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Materialkrise

»Digitalisierung löst nicht die Eskalation im Einkauf«

Roland Hollstein
Roland Hollstein, Grundig Business Systems: »Der Aufwand, den wir situationsbedingt treiben müssen, zerreibt.«
© WEKA FACHMEDIEN

Die Digitalisierung über ERP-Systeme, EDI-Schnittstellen & Co. trägt normalerweise maßgeblich dazu bei, die Lieferkette im Takt zu halten. Doch in Ausnahmesituation wie derzeit ist sie allenfalls ein Helferlein. Manpower im Einkauf und Telefone sind das Mittel der Wahl.

Einige Teilnehmer des EMS-Forums haben ihr Personal im Einkauf aufgestockt bzw. interne Ressourcen umverteilt. »Alles was in dem Bereich Erfahrung hat und jeder Vertriebsleiter und Geschäftsführer ist derzeit auch Einkäufer, weil er an den Eskalations-Meetings teilnimmt«, bestätigt Carsten Ellermeier, CEO der Prettl Electronics Group. Und Eskalations-Meetings gibt es derzeit jede Menge.

»Was wir vorher durch Digitalisierung der Beschaffungsprozesse eingespart haben, kommt jetzt wieder oben drauf«, sagt Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics. Allerdings stellt er auch zur Debatte, dass Digitalisierung in der Lieferkette grundsätzlich kein Allheilmittel sei. »Die Digitalisierung löst nicht die Eskalation im Einkauf. Wir hatten Forecasts, aber die Digitalisierung hat uns in dieser Hinsicht gar nichts gebracht. Im Industriebereich sind wir mit den Forecasts sehr stabil geblieben, bekommen aber trotzdem keine Ware. Wir haben uns immer an die Wiederbeschaffungszeiten gehalten, aber wenn sich diese so drastisch ändern, können wir nichts machen.«

Momentan bleibt vielen Einkäufern für die täglichen Routinen nur der Griff zum Telefon: »Was normalerweise mit elektronischen Anbindungen gut klappt, funktioniert in diesen Zeiten mehr und mehr durch Telefon«, bestätigt auch Arthur Rönisch, Geschäftsführer von Turck duotec. Zudem sei es gar nicht so einfach, weiteres Personal für den Einkauf zu finden. Gute Einkäufer sind schließlich rar.

Auch bei Zollner Elektronik ist nach den Worten von Markus Aschenbrenner, Mitglied des Vorstands, dieser Tage im Einkauf mehr denn je Bestandteil des Alltags: »Man muss telefonieren und Eskalationspfade finden.« Aber Aschenbrenner bricht auch eine Lanze für die Digitalisierung: »Digitale Anbindung und Digitalisierung ist ein Muss, weil es uns in diesen Situationen hilft und Ressourcen schafft. Und für das Basisgeschäft und vor allem für die Visibilität wichtig ist.« Die Kunden wollen schließlich wissen, wie es um ihre Lagerbestände in mehrstufigen Lieferketten bestellt ist. Und das, so Aschenbrenner, bekomme man nur durch Digitalisierung hin.

Auch Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, pflichtet dem bei: Elektronische Anbindungen entlasten seiner Ansicht nach den Einkauf sehr stark, genauso wie digitale Einkaufs-Tools über das ERP-System hinaus, die reihum fast alle Teilnehmer der Runde im Einsatz haben.

Das alles kann nach den Worten von Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die Kosten für all die Aufwände in Zusammenhang mit der Materialbeschaffung deutlich gestiegen sind. »Und das betrifft nicht nur den Einkauf, sondern bedingt durch die Materialsituation sämtliche innerbetrieblichen Prozessketten. Der Aufwand, den wir situationsbedingt treiben müssen, zerreibt.« 

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