EMS-Branche zur Energiekrise

»Risiko wird unterschätzt«

31. Oktober 2022, 15:34 Uhr | Karin Zühlke
EMS Forum
Die Teilnehmer des diesjährigen EMS-Forums der Markt&Technik
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Die politische Diskussion zu den Energiepreisen und zur -versorgung überholt sich täglich selbst. Vor diesem Hintergrund diskutierten Vertreter der EMS-Industrie im September das Thema beim Markt&Technik-Forum und fordern vor allem eins: Die Politik muss Verantwortung übernehmen!

Das Energieversorgungsrisiko, das Risiko von Stromausfällen und die Risiken, die sich durch Abschaltung der Gasversorgung ergeben, werden oft unterschätzt. Wir haben alle doch niemals damit gerechnet, dass das alles zusammentrifft«, sagt Rüdiger Stahl, Geschäftsführer der TQ. TQ betreibt seine Rechenzentren selbst und sei daher natürlich abhängig von der Stromversorgung, so Stahl. Deswegen gebe es eine USV. Die USV kann aber nicht überbrücken, dass alle Server – an der Zahl 400 mit der Virtualisierung – geordnet herunterfahren. »Daher haben wir außerdem ein BHKW, das wir auch unabhängig von Engpässen nutzen, aber wenn Gas nicht zur Verfügung steht, funktioniert das eben auch nicht.« Natürlich, so Stahl, könne man vermuten, dass unwahrscheinlich ist, dass gleichzeitig Gas und Strom nicht zur Verfügung stehen. »Aber wenn Gas nicht zur Verfügung steht, heizen die Menschen mit Strom, und dann kann es passieren, dass das lokale Netze überlastet sind. Deshalb ist das ein ernst zu nehmendes Risiko, das unterschätzt wird.« Und wie wappnet sich TQ gegen dieses Risiko? »Wir machen ein Backup vom Backup!«, antwortet Stahl. »Neben der USV und dem BHKW haben wir noch ein Diesel-Aggregat angeschafft.«

Auch Zollner Elektronik wappnet sich mit verschiedenen Maßnahmen gegen die Energiekrise. »Das Allerwichtigste für uns ist Versorgungssicherheit, was die Gas- und Stromversorgung angeht«, unterstreicht Xaver Feiner, VP Sales & Marketing von Zollner Elektronik. Auf dem Plan bei Zollner stehen dazu beispielsweise PV-Anlagen und Hackschnitzelheizungen, um möglichst autark produzieren zu können. »Wir haben in der Vergangenheit in Technologie und Fortschritt investiert«, so Feiner. Nun stehe man eben vor einer neuen Situation, in der man auch in innovative Energieversorgung investieren müsse, um eine gute Versorgungsbasis zu haben.

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Philipp Mirliauntas
Philipp Mirliauntas, duotec: »Wir sind schließlich Technologie-Unternehmen, und aufgrund der Tatsache, dass Energie ein größeres Thema wird und bleiben wird, müssen wir uns als Mittelständler an den F&E-Aktivitäten und der Technologien-Entwicklung beteiligen.«
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In anderen Ländern der Welt, in denen produziert wird, sei das sowieso schon »Gang und Gebe«, betont Michael Ackers, Director für Business Development in Europa von Sanmina: »In vielen Ländern muss man ein Versorgungs-Backup haben; dass wir hier jetzt auch so weit sind, ist natürlich neu.«

Strom wird richtig teuer

Neben drohenden Engpässen bei der Energieversorgung kommen drastische Preiserhöhungen auf die Industrie zu. Einige EMS-Firmen berichten der Runde von ihren Erfahrungen. So hat sich laut Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, der Preis für Strom für sein Unternehmen verzehnfacht: »Wir kommen aus der Situation eines Strom-Festpreisvertrages über drei Jahre, den wir vor drei Jahren abgeschlossen haben mit einem Arbeitspreis von 5 Cent pro Kilowattstunde. Jetzt zahlen wir das Zehnfache! So wird eine bisher kleine Position in der Bilanz plötzlich ganz entscheidend.« Gas hingegen spiele eher keine Rolle bei GBS. Aber, so Hollstein, die EMS-Industrie mit ihren energieintensiven Anlagen sei sehr stark abhängig vom Strom. »Und das ist schwer planbar, wie wir unseren Stromeinkauf in Zukunft gestalten, per Festvertrag oder direkt über den Spotmarkt.«

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Carsten Ellermeier, Prettl Electronics: »Wir brauchen den Energiemix und die Netzstabilität, sonst sind wir nicht in der Lage, die Erneuerbaren-Ziele dauerhaft umzusetzen. Wir haben die Fachleute im Land, aber die finden politisch kein Gehör.«
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Auch Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, berichtet von »saftigen Preiserhöhungen; wie wir das genau in der Rechnungsstellung abbilden, wissen wir noch gar nicht genau.«

Andreas Schneider, COO Sales von BMK, siehti zwar die Energiekosten selbst als beherrschbaren Kostenblock, bringt aber die indirekten Auswirkungen dieser Kosten auf den Tisch: »Was passiert in der Supply Chain? Wie entwickeln sich die Löhne?« Diese Facetten sieht Schneider als deutlich unwägbarer an als die direkten Energiekosten.

Ähnliche Herausforderungen in Österreich und der Schweiz

Ein Blick ins Nachbarland Österreich: Hier sind die Probleme ähnlich gelagert. Michael Velmeden, Geschäftsführer der österreichischen cms electronics, beziffert die Stromkostenerhöhung konkret auf den Faktor sechs. »Und somit geht der Strom von einer unbedeutenden Größe im Kostenblock zu einer sichtbaren Größe über.« Auch mit dem Thema Blackout beschäftige man sich in Österreich, so Velmeden: »Das Problem ist die Netzstabilität. Mit der Volatilität der Versorgung können die Netze das nicht mehr in der Geschwindigkeit packen.«

Velmeden stellt bei der Gelegenheit auch das EU-weit übliche Preissystem in Frage: »Wir haben uns in der EU mit dem Merit-Order-System ein Preissystem auferlegt, das zu Absurditäten führt. Damit wird viel Risiko auf die Unternehmen verlagert, weil wir starke infrastrukturelle Versäumnisse haben. Sowohl was Leitungsnetze angeht als auch das halbherzige Umstellen auf die Erneuerbaren. Wir zahlen als gewerbliche Energieverbraucher und private Verbraucher die Rechnung dafür.«

In der Schweiz ist die Situation nach den Worten von Thomas Kaiser, Executive VP von GPV, ähnlich gelagert. Vorteil sei der hohe Anteil an Wasserkraft, die sich die geologischen Vorzüge des Landes zunutze macht, aber die Importrate bei Gas ist hoch. »Wenn wir die EMS-Industrie als Energiekonsumenten betrachten, dann sind die Energiekosten Kalkulationsfaktoren, die uns nicht umbringen, die wir aber spürbar auf den Preis umlegen werden.« EMS-Dienstleistungen könnten also je nach Region künftig deutlich teurer werden.


  1. »Risiko wird unterschätzt«
  2. Enormer Preisanstieg in Singapur

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