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Lehren aus der Covid-19-Pandemie für die Lieferkette

25. November 2020, 08:30 Uhr   |  Ralf Higgelke

Lehren aus der Covid-19-Pandemie für die Lieferkette
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Michael Ackers, Direktor für Unternehmensentwicklung, Central Europe, Sanmina

Die Covid-19-Pandemie beeinflusst die Art und Weise, wie Hersteller, Zulieferer und Partner zusammen arbeiten, tiefgreifend und nachhaltig. Welche Lehren wir aus dieser Pandemie ziehen sollten, erörtert Michael Ackers, Direktor für Unternehmensentwicklung bei Sanmina.

Rückblickend auf das letzte Jahrzehnt gehören dazu die verheerenden Auswirkungen der schweren Überschwemmungen während des Tsunami 2011 in Japan und in jüngster Zeit die Materialknappheit 2018 durch die weltweit gestiegene Nachfrage. Heute ist jedoch klar, dass die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie die Art und Weise, wie Hersteller, Zulieferer und Partner zusammen arbeiten, tiefgreifend und nachhaltig beeinflussen werden. Aufgrund ihrer Einzigartigkeit tritt die Pandemie weiterhin in verschiedenen Regionen auf und wirkt sich sowohl auf die Kontinuität des Geschäftsbetriebs als auch auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer aus.

Als Covid-19 Ende 2019 zum ersten Mal in Erscheinung trat, gerieten die alltäglichen Aktivitäten in der Lieferkette in Aufruhr. Die Materiallieferungen verlängerten sich aufgrund von den Regierungen in verschiedenen Regionen erzwungenen Sperren und Flugverbote von fünf auf 15 Tage und damit auch die Vorlaufzeiten bei den Zulieferern. Zudem halbierte sich die Frachtkapazität in den ersten Monaten der Pandemie.

Zum Ausgleich mussten die OEMs hohe Aufschläge zahlen, um sicherzustellen, dass Produkte und Materialien pünktlich geliefert werden. EMS-Anbieter mit guten Lieferantenbeziehungen konnten zwar Alternativen finden, um in den ersten Monaten der Pandemie Teile geliefert zu bekommen, aber als regionale Sperren folgten und zunahmen, wurden auch diese Unternehmen durch die geringere Kundennachfrage beeinträchtigt.

Widerstandsfähigkeit der Lieferkette erhöhen

Ein Aspekt, den die Covid-19-Pandemie aufgezeigt hat, ist die Gelegenheit, die bisherige Arbeitsweise zu überdenken. Jetzt ist es an der Zeit, neu zu bewerten und zu bestimmen, wie die Lieferkette anders funktionieren kann, um den zukünftigen Herausforderungen bei der Beschaffung am effektivsten zu begegnen. Zu den zu berücksichtigenden Bereichen gehören:

Engere Zusammenarbeit: In der Vergangenheit haben viele Organisationen in der Lieferkette zu viel nach innen gearbeitet. Das muss sich ändern. OEMs sollten sich eng mit Partnern, Lieferanten und ihren eigenen Kunden vernetzen, um in Zukunft erfolgreich zu sein. Eng verzahnte Beziehungen erleichtern in komplexen Lieferketten mit vielen Einflussfaktoren eine schnellere Entscheidungsfindung, während gleichzeitig die negativen Auswirkungen unerwarteter Ereignisse abgefedert werden können.

Sanmina beispielsweise führte während des ersten Höhepunktes der Covid-19-Pandemie wöchentliche Gespräche mit Zulieferern, um sich Produktionskapazitäten für Komponenten zu sichern, sodass die Teile früher ausgeliefert werden konnten. Die Lieferanten verstanden diese Bedürfnisse von Sanmina und wie wichtig die Lieferung der Teile war. Dadurch konnte das Unternehmen das liefern, was die Kunden benötigten. Während der kritischsten Zeiten der Pandemie ließen sich dadurch Bedarfsschwankungen decken.

Multiregionale Fertigung: Obwohl die Verlagerung oder Einrichtung von Fertigungen in eine neue Region bzw. Regionen mit erheblichen Kosten verbunden ist, hat die Geschichte gezeigt, dass die Abhängigkeit von einem einzigen Standort das Risiko aufgrund unerwarteter lokaler Entwicklungen oder geopolitischer Faktoren tatsächlich erhöht. OEMs sollten mittel- und langfristige Prioritäten in ihre Geschäftsmodelle integrieren, um den richtigen multiregionalen Ansatz zu entwickeln.

Für OEMs mit einem großen Kundenstamm in Europa kann es sinnvoll sein, den Großteil der Produktion in kosteneffiziente Gebiete Europas zu verlagern, um die Lieferkette zu verkürzen und eine starke Grundlage zu schaffen, die solch großen Ereignissen wie Covid-19 standhalten kann. Durch die Nähe zu Zulieferern und EMS-Anbietern können OEMs flexibler reagieren und die Auswirkungen sich schnell verändernde Situationen besser kontrollieren.

