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EMS-Industrie zur Liefersituation

»Ein betriebswirtschaftlicher Alptraum«

28. Juni 2021, 08:38 Uhr   |  Karin Zühlke

»Ein betriebswirtschaftlicher Alptraum«
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Die EMS-Industrie hat die Coronakrise bisher meist relativ gut überstanden. Einige Firmen, darunter Katek und Turck duotec, haben sogar kräftig Firmen oder Beteiligungen zugekauft und/oder melden wie GPV und Katek Rekordergebnisse für 2020 und das erste Quartal 2021.

Doch über den vielerorts vollen Auftragsbüchern und der ungebrochenen Innovationsfreude der Branche schwebt unerbittlich das Damoklesschwert der Materialverfügbarkeit.

Knapp ist inzwischen eigentlich alles, was man für die Produktion von Elektronikbaugruppen benötigt – bis hin zum Spezialkleber und Kunststoffgranulat. Die Gründe für die Verknappung sind vielschichtig: eine Melange aus starken Nachholeffekten, Mehrbedarf für Applikationen rund um die Digitalisierung, in der Krise abgebauten Kapazitäten für die Bauteilefertigung, Rohstoffengpässen und reduzierten Logistik-/Frachtkapazitäten haben sich zu einer noch nie dagewesenen Misere potenziert. Auch der erneute Lockdown in Malaysia und ein von den Abfertigungsmengen überforderter Zoll in China tun ihr Übriges.

Die Beschreibung der Situation mutet demnach fast apokalyptisch an: »Die Lage ist teilweise katastrophal und das auf allen Ebenen. Leiterplatten sind zwar verfügbar, sind aber durch gestiegene Rohstoffpreise teurer geworden. Vor allem aktive Bauteile und Displays haben mitunter astronomische Lieferzeiten von zwei Jahren oder sind gar nicht verfügbar. Und selbst C-Teile und manches Standardverbrauchsmaterial wie Silikon ist schwer zu bekommen«, schildert Roland Hollstein, Geschäftsführer beim mittelständischen EMS Grundig Business Systems.

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© Grundig Business Systems GmbH

Roland Hollstein, Grundig Business Systems: »Wir hätten die Kundenaufträge, können aber wegen des fehlenden Materialzulaufs – manchmal von nur einem Bauteil – nicht liefern, ein betriebswirtschaftlicher Albtraum!«

Besonders bitter wird es für all diejenigen, die ihre vollen Auftragsbücher nicht abarbeiten können, weil das Material fehlt. »Wir hätten die Kundenaufträge, können aber wegen des fehlenden Materialzulaufs – manchmal von nur einem Bauteil – nicht liefern, ein betriebswirtschaftlicher Albtraum!«, klagt Hollstein. Doch was der Chef von Grundig Business Systems beschreibt, ist mitnichten ein Einzelschicksal oder allein ein Problem von KMUs, die weniger durch ihre Einkaufsmarktmacht punkten können als die EMS-Granden. So berichtet Rainer Koppitz, CEO von Katek, inzwischen einer der Top 10 EMS in Europa Ähnliches: »Die Auftragsbücher sind krachend voll und die Kunden bestellen, was das Zeug hält. Aber wenn nur eine Komponente fehlt, können Sie die Baugruppe nicht bauen. Wir hätten im April und Mai an einigen Standorten fast doppelt so viel Umsatz machen können, wenn wir alle Teile gehabt hätten.« Das Problem existiere an fast allen Standorten angeführt vom Automotive-Bereich, aber auch Solar und andere Segmente sind betroffen. »Wir kommen zwar sicher besser an Bauteile ran als unsere kleineren Wettbewerber, aber spurlos an uns vorbeigehen wird das Problem nicht«, so Koppitz.

Auch Bo Lybaek, CEO von GPV, ebenfalls aus der Top 10 EMS-Riege Europas, sieht in der Materialknappheit bei einem gleichzeitigen Rekordhoch der Auftragsbestände die aktuell größte Herausforderung für sein Unternehmen: »Materialien werden verspätet geliefert, oft auch als Teillieferungen und anders als bestellt, was eine punktgenaue Lieferung an unsere Kunden erschwert. Jeder innerhalb der Organisation arbeitet mit vollem Einsatz daran, die Situation so gut wie möglich zu bewältigen.«

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© Katek

Rainer Koppitz, Katek: »Die Auftragsbücher sind krachend voll und die Kunden bestellen, was das Zeug hält. Aber wenn nur eine Komponente fehlt, können Sie die Baugruppe nicht bauen. Wir hätten in April und Mai an einigen Standorten fast doppelt so viel Umsatz machen können, wenn wir alle Teile gehabt hätten.«

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© BMK

Michael Geirhos, BMK: »Die Situation bleibt sehr herausfordernd für uns und unsere Branche. Die Thematik wird von Monat zu Monat schwieriger und wird uns im Laufe des Jahres noch viel abverlangen.«

Besserung? »Steht in den Sternen«

Und wie geht es weiter? Eine wirklich optimistische Sicht auf die Verfügbarkeitssituation gibt es an dieser Stelle nicht. Die von Markt&Technik befragten Firmen teilen einhellig die Skepsis, dass sich die Verknappung schnell dem Ende nähern könnte. »Je länger der Engpass anhält, desto mehr Verzweiflung ist am Markt zu spüren, und wir sind noch lange nicht am Ende der Allokation«, prognostiziert Michael Geirhos. Und Rainer Koppitz spricht von einer schwierigen Situation bis mindestens Ende des Jahres: »Niemand in der Industrie glaubt ernsthaft, dass der Spuk plötzlich enden wird.« Arthurh Rönisch geht sogar noch etwas weiter: »Bei den meisten Allokationssituationen war es so, dass sich nach zwölf Monaten alles beruhigt hatte. Heute ist es aus meiner Sicht anders. Ich würde Stand heute nicht garantieren, dass sich in zwölf Monaten schon wieder alles beruhigt hat. Ob die Hersteller ihre Kapazitäten dann soweit ausgebaut haben, dass sie uns wieder so beliefern können, wie wir das brauchen, steht noch in den Sternen…«

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1. »Ein betriebswirtschaftlicher Alptraum«
2. »Das kostet Kraft, Zeit und viel Geld«

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