Viele offene Stellen in der EMS-Branche

Arbeitskräfte händeringend gesucht!

7. November 2022, 15:00 Uhr | Karin Zühlke
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Fachkräfte sind seit Langem ein heiß umworbenes, weil knappes Gut in der EMS-Branche. Doch inzwischen sind auch wenig qualifizierte oder ungelernte Mitarbeiter schwer zu bekommen. Manager aus der Branche diskutieren über die Gründe.

»Aus dem Fachkräftemangel ist inzwischen ein Arbeitskräftemangel geworden«, fasst Andreas Schneider, COO Sales von BMK, zusammen. Und wie kam es dazu? Rüdiger Stahl, Geschäftsführer von TQ, nennt den demografischen Wandel als eine Begründung: »Es verlassen mehr Personen den Arbeitsmarkt, als neu hinzukommen.« Wer neu in die Branche kommt, den könne man mit einem Dreischicht-Betrieb nicht mehr locken, stellen die Manager der EMS-Diskussionsrunde einhellig fest. »Dafür bekommt man die Mitarbeiter nicht mehr motiviert.«

Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics, berichtet, dass es seiner Firma gelungen sei, die Schichtarbeit unter dem Begriff »versetzte Arbeitszeitmodelle« doch noch einigermaßen attraktiv zu machen. Aber inzwischen sei insbesondere der Nachwuchs auch unter dem Deckmantel des modernen Wordings nicht mehr für die Nachtschicht zu begeistern.

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Andreas Schneider, BMK: »Wir sind immer noch Hidden Champions. Die Firmennamen findet man fast nirgends.«
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Und neue Auszubildende wollen vor allem technologisch arbeiten und nicht mehr als Werker etwa in der THT-Bestückung eingesetzt werden. Das stellt auch Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, fest: »Solange man den Azubis eine Stelle in der Technologie anbietet, sind die gerne weiter dabei, aber mit den Händen zu arbeiten, das passt nicht in deren Weltbild.« Ähnlich sieht das auch Michael Velmeden: »Die Lehrlinge, die wir ausbilden, wollen Techniker sein, aber das klassische Arbeiten ist da einfach nicht mehr sexy genug.«

Limtronik hat nach den Worten von Gerd Ohl stets auch arbeitssuchenden und geflüchteten Menschen eine Chance gegeben und sie als Mitarbeiter an Bord geholt. Aber sogar in diesem Bereich wird die Luft dünn. »Seit Juni, Juli bekommen wir keine Vermittlungen mehr aus dem Langzeitarbeitslosensektor. Der Grund liegt wohl in einer Neuerung, dass Langzeitarbeitslose inzwischen nicht mehr mit Abzügen beim Bezug von staatlichen Hilfen rechnen müssen, wenn sie ein Jobangebot ablehnen.«

So stellt Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, ergänzend fest, dass es auch bei Leiharbeitsfirmen mittlerweile schwierig sei, Personal zu bekommen. »Es dauert dann viele Wochen, bis man erst jemanden vermittelt bekommt. Und schlussendlich mussten wir die Erfahrung machen, dass neue Mitarbeiter aus diesem Bereich einfach nach einem halben Tag den Arbeitsplatz wieder verlassen.«

Michael Ackers, Director Business Developement für Europa von Sanmina, sieht den Grund in einem einfachen Rechenbeispiel: »Nehmen wir 12 Euro Mindestlohn mal 168 Stunden, dann ist man bei 2000 brutto. Nach Abzug der Steuern ist man bei dem Betrag angelangt, den man vom Staat bekommt, auch ohne zu arbeiten. Und das wird mit dem Bürgergeld nicht besser.«

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Xaver Feiner, Zollner: »Es ist nicht so, dass wir aus Osteuropa noch unlimitiert Personal bekommen.«
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Mindestlohngetrieben

Die Herausforderung besteht darin, dass die EMS-Branche im Wesentlichen mindestlohngetrieben sei, merkt Andreas Schneider an. »Vielleicht ist die Erwartungshaltung und das, was die EMS-Branche zahlt, nicht mehr so ganz passend. Das ist schon ein Thema, dem wir uns stellen müssen. Wir erwarten Dreischicht und Wochenendarbeit, da ist Mindestlohn natürlich schwierig zu verargumentieren.« Muss also die Preisdisukssion in der Branche vor allem auch in Richtung der Kunden neu aufgerollt werden? »Wir gehen damit zumindest jetzt auch in die Kundendiskussion«, bekundet Schneider.

Allerdings gibt es auch EMS-Firmen wie Limtronik und cms electronics, die über dem Mindestlohn liegen. Bei Limtronik liege das am Haustarif mit der IG Metall, der in der untersten Lohngruppe mit 14 Euro beginnt. »Aber trotzdem ist es schwierig, Leute zu bekommen«, weiß Ohl. »Anscheinend ist es teils wirklich günstiger für die Leute, gar nicht zu arbeiten.« Punkten könne Limtronik beispielsweise durch einen zusätzlichen Fahrtkostenzuschuss. Cms electronics als ursprünglich österreichische Firma liegt nach den Worten von Velmeden »deutlich über dem deutschen Mindestlohn – und dennoch haben wir ähnliche Probleme. Trotz der Zuschläge – zum Teil sind das ja 100 Prozent! – möchten die Mitarbeiter nicht an den Wochenenden oder nachts arbeiten. Freizeit ist den Leuten wichtiger. Geld allein ist nicht ausschlaggebend.«

Und überdies sei die Lage auch in Deutschland nicht überall gleich, unterstreicht Carsten Ellermeier, CEO von Prettl Electroncis. Vorteile sieht er in grenznahen Regionen zu Osteuropa. »Es ist aber nicht so, dass wir aus Osteuropa noch unlimitiert Personal bekommen«, entgegnet Xaver Feiner, VP Sales & Marketing von Zollner Elektronik. Das Unternehmen hat einige seiner Werke in der Nähe der tschechischen Grenze. »Wir haben zwar Mitarbeiter aus Tschechien, aber wir müssen bedenken, dass wir sowohl im Nachbarlandkreis in Tschechien als auch bei uns im Landkreis Cham quasi Vollbeschäftigung haben.« Es sei also vor allem eine Frage der Attraktivität des Unternehmens und der Jobprofile, ob man Mitarbeiter noch für sich begeistern können, so Feiner. Zollner jedenfalls investiere sehr viel Aufwand ins Personalmarketing und beschäftige eine große Zahl an Azubis.

Extensives Personalmarketing ist ein wichtiger Baustein beim Mitarbeiter-Recruiting in der EMS-Industrie. Denn anders als die großen OEMs kann die Branche nicht oder kaum durch eine große Marke glänzen. »Wir sind immer noch Hidden Champions. Die Firmennamen findet man fast nirgends. Wir gehören in Augsburg zwar zu den größten Arbeitgebern, dennoch kennen uns die meisten Leute nicht«, fasst Andreas Schneider zusammen und umreißt damit ein nachhaltiges Problem der EMS-Branche haarscharf. Wo große OEMs etwaige Nachteile durch ihre Marke wieder wettmachen, steht die EMS-Branche noch oft im Schatten, obwohl sie als Enabler viele Applikationen der OEMs erst möglich macht. 
 


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