Arbeitskräftemangel bis 2030?

»Besser wird die Situation nicht«

12. September 2022, 10:00 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Unternehmen stellen unbeirrt ein. Der Elektronik-Arbeitsmarkt präsentiert sich derzeit so robust wie nie zuvor, Personaler beschreiben den Personalmangel als »fast dramatisch«. Hiring Freeze? Ist nicht zu erkennen. Bleibt das so?

»Trotz der Krisen wachsen wir derzeit weiter. Die Krisen haben keinen Einfluss auf unsere Personalplanung – Corona hatte sogar die Auswirkung, dass IT und Elektronik noch wichtiger geworden sind«, erklärt Tanja Hochschild, Mitglied der Geschäftsleitung bei Würth Elektronik eiSos und Head of Digitalization.

Claudia Hecker, Department Head Global Talent Acquisition bei Puls, winkt ebenfalls ab. »Nein, aktuell ändert sich nichts an unserer Personalplanung, da die meisten offenen Positionen im Hinblick auf die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens unabdingbar sind.« Ein Hiring Freeze käme aus ihrer Sicht »nur in Betracht, wenn die Auftragssituation sich massiv verändert«. Ist sie das, die verwundbare Stelle des sagenhaft krisensicheren Arbeitsmarktes?

Thomas Dudenhöffer von TTI hat »wie fast überall« offene Stellen und sieht »aktuell noch keine negative Auswirkung auf unsere Personalplanung«. Aber »wir beobachten die Entwicklung genau«. Im schlimmsten Fall wolle man »im Aufbau vorsichtiger agieren«, aber auf keinen Fall einen Imageverlust riskieren und gar als Hire&Fire-Arbeitgeber wahrgenommen werden.

Und auch Odu im oberbayerischen Mühldorf rechnet aktuell nicht »mit großartigen Veränderungen in unserer Personalplanung«, wie Personalchefin Gerlinde Dilg erklärt, im Gegenteil: »Aufgrund unserer Tätigkeit in unterschiedlichen Branchen, einer Fertigungstiefe von rund 75 Prozent und ausländischen Standorten sind wir bisher gut durch Krisen gekommen. Auf das setzen wir auch die kommenden Jahre. Aktuell gibt es seitens unserer Kunden kein zurückhaltendes Verhalten bei den Auftragseingängen. Wir planen für dieses Jahr sehr hohe Investitionen mit über 50 Mio. Euro an unseren Standorten, die wir auch umsetzen werden. Hierbei handelt es sich um marktübergreifende Kapazitäts- und Technologieinvestitionen inklusive Gebäude.«

Intel plant schon jetzt den umfangreichen Stellenaufbau für den neuen Standort Magdeburg, wie der dortige Personalchef Bernd Holthaus berichtet: »Aktuell sind wir in der Planungs- und Genehmigungsphase, wobei wir auch jetzt schon Positionen ausschreiben und besetzen.« Das Gros der geplanten Stellen solle aber ab nächstem Jahr ausgeschrieben werden; die Zusammenarbeit mit regionalen Hochschulen stehe dabei im Mittelpunkt.

Dr. Michael Schanz vom VDE, selbst Mikroelektronik-Ingenieur, blickt mit einer gewissen Skepsis auf die Herkulesaufgabe von Intel. In seiner eigenen Abteilung sei schon seit Jahren kein waschechter Elektroingenieur mehr eingestellt worden, »nicht verfügbar«, erzählt der Vorstandsreferent und Arbeitsmarktexperte des Verbands. Bestenfalls aus angrenzenden Gebieten habe man Mitarbeiter gewinnen können, denn die Konkurrenz ist riesig: »Energiewende, Digitalisierung, Elektromobilität oder Industrie 4.0 – für all das ist die Mikroelektronik nun mal die Schlüsseltechnik.«

»Viel besser wird es nicht«, titelt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im August 2022 und meint den Arbeitskräftemangel, der bis 2030 unabänderbar sei. Experte Holger Schäfer vom IW sieht Deutschlands Arbeitsmarkt nach über 15 guten Jahren an einem Höhepunkt angekommen; ein Rückgang der Erwerbspersonen bis 2030 sei aller Voraussicht nach nicht mehr zu verhindern, es drohten Wohlstandsverluste. Man könne nur noch versuchen, punktuell »abzumildern«. Für die großen Stellschrauben – Zuwanderung, späterer Renteneintritt, höhere Erwerbsquote von Frauen – sieht das IW angesichts der »wenigen zur Verfügung stehenden Jahre« keine politische Durchsetzungskraft.

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