Geopolitische Faktoren beeinflussen EMS

»In der Krise hat sich Spreu vom Weizen getrennt«

2. November 2022, 9:15 Uhr | Karin Zühlke
Rüdiger Stahl
Rüdiger Stahl, TQ: »Wir sind in einer Sandwich-Position. Die Hersteller der Komponenten haben die Preise erhöht, die Distribution gibt die Erhöhungen cool weiter.«
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Die Liefersicherheit ist weiterhin ein großes Thema für die EMS-Industrie. Aber auch andere geopolitische Einflussfaktoren gewinnen an Bedeutung. Beim EMS-Forum wurden die Facetten diskutiert.

Wie wirkt sich die Geopolitik auf die EMS-Branche aus? »In der Krise hat sich die Spreu vom Weizen getrennt«, unterstreicht Rüdiger Stahl, Geschäftsführer von TQ. »Es gibt einen klaren Trend zurück nach Europa, das stellen wir schon seit Längerem fest: Verbindlichkeit, Engagement bei Problemlösungen, Kompetenz und Leistungsfähigkeit, etwa wer kann Software-Anpassungen durchführen, wer kann Alternativen qualifizieren, wird bei den Kunden sehr geschätzt.« Laut Stahl schätzen die Kunden wieder viel stärker den lokalen Service und die deutlich geringern Risiken einer Produktion in Europa, weil immer deutlicher wird, wie abhängig die Industrie in vielerlei Hinsicht von China und Asien ist. Noch vor einigen Jahren vergaben große OEMs bei der Lieferanten-Bewertung Maluspunkte, wenn der EMS das Produkt in Deutschland produzieren wollte. »Das ändert sich bzw. hat sich geändert, aber wir müssen aufpassen, dass das auch so bleibt. Und wir müssen auch aufpassen, dass wir die Abhängigkeit im Hinblick auf die Bauelemente-Versorgung reduzieren«, fasst Stahl zusammen.

Thomas Kaiser, Executive VP von GPV, sieht die Einflüsse der geopolitischen Unwägbarkeiten primär beim Risikomanagement. »In dieser Hinsicht investieren wir sehr stark in Business-Continuity-Konzepte. Auch die Regionalisierung spielt eine sehr große Rolle, und zwar Regionalisierung im globalen Kontext«, präzisiert Kaiser. Dabei sei Regionalisierung nicht im engeren Sinne so zu verstehen, dass man unbedingt beispielsweise in der DACH-Region produzieren müsse, sondern es gehe um »Produktion in den jeweiligen Zielmärkten«. Und diesen Weg sehe er bei den Kunden auch als nach wie vor priorisiert an. »Aber das muss alles im Einklang sein.« Kaiser ist auch überzeugt davon, dass die Flexibilität ein wichtiges Thema ist, die zukünftig einen Wettbewerbsfaktor darstellen wird.

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Michael Velmeden, cms electronics: »Unseren Kunden wir jetzt erst bewusst, dass die Sicherheit eine vermeintliche Sicherheit ist. Gleichzeitig gibt es inzwischen eine klarere Sicht auf die geopolitische Situation und deren Einfluss auf die Lieferketten.«
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Inwieweit wirken sich geopolitische Faktoren auch bei kleinen EMS aus? Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, hat viele Kunden aus der Region. Er spürt die allgemeine Lage etwa anhand von Entscheidungsspielräumen, die wieder deutlich verlängert werden. Die Politik in fernen Regionen dagegen habe eher weniger Einfluss, wenngleich die geopolitischen Themen in der Diskussion mit dem Kunden mitunter schon auch Gesprächsstoff seien.

Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, hat die großen globalen Konflikte schon im Fokus, auch für ihn als kleineres Unternehmen. »Denn wenn uns Lieferwege abgeschnitten werden, hängen wir genauso am Tropf wie die Großen. Als kleinerem EMSler ist die Nähe zum Kunden aber schon ein Vorteil.«

Liefersicherheit und neue Anforderungen

Die Lieferwege und die Liefersicherheit sind nach wie vor ein beherrschendes Thema. Die EMS-Industrie sei in dieser Hinsicht getrieben, meinen einige Teilnehmer. »Wir reagieren auf das, was vom Markt kommt, und müssen uns daher weiterentwickeln bei Lieferkonzepten und Konzepten zur Lagerung von Komponenten für Kunden«, so Andreas Schneider, Geschäftsleiter Vertrieb von BMK. Teils seien die EMS mit neuen Anforderungen konfrontiert, die die EMS-Welt vorher nicht hatte. Darauf, so Schneider, müsse man sich letztlich einstellen. Denn kaum jemand rechnet damit, dass in Kürze alles wieder normal sei. »Das hoffen wir seit zweieinhalb Jahren.«

