Auftragsfertigung leidet massiv

»Der Liefer-Irrsinn geht weiter«

28. Februar 2022, 14:30 Uhr | Karin Zühlke
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Volle Auftragsbücher, aber nicht genügend Material: Diese Diskrepanz ist für EMS-Firmen seit über einem Jahr Alltag. Und auch 2022 ist keine deutliche Entspannung in Sicht, wie die große Markt&Technik-Umfrage unter EMS-Firmen in aller Klarheit zutage brachte.

Schon 2021 konnten viele Auftragsfertiger aufgrund fehlender Komponenten ihre Aufträge nicht vollends erfüllen. Die Auftragsfertigung ist einer der wichtigsten Indikatoren, wenn es um die Materialsituation geht.

Sie ist in Zentraleuropa integraler Bestandteil der Lieferketten für europäische Markenhersteller. Viele Tier-One- und Tier-Two-Firmen von Automotive bis hin zu Weißer Ware lassen elektronische Baugruppen oder ganze Produkte und Geräte extern beim EMS fertigen. Die EMS-Industrie ist zur Erfolgsbranche in Mitteleuropa avanciert. Viele Endprodukte des täglichen Lebens beinhalten mindestens eine Baugruppe vom EMS, darunter Gepäckscanner auf Flughäfen, Fahrkartenautomaten, hochwertige Haushaltswaren, Medizingeräte, Verbrenner- und E-Fahrzeuge etc. Als Dienstleister in der Sandwich-Position zwischen Komponenten-Lieferanten und Kunden stehen die Auftragsfertiger derzeit allerdings unter einem besonders hohen Druck. Kundenaufträge können teils nicht termingerecht gefertigt werden.

»Wir dachten, der Irrsinn in der Bauteilbelieferung hat Ende 2021 seinen Höhepunkt erreicht, aber das Karussell dreht sich weiter und noch schneller«, bringt Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, die Lage auf den Punkt. Und trotzdem sind die Komponenten-Lager der EMS teils (über-)voll. Denn fehlt auch nur ein Bauteil für die Kunden-Baugruppe, kann nicht produziert werden, während 99 Prozent der Bauteile auf Halde liegen, wie unter anderem Bo Lybæk, CEO von GPV, bestätigt.

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Markus Aschenbrenner, Zollner Elektronik: »Wir sehen im ersten Quartal 2022 nur die Spitze des Eisberges in Bezug auf die Versorgung mit elektronischen Bauteilen mit Schwerpunkt Halbleiter. Auch im zweiten Quartal werden wir den Bedarf nicht decken können. Wir erwarten sehr große Versorgungsprobleme, welche kritischer als im Vorjahr sind.«
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Die auf diese Weise entstehende Kapitalbindung ist für viele EMS eine Belastung. Drastische Preiserhöhungen für Bauteile und Materialien tun ihr Übriges. Hinzu kommt ein deutlicher Mehraufwand durch kurzfristige Produktions-Umrüstungen, um flexibel auf Materiallieferungen zu reagieren. Markus Aschenbrenner, Mitglied des Vorstands von Zollner Elektronik, schildert das so: »Wir haben aktuell hohe Auftragseingänge, die nach wie vor steigen, und eine angespannte Situation in der Produktionsversorgung durch Störungen aufgrund verspäteter Materialanlieferungen. Dies führt zu häufigen, nicht geplanten Produktionsanpassungen und Umrüstungen. Damit steigen die Aufwände in der Produktion zum Teil erheblich an. Wir versuchen, die Produktion so flexibel wie möglich zu gestalten und an die Materialverfügbarkeit anzupassen. Bisher ist uns dies gut gelungen, allerdings rechnen wir damit, dass sich die Lage noch weiter verschärfen wird. Wir sehen im ersten Quartal 2022 nur die Spitze des Eisberges in Bezug auf die Versorgung mit elektronischen Bauteilen mit Schwerpunkt Halbleiter. Auch im zweiten Quartal werden wir den Bedarf nicht decken können. Wir erwarten sehr große Versorgungsprobleme, welche kritischer als im Vorjahr sind.«

Andreas Schneider, Geschäftsleiter von BMK, bezeichnet die eigene Auftragslage ebenfalls als super – »nur wissen wir, dass sie 2022 nicht vollständig realisiert werden kann, da es die aktuelle Marktsituation mit den genannten Störungen in der Lieferkette gekoppelt mit vielfachen Preiserhöhungen nach wie vor nicht möglich macht«, gibt er zu bedenken. Auch er prognostiziert weiterhin Lieferengpässe »teilweise bis mindestens 2023. Der Brokermarkt wird leerer und Preise steigen in Dimensionen, die sich nie jemand hätte vorstellen können«. Andreas Schneider sieht zwar wie einige seiner Branchenkollegen in manchen Produktsegmenten positive Signale, aber speziell der Halbleiter- und der Power-Bereich sind seinen Worten zufolge »nach wie vor sehr kritisch«.