Versorgungssicherheit: Jeder möchte Lagerware sofort und so billig wie möglich haben, aber es gibt unweigerlich Kompromisse, wenn unvorhergesehene Ereignisse wie eine globale Pandemie eintreten. Da es den aktuellen Prognosen an Transparenz mangelt, sollten OEMs — im Gegensatz zu den derzeitigen Just-in-Time-Fertigungsmodellen — eine langfristige Beschaffung in Betracht ziehen. Ein Szenario, mit dem sich das Risiko reduzieren ließe, wäre die Einrichtung von regionalen Fertigungen mit strategischen Lagern in der Nähe des Kundenstamms, kombiniert mit einer geeigneten Mehrfachbeschaffung von Teilen, die das Geschäft auf mehrere genehmigte Lieferanten verteilt.

Flexible Produktdesigns: OEMs müssen das Gesamtbild betrachten und Produkte für alle Aspekte der Fertigung, Prüfung und Beschaffung entwerfen, einschließlich der Berücksichtigung von Beschränkungen in der Lieferkette. Dies erfordert Beiträge von Zulieferern und Vertragsherstellern über die Verfügbarkeit von Materialien, Kosten und alle regionalen Faktoren, die sich auf den Betrieb auswirken könnten. Mehrere Preisoptionen während der Entwurfsphase eines Produkts zu berücksichtigen erleichtert es, alternative Komponenten oder Materialien in Betracht zu ziehen. Bei dem Versuch, später Anpassungen an einem Produkt vorzunehmen, können nur etwa 15 Prozent des Produktpreises geändert werden.

Fokus auf die Gesamtbetriebskosten: Anstatt sich nur auf den Produktpreis zu konzentrieren, ist es wichtig, den gesamten Produktlebenszyklus zu verstehen, um die Mengenerwartungen genau zu verstehen. Zu den zu berücksichtigenden Faktoren gehören neben dem Preis auch die Vorlaufzeiten der Komponenten, die Zykluszeiten in der Fertigung, die Flexibilität der Lieferanten, Teile innerhalb der Vorlaufzeit zu liefern, die Losgröße und die Transitzeit.

Digitale Transformation: In Szenarien, in denen physische Besprechungen nicht möglich sind, ist die Nutzung digitaler Plattformen, vereinheitlichte Kommunikation und die Cloud für verbesserte Sichtbarkeit, Transparenz und Echtzeitdaten über Unterbrechungen in der Lieferkette von entscheidender Bedeutung. Mit nur wenigen Klicks können wichtige Beteiligte auf Informationen aus der gesamten Lieferkette bis hinunter zu den Rohstoffen zugreifen. Mit einem einzigen IT- und Qualitätsmanagement-System, das verschiedene Regionen miteinander verbindet, können Unternehmen von einem Blick aus der Vogelperspektive auf Bestand und Produktion profitieren.

Wichtige Geschäftspraktiken wie Werksbesichtigungen und die Auswahl von Lieferanten können auch virtuell stattfinden, mit Interaktion und Verhandlungen in Echtzeit, um Geschäfte sicher und effizient abzuwickeln. Durch die Implementierung eines Cloud-basierten Fertigungsausführungssystems (MES) können Unternehmen die Zusammenarbeit mit EMS-Anbietern bei der Produktgestaltung und -entwicklung fördern sowie den Betrieb der Fabrik automatisieren und überwachen.

Durch die Nutzung der Cloud lassen sich auch Qualität und Effizienz während der Produktion verbessern, wobei vorprogrammierte Produktionsparameter automatisch in Echtzeit zwischen Maschinen und der Cloud kommuniziert werden. Echtzeit-Warnungen können auch sofort an das Schlüsselpersonal gesendet werden. Damit lassen sich Fehler oder Inkonsistenzen identifizieren, um schnell und auf Basis von Daten eine Entscheidung treffen zu können. Die Historie jeder Komponente, jedes Produktionsschrittes und jedes Eingriffs eines Mitarbeiters für jedes Produkt wird ebenfalls automatisch gespeichert und ist von der Cloud aus leicht zugänglich, wodurch die Rückverfolgbarkeit für stark regulierte Produkte gewährleistet ist.

Anpassung an Kundenbedürfnisse

Bei unerwarteten Ereignissen wie der Covid-19-Pandemie sind es die OEMs, die alle Inputs aus der gesamten Lieferkette berücksichtigen und Zugang zu Zulieferern haben müssen und die sofortige Anforderungen erfüllen können, damit sie ihre Produkte pünktlich liefern können.

Die OEMs, die dabei gewinnen werden, sind diejenigen, die die Wünsche ihrer Kunden genau kennen und ihre Strategie kontinuierlich anpassen, um diese Bedürfnisse rasch zu erfüllen. Sich auf die Technologie oder den innovativen Charakter eines Produkts zu verlassen, reicht als Wettbewerbsvorteil nicht mehr aus; Geschwindigkeit und Qualität des Dienst am Kunden sind entscheidend.

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