Das Interesse am Elektrotechnikstudium sinkt weiter – bundesweit und besonders an kleinen und mittleren Hochschulstandorten. Das zeigt eine aktuelle Analyse des VDE. Zwei Ausnahmen fallen auf: München und Clausthal. Dort steigen die Anmeldezahlen. Warum?
Die VDE-Untersuchung „Erfolg elektrotechnischer Studiengänge“ analysiert die Entwicklung an 54 Hochschulstandorten. Das zentrale Ergebnis: Während große Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) ihre Zahlen stabil halten oder leicht ausbauen, geraten kleinere Einrichtungen zunehmend unter Druck.
Zwischen 2013 und 2023 gingen die Studienanfängerzahlen im Bachelor Elektrotechnik an Universitäten wie an HAW jeweils um rund 34 Prozent zurück. Die Ursachen sind laut VDE strukturell. Besonders stark betroffen sind mittlere Universitätsstandorte mit ehemals 250 bis 400 Erstsemestern: Hier halbierten sich die Zahlen im Schnitt. Viele dieser Standorte rutschen damit in die Kategorie „klein“.
Die Technische Universität Clausthal verzeichnete 2017 einen Einbruch auf gerade einmal 13 Erstsemester. Bis 2023 stieg diese Zahl kontinuierlich auf rund 90. Ein Zufall ist das nicht.
Nach Angaben von Prof. Christian Rembe, Vertreter der TU Clausthal im Fakultätentag für Elektrotechnik, setzte die Hochschule auf eine Neujustierung des Studienangebots, klarere Übergänge in Masterprogramme und eine gezielte Internationalisierung. Ein Beispiel ist die Kooperation mit der Sichuan University: Chinesische Studierende erhalten für die ersten beiden Semester zwei Jahre Zeit - insbesondere für den Spracherwerb und den fachlichen Einstieg.
Rembe sagt: „Als kleine Universität wissen wir, dass wir ein gutes Angebot machen müssen. Qualität der Lehre und Studierbarkeit haben bei uns hohe Priorität. Praktika müssen funktionieren und inhaltlich tragen. In der Vergangenheit haben einzelne Fehlentwicklungen dem Ruf des Elektrotechnikstudiums insgesamt geschadet.“
Parallel wurde die didaktische Qualität systematisch verbessert: Alte Prüfungen stehen transparent zur Vorbereitung bereit, Praktika sind praxisnah konzipiert, theoretisch anspruchsvolle Inhalte werden verständlicher vermittelt. Diese Veränderungen haben sich herumgesprochen – auch über die Region hinaus. Das Bewerberinteresse stieg.
Auch die Hochschule München zeigt, dass gezielte Kommunikation Wirkung entfalten kann. Zwischen 2022 und 2024 stiegen dort die Erstsemesterzahlen im Studiengang Elektrotechnik um 40 Prozent - verwandte Studiengänge nicht mitgerechnet.
„Wir haben nicht darauf gewartet, dass sich die Zahlen von selbst erholen“, sagt Prof. Dr. Benjamin Kormann, Dekan der Elektro- und Informationstechnik. „Stattdessen haben wir früh investiert, neue Formate etabliert und unsere Nachwuchsarbeit sowie die Kommunikation strategisch weiterentwickelt.“
Seit 2022 organisiert die Hochschule regelmäßige Schulbesuche - sowohl an Schulen als auch auf dem Campus. Ziel ist es, Hemmschwellen und stereotype Vorstellungen abzubauen. Seit 2024 werden diese Besuche mit einer sogenannten Projektvernissage kombiniert: Studierende präsentieren dort ihre Praxisprojekte und fungieren als glaubwürdige Botschafter des Studiengangs.
Hinzu kommt Social Media. Unter Hashtags wie #studiengangimfokus oder #alumnistories gibt die Fakultät auf Instagram Einblicke in Studieninhalte und Karrierewege – und macht Elektrotechnik konkret und anschlussfähig.
Die VDE-Befragung zeigt zugleich, dass für viele die Grenze des Machbaren erreicht ist: 96 Prozent der Universitäten und 77 Prozent der HAW setzen bereits erhebliche Ressourcen für die Bewerbung ihrer Studiengänge ein - oder wünschen sich zusätzliche Mittel. Kein einziger Standort gab an, lediglich das Nötigste zu tun.
Der Verband fordert daher politische Unterstützung, insbesondere für gefährdete kleinere Standorte. Da technikinteressierte junge Menschen laut Studien vergleichsweise wenig mobil sind, sei ein flächendeckendes Studienangebot entscheidend.
Während große Standorte kaum Probleme bei der Nachwuchsgewinnung haben, kämpfen viele kleine und mittlere Hochschulen ums Überleben ihrer Elektrotechnikstudiengänge. Die Autoren um Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz sehen als wesentliche Faktoren die Strahlkraft des Standorts, das lokale Potenzial an Studieninteressierten und die Nähe zu Industrie und Metropolen – etwa in Berlin, Aachen oder Erlangen.
Die VDE-Untersuchung gliedert sich in vier Teile:
Teil 1: Erfolg elektrotechnischer Studiengänge (gerade erschienen)
Teil 2: Aktualisierung der Absolvierendenzahlen und Abbruchquoten
Teil 3: Rolle internationaler Studierender in der Elektrotechnik
Teil 4: Erfolgsfaktoren im Elektrotechnikstudium