Interview mit Roger Nichols, Keysight

»Es ist nicht zu früh, die 6G-Diskussion zu beginnen«

19. Mai 2021, 15:38 Uhr | Nicole Wörner
Roger Nichols, Keysight: »Wie bei 5G werden auch die ersten Ausführungen von 6G weit von der heutigen Vision entfernt sein.«
Roger Nichols, Keysight: »Wie bei 5G werden auch die ersten Ausführungen von 6G weit von der heutigen Vision entfernt sein.«
© Keysight

6G soll Downloadgeschwindigkeiten von annähernd 1 Terabit pro Sekunde, eine Latenzzeit von einer Mikrosekunde und unbegrenzte Bandbreite bieten. Roger Nichols, 6G Program Manager von Keysight, über die Vision von 6G und wie sie Wirklichkeit wird.

Markt&Technik: Herr Nichols, 6G soll uns völlig neue Möglichkeiten bieten, mit unserer Umgebung zu interagieren. Stichworte sind verzögerungsfreie Kommunikation, vernetzte Robotik, autonome Systeme und die drahtlose Interaktion mit künstlicher Intelligenz. Was wird aus Ihrer Sicht die wichtigste Einsatzmöglichkeit für 6G werden?

Roger Nichols, Keysight: Darüber zu spekulieren wäre etwas zu früh. Die Anwendungsmodelle reichen von holografischer Kommunikation, die Informationen jenseits von Bild und Ton enthält, über die Erstellung von digitalen Zwillingen, die weitaus ausgefeilter und gründlicher als bisher sind, bis hin zur Veränderung der Art und Weise, wie wir Daten durch maschinelles Lernen und andere Formen der künstlichen Intelligenz nutzen. Auch besteht die Möglichkeit, 6G für ein ausgeklügeltes Notfall- und Katastrophenmanagement und für wissenschaftliche Anwendungen zu nutzen.

Vieles von dem, was heute beschrieben wird, sieht aus wie „5G, aber besser“ – und einiges davon wird auch so sein. Wir werden sehen, wie sich aus den Fortschritten von 5G neue Anwendungen entwickeln, die in 5G noch vorläufig sind, in 6G aber zum Mainstream werden. Diese werden mit Systemen zu tun haben, die flexibler und effizienter sind und auf intelligente Weise gigantische Mengen von Daten verarbeiten können.

Welche Branchen, welche Unternehmen werden von 6G am meisten profitieren?

Die Unternehmen, die von 6G profitieren werden, werden eine Mischung aus traditionellen Unternehmen sein – diejenigen, die die Funktechnologie entwickeln und diejenigen, die sie nutzen. Sie alle werden ein Stück vom Kuchen abbekommen. Faszinierend ist jedoch, dass die Ausweitung der Nutzungsmodelle den Unternehmen in einer Weise zugutekommen wird, die schwer vorhersehbar ist. Ohne Mobilfunk wären Unternehmen wie Facebook, Twitter, Google, Uber, Door-dash, WeChat, TenCent usw. entweder viel kleiner oder würden schlicht nicht existieren. Man kann davon ausgehen, dass es das 6G-Äquivalent dieser Unternehmen geben wird, aber es ist schwer vorherzusagen, wie sie aussehen werden.

Welche Bedeutung hat die Messtechnik bei der 6G-Entwicklung?

Wie bei früheren Mobilfunk-Generationen auch sind Design und Messtechnik von größter Bedeutung. Erstens gibt es fast keine Darstellung von 6G, die nicht auch eine Liste von quantitativen Key Performance Indicators (KPIs) enthält – messbare Zahlen, die mit der Netzwerkleistung verbunden sind. Dazu gehören die offensichtlichen wie Spitzen- und Durchschnittsdatenraten und die nicht so offensichtlichen wie die Zuverlässigkeit – ausgedrückt in Neunern, wie z. B. „8 Neuner", die sich auf 99,999999 % Zuverlässigkeit beziehen.

Während wir die Komponenten, Subsysteme und kompletten Systeme für diese neuen Netzwerke aufbauen, ist die Fähigkeit, quantitativ zu verstehen, wie das System funktioniert, entscheidend. Erfüllt es die Erwartungen? Wie schneidet es im Vergleich zu einem Standard ab? Wie verhält es sich im Vergleich zu seinen Mitbewerbern? All diese Fragen lassen sich ohne Messungen nicht konsistent beantworten. Darüber hinaus wird immer mehr Wert daraufgelegt, Dinge zu messen, die früher als nicht greifbar galten: Wie sicher ist es? Wie hoch ist die Servicequalität? Was ist die Nutzungsqualität? Die beiden letztgenannten Begriffe enthalten das Wort „Qualität“, was „qualitativ“ bedeutet; und doch arbeiten wir daran, Wege zu finden, diese zu quantifizieren.

Wie ist Keysight derzeit in diesem Markt positioniert und wo wollen Sie langfristig hin?

Wir sind führend auf dem 5G-Markt. Wir haben vor kurzem unser Portfolio erweitert, um nicht nur Funktests, sondern auch Tests in den Bereichen Netzwerke, Sicherheit und sogar Quanten zu umfassen. Das bedeutet, dass das Design und die Validierung auf Systemebene Gebiete sind, die uns über die Möglichkeiten in der digitalen Elektronik und im Funktest hinaus offenstehen. Funk bedeutet Antennen, HF-Systeme, digitale Systeme, Software-Funktionalität und vieles mehr. Die Komplexität dieser Systeme macht die Messungen, mit denen sichergestellt wird, dass sie wie geplant funktionieren, noch wichtiger. Hier sehen wir uns gut aufgestellt und freuen uns sehr darauf, Teil dieser nächsten Welle in allen Facetten der technologischen Herausforderung zu sein.

Es hieß früher, dass autonomes Fahren nur mit 5G möglich sein kann. Wie ist hier die Bedeutung von 6G?

Ich habe fachkundige und glaubwürdige Analysen gesehen, die darauf hindeuten, dass wir sechs Jahrzehnte davon entfernt sind, bis eine tatsächliche Mehrheit von Fahrzeugen in einem automatisierten Modus fährt. Es sind nicht nur technologische Herausforderungen, die überwunden werden müssen, sondern auch gesellschaftliche und politische Fragen, die die Einführung dieser Technologie beeinflussen werden. Davon abgesehen benötigen automatisierte Fahrsysteme (ADS) ein Mobilfunknetz mit geringer Latenz, hoher Zuverlässigkeit und Flexibilität. Ich verwende den Begriff „automatisiert“, weil „autonom“ keine externe Hilfe durch ein Netzwerk oder irgendeine Art von physischem Leitsystem impliziert.

„Autonom“ ist nicht praktikabel – wird es vielleicht niemals sein. Aber „automatisiert“ schon. Während es möglich ist, dass 5G das richtige Zeug hat, um ein Level-5-Fahrsystem zu ermöglichen, sollte 6G noch einen Schritt weiter sein. Der springende Punkt ist, dass ADS nicht durch die Wireless-Kommunikationstechnologie vorangetrieben wird. Das Tempo wird durch die Schwierigkeiten bei der Anwendung der Technologie auf kostengünstige Systeme bestimmt, die jede Gesellschaft durchdringen, aber in verschiedenen Städten unterschiedlich genutzt werden. In praktischen Fahrsystemen sind menschliche Fahrer immer noch um mehrere Größenordnungen sicherer als automatisierte Systeme – 6G wird dies ebenso verbessern wie 5G.

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