:04 Uhr   |  Heinz Arnold

Eine Superidee – aber auch realistisch?
© Globalfoundries

Über Jahrzehnte ist der Anteil der europäischen Halbleiter-Fertigung stetig geschrumpft; neue europäische Unternehmen lassen von Foundries in Ostasien fertigen. Nun will die EU Anschubhilfe für eine 2-nm-Fab geben. Aber ist das so überhaupt machbar? Und sinnvoll? Meinungen aus der Branche.

Heiß diskutiert wird derzeit der Vorschlag des EU-Binnenmarkt-Kommissars Thierry Breton, in Europa eine 2-nm-Fab zu bauen. Die Gegner halten das Projekt für abwegig, weil in Europa weder Unternehmen ansässig sind, die Single-Digit nm Designs im großen Maßstab durchführen, noch Unternehmen, die diese ICs in riesigen Stückzahlen benötigen, was aber wiederum die Voraussetzung dafür wäre, eine solche Fab mit wirtschaftlicher Auslastung zu betreiben. So stieß der Vorstoß bei den großen Halbleiterherstellern in Europa auf Skepsis. Dr. Reinhard Ploss, CEO von Infineon, hatte kürzlich in einem Interview mit der Financial Times gesagt, dass Infineon darin keinen Nutzen für das Unternehmen sehe und sich nicht beteiligen wolle.

Auch Dr. Stefan Joeres, Director Semiconductor Strategy, Automotive Electronics von Robert Bosch, sieht den Bau einer 2-nm-Fab in Europa nicht für zielführend. Dort, wo es keine ausreichenden regionalen Skaleneffekte gibt, sei es wichtig, »sich den Zugang zu internationalen Fertigungskapazitäten zu sichern«. So sieht es auch Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung: »Es geht vor allem darum, globale Wertschöpfungsnetzwerke zu erhalten und gleichzeitig in Europa die Kompetenz in bedeutenden Halbleitergebieten zu sichern und auszubauen. Dann wird es Europa eher gelingen, den Bedarf an Halbleitern aus eigener und globaler Produktion zu decken.«

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© Globalfoundries

Georg Birkmaier, Managing Director und Region Head Sales EMEA von Globalfoundries Europe: »Die Zielvorgabe, bis 2030 auf der 2-nm-Ebene zu produzieren, ist hochambitioniert, wir starten ja bei Null!«

Bevor es tiefer in das Pro und Contra geht, ein kurzer Ausflug nach Heidelberg, der auf den ersten Blick kaum etwas mit CMOS-Halbleiterfertigung in großem Maßstab zu tun hat. Hier hat Luat Nguyen 2017 die Leitung des InnovationLab übernommen, um es von einem renommierten, aber auf Drittmittel angewiesenen R&D-Institut zu einem profitablen Unternehmen zu machen. »Warum sind wir in Deutschland in R&D zwar sehr gut, aber die Umsetzung neuer Techniken in erfolgreiche Produkte will so selten gelingen«, fragte er sich. Und gibt die Antwort gleich selbst: »Weil hier die Möglichkeit fehlt, in hohen Stückzahlen zu produzieren.«

In Heidelberger Druck hat er dann einen Partner gefunden, der sich mit der Volumenfertigung auskennt und die gedruckten Sensoren in großem Maßstab fertigt, die im Umfeld des InnovationLab entstehen. „From Lab to Fab“ ist jetzt kein Marketing-Spruch mehr: Von der Idee über den ersten Prototypen in der Kleinserienfertigung bis zur Massenproduktion bietet InnovationLab die nahtlosen Übergänge. »Denn für den Erfolg einer Technologie ist es entscheidend, dass es vor Ort Produktionsmöglichkeiten auf Weltniveau gibt, sonst kann sich kein nachhaltiges Ecosystem bilden, das die Wettbewerbsfähigkeit über die Zeit sichert«, so Nguyen. Dazu seien Mut und Visionen erforderlich. »Wenn sie da sind, hat man schon gewonnen.«

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© InnovationLab

Luat Nguyen, Geschäftsführer InnovationLab: »Für den Erfolg einer Technologie ist es entscheidend, dass es vor Ort Produktionsmöglichkeiten auf Weltniveau gibt. Um das zu erreichen, sind Mut und Visionen erforderlich. Wenn sie fehlen, hat man schon verloren.«

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© ZVEI

Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung: »Bei der Entwicklung und Fertigung kleinster Strukturgrößen in Europa muss zunächst eine Analyse erfolgen, die Aufschluss über die Erfolgsaussichten solch eines Vorhabens gibt.«

Lässt sich diese Erfahrung aus einem vergleichsweise kleinen Projekt auf die Halbleiterindustrie übertragen? Grundsätzlich ja, meint Robert Kraus, CEO und Mitgründer von Inova Semiconductors. Auf Weltniveau produzieren zu können sei überall essenziell: »Genau deshalb brauchen wir in Europa die 2-nm-Foundry, ein Leuchtturmprojekt, das zeigt, dass wir es hier ernst meinen, dass wir die ständige Erosion bei den Marktanteilen stoppen und wieder ganz vorne in der ersten Reihe mitspielen. So wie wir es mit GSM und Galileo ernst gemeint hatten.« Inova selber bräuchte zwar für die im eigenen Haus entwickelten ICs eine Single-Digit nm Foundry nicht, »doch würde sich dann das entsprechende Ecosystem bilden, von dessen Dienstleistungen auch wir profitieren würden, und es wäre dann vielleicht auch wieder leichter, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden.«

Auch Georg Birkmaier, Managing Director und Region Head Sales EMEA von Globalfoundries Europe, ist grundsätzlich von der Idee begeistert: »Der Vorstoß zeigt, dass die Halbleiter endlich als systemrelevant anerkannt werden.« Er ist davon überzeugt, dass Europa unbedingt wieder eine Spitzenproduktion für ICs aufbauen müsste, erst dann könnte Europa von den brillanten Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer, IMEC, CAE-Leti und den vielen exzellenten Unis wirklich profitieren. Einen unerwünschten Wettbewerber sieht er in einer solchen Foundry nicht, denn die Zielmärkte würden sich nicht überlappen.

Doch hält er die Zielvorgabe, bis 2030 auf der 2-nm-Ebene zu produzieren, für »hochambitioniert, wir starten ja bei Null!« Und er versteht das Argument der Gegner, dass es nämlich weder eine nennenswerte Anzahl von Unternehmen in Europa gibt, die Single-Digit-nm-ICs entwerfen, noch genügend Unternehmen, die diese ICs brauchen. Deshalb würde er sich wünschen, zuerst einmal damit anzufangen, in Europa ein relevantes Chipdesign- und Fabless-Umfeld aufzubauen. Wichtig wäre es auch aufzuzeigen, dass es richtig cool sei, in diesem Umfeld zu arbeiten, sodass sich mehr junge Leute angezogen fühlten. Deshalb ist er von der gegenwärtigen Aufbruchsstimmung durchaus begeistert. Allerdings: Mit der 2-nm-Fab anzufangen, das erinnert ihn daran, den Wagen vor das Pferd spannen zu wollen.

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1. Eine Superidee – aber auch realistisch?
2. Masterplan für europäische IC-Industrie

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