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80% der Firmen von Engpässen betroffen

Die Elektronikproduktion steht massiv unter Druck

23. August 2021, 15:00 Uhr   |  Engelbert Hopf, Karin Zühlke

Die Elektronikproduktion steht massiv unter Druck
© WEKA FACHMEDIEN

Keine verbindlichen Liefertermine, bestätigte Ware kommt nicht – und Besserung ist nicht in Sicht: Wie lange kann die Produktion von Subsystemen und Endgeräten unter solchen Bedingungen noch sichergestellt werden?

Trotz Materialmangels und Lieferengpässen läuft die Produktion der deutschen Elektronikbranche aktuell noch auf Hochtouren. Um dies zu gewährleisten, ist der logistische und planerische Aufwand in den Fertigungen für Subsysteme und Endgeräte in den letzten Wochen jedoch massiv gestiegen. »Teilweise entscheiden einzelne Komponenten darüber, ob ein Produkt gebaut werden kann oder nicht«, erläutert Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement bei Block Transformatoren Elektronik. »Bisher haben wir eigentlich immer noch etwas gefunden, was wir fertigen können und das aktuell gebraucht wird.«

Ähnlich die Probleme bei den Fertigungsdienstleistern: »Dort, wo die Produktion wegen eines noch fehlenden Bauteils nicht gestartet werden kann, baut sich Lagerbestand auf«, so Golo Wahl, CSO der Katek Gruppe; »in anderen Fällen nehmen Lager- und Sicherheitsbestände ab«. Nach Angaben von Christoph Antener, CPO der Katek-Gruppe, liegen die Average Lead Times über sämtliche aktive Artikel inzwischen bei 44 Wochen. »Aktuell bestellen wir mit einem Vorlauf von bis zu 24 Monaten, abhängig vom Forecast des Kunden jedoch mit mindestens zwölf Monaten.«

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© BMK

Susanne Gujber, BMK: »Wir bekommen für viele Teile, auch wenn sie bereits im letzten Jahr bestellt worden sind, keine verbindlichen Liefertermine. Im Worst Case fehlen sogar Teile, die schon bestätigt waren!«

Wie eine Ifo-Umfrage Ende Juli ergab, klagen inzwischen zwei Drittel der Industriebetriebe in Deutschland über mangelnden Materialnachschub: Hersteller elektrischer Ausrüstungen (84,4 Prozent), Autobauer und ihre Zulieferer (83,4 Prozent), Maschinenbauer (70,3 Prozent).

»Wir bekommen inzwischen für viele Teile, die wir bereits im letzten Jahr bestellt haben, keine verbindlichen Liefertermine mehr«, gibt Susanne Gujber, Leitung Einkauf bei BMK zu Protokoll. »Im Worst Case fehlen sogar Teile, die schon bestätigt waren; das kann dann zu völlig unerwarteten Bandstillständen führen.« Ihr Fazit dieser Entwicklung lautet: »Letztlich können die Auftragsbücher noch so voll sein – wenn es keine Bauteile gibt, können auch keine Umsätze mit den Endprodukten generiert werden.«

»Wir haben jetzt durchaus eine angespannte Situation in der Produktionsversorgung durch Störungen aufgrund verspäteter Materialanlieferungen«, bestätigt auch Alfred Birgmann, Vice President Global Procurement bei Zollner; »dies führt zu häufig nicht geplanten Produktionsanpassungen und Umrüstungen«. Bei Zollner wird damit gerechnet, dass sich die Lage im 3. und 4. Quartal dieses Jahres noch weiter verschärfen wird; »dann werden Line-downs gerade bei Hochvolumen-Produkten unvermeidbar sein«.

Aus Sicht des Branchenverbands ZVEI »bereiten Materialknappheit und Lieferengpässe inzwischen vier von fünf Unternehmen Schwierigkeiten«, bestätigt Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des ZVEI. Die Umfrageergebnisse des ZVEI deuten dabei darauf hin, dass die Bedarfe besonders in den Bereichen Automotive, Industrieelektronik, Mobilfunk, Fotovoltaik, Haushaltsgeräte sowie der Unterhaltungselektronik groß sind. Beim ZVEI geht man davon aus, »dass sich die Situation frühestens Anfang 2022 entspannen wird«.

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© Fotowerkstatt Jutta& Gerhard Gahr

Alfred Birgmann, Zollner: »Wir rechnen damit, dass sich die Lage im Q3/Q4 weiter verschärfen wird und dass Line-downs gerade bei Hochvolumen-Produkten unvermeidbar sein werden.«

Durch die hohe Produktkomplexität im Maschinenbau kumulieren dort nach Darstellung der VDMA-Fachabteilung Business Advisory gleich mehrere Wertschöpfungsketten in der Investitionsgüterindustrie: Halbzeuge und Fertigerzeugnisse aus Eisen, Stahl und Metall; antriebstechnische Aggregate und Komponenten; Pumpen, Kompressoren, Armaturen und sonstige Komponenten; Elektrotechnik und Elektronik, sowie Erzeugnisse der chemischen und kunststoffverarbeitenden Industrie. Materialmangel, so der VDMA, bezieht sich bei seinen Mitgliedern nicht allein auf Elektronik, sondern auch auf Stahl, Kunststoff und andere Materialien.

Dass diese Situation natürlich auch dazu führt, sich das Lager mit dem zu füllen, was gerade verfügbar ist, bestätigt unter anderem Benjamin Thomsen vom Team Einkauf – strategischer Einkauf bei inpotron Schaltnetzteile: »Sobald Material verfügbar ist, rufen wir es komplett ab und legen es uns aufs Lager – ganz nach dem Motto: Nur was wir bei uns haben, ist auch sicher verfügbar!«

BLOCK Transformatoren- Elektronik
© BLOCK Transformatoren- Elektronik

Kai Heinemann, Block Transformatoren-Elektronik: »Da inzwischen teilweise einzelne Komponenten darüber entscheiden, ob ein Produkt gebaut werden kann oder nicht, horten wir inzwischen, ohne es zu wollen.«

Welche Auswirkungen die aktuelle Situation hat, macht Gerhard Reifner, Head of Corporate Supply Chain Management & IMS bei Recom Power, deutlich: »Unsere Standardlieferzeiten haben sich verdoppelt bis verdreifacht; entsprechend bestellen unsere Kunden weiter im Voraus.« Er schließt eine weitere Erhöhung der Lieferzeiten nicht aus und weist darauf hin, »dass das zwangsweise zu einer Verschiebung von Kundenprojekten führen wird und eine allgemeine Verlangsamung der Konjunktur nach sich ziehen wird«.

»Die weltweiten Corona-bedingten Einschränkungen für Produktion und Logistik, Rohstoffmangel und nicht zuletzt die Flutkatastrophe in Deutschland und einigen Nachbarländern sorgen dafür, dass die Lage auch für die Elektromechanik kritischer wird«, stellt Markus Brentano, Leiter Corporate Purchase – Capital Goods bei Phoenix Contact abschließend fest. Da mit einer deutlichen Entspannung der Situation nach Einschätzung von Phoenix Contact jedoch frühestens im nächsten Jahr zu rechnen ist, warnt er: »Es gilt jetzt, das Risiko einer anhaltend kritischen Versorgungslage in die Planung für 2022 einzubeziehen!« 

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