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Michael Ackers, Sanmina: »Die Finanzierung kann nicht auf dem EMS beruhen, dafür sind Banken zuständig.«
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Michael Velmeden, cms electronics, sieht in den negativen Auswirkungen der Geopolitik, wie unterbrochene Lieferketten, auch Positives: Jetzt werde das Thema endlich auch breiter auf Kundenebene diskutiert. »Vorher hatten wir eine Einbahnstraße. Jetzt haben wir eine deutlich sensiblere Diskussion darüber. Unseren Kunden wird jetzt erst bewusst, dass die Sicherheit eine vermeintliche Sicherheit ist. Gleichzeitig gibt es inzwischen eine klarere Sicht auf die geopolitische Situation und deren Einfluss auf die Lieferketten.« Der Einkauf und die Fertigung von Komponenten konzentrieren sich sehr stark auf Asien. Auch europäische Komponenten-Hersteller lassen zum Teil in Asien als Dienstleistung fertigen. »Die Auswirkungen sind momentan belastend«, mahnt Velmeden. Nicht zuletzt die Lockdowns in einigen Regionen Asiens machen die Lieferkette virulent. »Wir haben alle Logistikwege genutzt, und plötzlich waren alle drei Möglichkeiten abgeschnitten: Per Schiff funktionierte aufgrund der Lockdowns nicht mehr, die Züge fuhren aufgrund des Russland-Krieges nichtmehr und auch die LKWs kamen nicht mehr vom Fleck«, so Velmeden.

Im Übrigen seien auch die Kapazitäten in China begrenzt, gibt Michael Ackers, Director Business Development für Europa bei Sanmina, zu bedenken. Der inländische Bedarf sei schließlich immens. Gleichzeitig sehe man, dass auch Firmen geläutert aus Asien wieder zurückkehren und in Europa produzieren möchten. Da sei man in der glücklichen Lage, dass man sich die Partner auf Kundenseite aussuchen könne: »Wir sind auch verhalten, was Investitionen angeht, denn wir wissen nicht, wie lange dieser Zug noch so fährt. Denn es gibt durchaus schon Signale, dass dieses stetige Wachstum nicht ewig anhalten wird.«

Ohl Gerd
Gerd Ohl, Limtronik: »Wenn uns Lieferwege abgeschnitten werden, hängen wir genauso am Tropf wie die Großen. Als kleinerem EMSler ist die Nähe zum Kunden aber schon ein Vorteil.«
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Den Nutzen der Globalisierung an sich stellen die Diskussionsteilnehmer freilich nicht grundsätzlich in Abrede. Aber es sei doch eine Frage, wie man miteinander umgehe – insbesondere beim Einkauf klagen die EMS-Firmen über zum Teil wenig partnerschaftlichen Umgang. Rüdiger Stahl formuliert es deutlich: »Der Nutzen der Distribution im letzten Jahr ist deutlich geringer geworden, weil der Beitrag der Distribution zur Lösung der Versorgungssituation abgenommen hat. Wir wurden bedarfsgerecht und flexibel versorgt, und das ist inzwischen alles weggefallen.«

Zu den Hauptkritikpunkten gehören laut Stahl die Preiserhöhungen, die unmittelbar weitergegeben werden. »Wir sind in einer Sandwich-Position. Die Hersteller der Komponenten haben die Preise erhöht, die Distribution gibt die Erhöhungen cool weiter. Das ist natürlich fragwürdig bei Konsignations-Lagerbeständen.« Aber die Lieferanten sitzen am längeren Hebel, Verträge hätten in dieser Hinsicht keine Rolle gespielt, meinen die Teilnehmer mehrheitlich. »Das ist ein sehr heikles Thema«, umschreibt Michael Velmeden die Situation. Aber die Ware nicht abzunehmen sei eben auch keine Option. »Wenn der eine es nicht abnimmt, nimmt es der nächste ab«, so der Tenor.

Auf den Mehrkosten bleiben die EMS meist selbst sitzen. Lediglich Einkäufe am Spot-Markt könne man an den Kunden unvermittelt durchreichen, aber ansonsten sei es schwierig, die Preiserhöhungen kundenseitig weiterzureichen, auch juristisch betrachtet. »Da kann man nur auf Fairness und nachhaltige Zusammenarbeit setzen«, erklärt Stahl. »Wir versuchen natürlich schon, die Kostensteigerungen weiterzugeben, aber nicht immer gelingt dies rechtzeitig. Wir hinken da definitv hinterher, was auf Kosten unseres Ergebnisses geht.«

»Für die Finanzierung ist nicht der EMS, sondern Banken zuständig«

Michael Ackers weist auf die deutlich längere Vorlaufzeit hin, in der der EMS das Material vorfinanzieren muss: »Früher hatte man zwölf Wochen Lieferzeit. Jetzt wartet man teils ein Jahr auf das Material und hat daher eine hohe Materialumsatzbelastung, weil noch kein Umsatz fließt. Jede Menge Mitarbeiter arbeiten an der Realisierung der Lieferkette, und das in Vorleistung.«

Sanmina gebe solche Ausgaben aber an den Kunden weiter. »Denn die Finanzierung kann nicht auf dem EMS beruhen, dafür sind Banken zuständig.« 


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