EMS-Diskussionsrunde zum EU Chips Act

"Gut gemeint, aber am Industriebedarf vorbei"

28. September 2022, 16:31 Uhr | Karin Zühlke
Hinsichtlich des EU Chips Act waren sich die Teilnehmer des EMS-Forum der Markt&Technik weitgehend einig.
Hinsichtlich des EU Chips Act waren sich die Teilnehmer des EMS-Forum der Markt&Technik weitgehend einig.
© WEKA FACHMEDIEN

Was bringt der EU Chips Act für die Elektronikproduktion in Deutschland und Europa wirklich? Diese Frage diskutierten die Teilnehmer des EMS-Forums der Markt&Technik aus Anwendersicht.

Die Quintessenz: prinzipiell eine gute Idee. Aber es hagelt auch Kritik. Denn die industriellen Wertschöpfungsketten Europas und die damit einhergehenden Bedarfe für industrielle Applikationen, wie sie in Europa gefertigt werden, berücksichtigt der Chips Act nicht.

Dabei erklärt die EU-Kommission in ihrem offiziellen Statement: »Mikrochips sind für zentrale industrielle Wertschöpfungsketten von strategischer Bedeutung. Der EU Chips Act soll Europas Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz in puncto Halbleitertechnologien und -anwendungen erhöhen und so einen Beitrag zum digitalen und ökologischen Wandel leisten.«

Halbleiter sind aber bekanntlich nicht gleich Halbleiter. »Die Politik hat mit viel Mühe verstanden, was ein Chip ist«, bringt Michael Velmeden, CEO von cms electronics, die Ausgangsbasis auf den Punkt. Aber es fehle in den politischen Gremien das Detailwissen über die Wertschöpfungsketten und über den tatsächlichen Bedarf für die industrielle Elektronikfertigung. Das, so der einhellige Tenor der Teilnehmer, spiegele sich im Chips Act deutlich wider: Bei dessen Ausgestaltung wurde die Anwenderseite nicht gehört. »Wir haben als österreichisches Unternehmen versucht, in Österreich über die Politik die Bedarfsseite in den Chips Act mit einzubringen; das ist uns leider nicht gelungen.« Carsten Ellermeier, CEO von Prettl Electronics, sieht im Chips Act denn auch lediglich ein »politisches Arrangement«. Ein Expertenrat, der die Ausgestaltung begleitet, wäre nach Ansicht der Diskussionsrunde sinnvoll und wichtig gewesen. Auch Vertreter der europäischen EMS-Branche hätten sich Gehör gewünscht: »Wir sind als EMS-Branche diejenigen, die die Innovationen der europäischen Industrie erst ermöglichen. Unser Anteil liegt inzwischen in Europa Marktzahlen zufolge bei 50 Milliarden Euro«, erläutert Xaver Feiner, Vice President Marketing & Sales von Zollner Elektronik.

Den Hauptkritikpunkt der EMS-Branche am Chips Act fasst Michael Ackers, Director Business Development von Sanmina, folgendermaßen zusammen: »Der EU Chips Act sieht vor, neue Fertigungen ins Land bzw. nach Europa zu holen. Die aktuelle Verknappung liegt aber in den ‚alten’ Technologien. Also in Strukturen von 25 Nanometer und deutlich höher. Die neuen Werke konzentrieren sich allerdings auf deutlich kleinere Strukturen, das heißt, die Verknappung wird damit nicht verändert.«

Der EU Chips Act ist auf kleinste Nanometer-Strukturen ausgelegt und fördert den Bau ebensolcher Halbleiterproduktionen in Europa. »Die Innovation liegt hier jedoch nicht in der Miniaturisierung, sondern in der Intelligenz im Produkt«, erklärt Ellermeier. Europa brauche nicht die Mikrochips fürs iPhone, die jetzt mit der Technologieförderung durch den Chips Act hier produziert werden können, so Ellermeier weiter. »Das ist nicht die Industriemasse, die wir für unsere Applikationen benötigen.« Er kritisiert überdies, dass der Chips Act nicht alle Prozesse der Halbleiterproduktion berücksichtigt bzw. fördert; so fehle das Packaging. Dieser Prozess wird daher weiterhin vor allem in Fernost durchgeführt und dürfte ein Flaschenhals bei der Halbleiterproduktion bleiben.

Im Endeffekt fördert der EU Chips Act Halbleitertechnologie, die vor allem in Asien benötigt wird, was auch aus Klimasicht auf Unverständnis stößt: »Wir alle haben den globalen Auftrag verstanden, was Klimaziele und den CO2-Footprint angeht, dass wir in dieser Hinsicht in Deutschland und Europa führend sein müssen. Aber wenn wir 2- oder 3-Nanometer-Technologien schlussendlich wieder exportieren müssen, weil diese Chips nicht hier, sondern in Consumer-Geräten im asiatischen Raum verbaut werden, dann passt das Gesamtbild nicht zusammen«, kritisiert Feiner. »Wir müssen auf unsere CO2-Footprints schauen, das ist unsere Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen. Das ist die soziale Verantwortung und auch die Herausforderung für unsere Kunden.« Das, so Feiner, bedeute aber auch, dass man die an sich gut gemeinte Grundidee des europäischen Chip Act ausweiten sollte auf weitere Schlüssel-Branchen für Europas Elektronikindustrie.

Dem pflichtet auch Andreas Schneider bei, Geschäftsleiter bei BMK, und verweist auf die Leiterplattenindustrie, die zumindest, was die größere Serienfertigung anbelangt, inzwischen fast vollständig aus Europa abgezogen ist. Die Abhängigkeit von Asien ist auch in diesem Punkt immens, und eine entsprechende Förderung durch einen »PCB Act« wäre wünschenswert. Allerdings gibt Schneider auch zu bedenken: »Wenn man in Deutschland bzw. Europa wieder eine komplette Supply Chain aufbauen will, dann muss man auch bereit sein, sie zu bezahlen. Im Moment sind wir im Angebotsmarkt, aber wenn sich das wieder massiv dreht, dann bleibt abzuwarten, wie sich das weiter entwickelt.«

Rüdiger Stahl, Geschäftsführer von TQ, sieht im EU Chips Act zwar ein Signal in die richtige Richtung, »aber kurzfristig wird uns das nicht helfen, dass bestimmte Quoten erreicht werden«. Stahl sieht den Nutzen des Chips Act vor allem darin, dass der Wettbewerb durch mehr Halbleiterfertigung in Europa angekurbelt wird. »Es könnte zumindest bewirken, dass uns nicht beliebige Preise abverlangt werden und beliebige Lieferzeiten vorgesetzt werden.« Auch Thomas Kaiser, EVP bei der GPV Group, sieht die Effekte eher langfristig und meint, dass diese erst »nach unserer Penionierung« spürbar werden. Weitere Ergebnisse des EMS-Forums lesen im EMS Guide 2022, der am 12. November erscheint.


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