Eine Entspannung der Versorgungslage sieht auch Stefan Schneider, Geschäfsführer der TQ-Group, kurzfristig noch nicht. »Wir denken, dass dieser Zustand noch bis 2023 andauern wird. Und selbst wenn wir vereinzelt bei diversen Warengruppen eine gewisse Beruhigung beobachten, kann man aus unserer Sicht auch bei diesen einzelnen Komponenten noch nicht von einer Normalisierung der Lage sprechen.«

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Andreas Schneider, BMK: »Unsere Auftragslage ist super - nur wissen wir, dass sie in 2022 nicht vollständig realisiert werden kann.«
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Auch Arthur Rönisch, Geschäftsführer von duotec, rechnet noch bis weit in das 4. Quartal 2022 mit einer massiven Unterdeckung von Bauelementen: »Die Marktlage hat sich zum Jahreswechsel verschärft. Wir sind bereits dazu übergegangen, unseren Kunden die Platzierung von Aufträgen für das Jahr 2023 zu empfehlen.« Eine Verschärfung der Lage zum Jahreswechsel bestätigt auch GPVs Executive VP Thomas Kaiser. Er vergleicht die Situation mit einem »langen und dunklen Tunnel«, an dessen Ende noch kein Licht in Sicht sei. So empfiehlt auch GPV seinen Kunden bereits, bis ins Jahr 2023 zu planen.

Reicht der Kapazitätsaufbau?

Rainer Koppitz, CEO von Katek, beurteilt die Situation optimistischer: Zwar hätte sich seine Annahme, dass 2021 der Höhepunkt der Knappheit eintritt und es dann langsam eine erste Entspannung gibt, u. a. wegen Omikron-Lockdowns in Asien nicht bewahrheitet. »Aber wir sehen auch, dass viele Kapazitäten unserer Lieferanten ans Netz gehen in den nächsten Monaten, und rechnen daher damit, dass wir ab Q3 wieder deutlich höhere Mengen erhalten können. Nicht 100 Prozent der enorm hohen Bedarfe, aber 70 bis 80 Prozent.«

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Arthur Rönisch, Turck duotec: »Die Marktlage hat sich zum Jahreswechsel verschärft. Wir sind bereits dazu übergegangen, unseren Kunden die Platzierung von Aufträgen für das Jahr 2023 zu empfehlen.«
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In der Tat arbeiten die Halbleiter- und andere Hersteller an vielen Stellen daran, Kapazitäten aufzubauen. Allerdings kommen diese nicht sofort zum Tragen. Gleichzeitig ist Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics, davon überzeugt, »dass die Bedarfe nach Elektronik weiterhin hoch sein werden und die dafür notwendigen Fertigungskapazitäten für aktive und passive Komponenten noch nicht ausreichend sind. Somit werden uns auch zukünftig Engpässen in der Materialversorgung und lange Wiederbeschaffungszeiten begleiten.« In Anbetracht der Fülle an neuen Elektronik-Applikationen ist dieser Einwand absolut berechtigt. Ob die sich in Planung oder Aufbau befindlichen Fertigungskapazitäten mittelfristig ausreichen, um die enormen Bedarfe zu decken, darf bezweifelt werden.

Auch Frachtkapazitäten fehlen nach wie vor

Und es fehlt nicht nur an Fertigungskapazitäten. Nach wie vor verschärfen Logistik-Probleme das Geschehen: »Pandemiebedingte knappe Frachtkapazitäten, Staus in und vor den Häfen und auf Bahnstrecken aufgrund nicht verfügbarer bzw. ‚irgendwo anders’ stehender leerer Container und ein Mangel an Frachtflugzeugen«, so Roland Hollstein. »Die Folge sind stark steigende Frachtkosten und erhebliche Verzögerungen.« Und ob die Transportmittel-Kapazitäten in dem Maße jemals wieder zur Verfügung stehen werden wie vor Ausbruch der Corona-Pandemie, bleibt fraglich.

Rainer Koppitz mahnt die EMS-Branche abschließend, auch bzw. vor allem in diesen Zeiten gegenüber den Kunden volle Transparenz zu zeigen: »Vielfach werden aktuell Aufträge angenommen, die alleine von der Produktionskapazität aufgrund der hohen Auslastungen niemals fristgerecht abgearbeitet werden können. Das kann ein böses Erwachen geben und auch zu einem weiteren Aufbau der Materialläger führen, für den aber vielfach die Mittel fehlen.«

 

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