Temporärer Strompreisdeckel

»Strom ist Grundnahrungsmittel der Gesellschaft und Industrie«

7. Oktober 2022, 9:42 Uhr | Engelbert Hopf
Strompreisdeckel
Das System der Merit Order, bei dem das teuerste Kraftwerk den Preis für den Strom diktiert, funktioniert aktuell nicht mehr. In der Industrie wächst darum die Akzeptanz für eine temporäre Strompreisdeckelung. Gleichzeitig wird gefordert, die bisherige starre Koppelung des Strompreises an den Gaspreis dringend zu überarbeiten.
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Die deutsche Elektro- und Digitalindustrie mag im Allgemeinen relativ wenig energieintensiv sein. Doch die massiv steigenden Strompreise führen dazu, dass viele einem temporären Strompreisdeckel inzwischen positiv gegenüberstehen.

Anfang September forderte der VDMA angesichts massiv steigender Energiepreise in einem Brandbrief einen temporären Strompreisdeckel; der BDI veröffentlichte etwa zeitgleich eine Untersuchung, da sich rund ein Drittel der deutschen Industriebetriebe durch die steigenden Energiepreise in ihrer Existenz bedroht sahen. Ende September nun einigte sich die Ampelkoalition zumindest auf einen Gaspreisdeckel für private Verbraucher und die Industrie, für den sie 200 Milliarden Euro bereitstellt.

Bleibt die Frage, welche Auswirkungen die weiter steigenden Strompreise vor allem auf die in Deutschland fertigenden Unternehmen der Elektronikbranche haben. Und wie stehen ihre Vertreter zur Forderung eines Strompreisdeckels? Eine aktuelle Befragung dieser Zeitung förderte dazu ein durchaus gemischtes Bild zutage. So kann sich die Mehrheit der Befragten, auch wenn sie sonst gegen Markteingriffe ist oder genau diese fordert, zumindest mit einem mittelfristigen Strompreisdeckel anfreunden. Abgesehen von dieser temporären Maßnahme teilen sich die Antworten klar in Befürworter staatlicher Lenkungseingriffe und solche, die genau diese Eingriffe ablehnen, auf.

Nach Darstellung des ZVEI waren die Rückmeldungen aus der Elektro- und Digitalindustrie zu diesem Thema im September vergleichsweise gering. Auch weist der Branchenverband darauf hin, »dass die Branche relativ wenig energieintensiv« sei. Ein nicht dynamischer Strompreisdeckel müsse vermieden werden, so der ZVEI, vielmehr müssten bei Industriekunden die bisherigen Kriterien angepasst werden, insbesondere das Verhältnis der Energiekosten zum Umsatz von mindestens 3 Prozent. Das sei deutlich zu hoch bemessen und müsse reduziert werden. Darüber hinaus befürwortet der Branchenverband beim Strom wie beim Gas die Absenkung der Mehrwertsteuer auf 7 Prozent. Auch seien preisbelastende Umlagen und Abgaben zu streichen.

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Helge Puhlmann, Yamaichi Electroncis: »Ich könnte mir einen temporären Strompreisdeckel in dieser außergewöhnlichen Situation durchaus vorstellen. Es geht hier um die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes!«
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»Wir erleben seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine eine dramatische Verteuerung der Energiekosten«, so Herbert Schein, CEO von Varta. »Diese Preissteigerungen haben natürlich auch Auswirkungen auf unsere Produktionskosten, und wir sehen uns daher gezwungen, diese gestiegenen Kosten teilweise an die Kunden weiterzugeben.« Ein Strompreisdeckel, so seine Einschätzung, »kann nur kurzfristig helfen«; eine langfristige Lösung sieht er nur in einer Reform des Strommarktes und dem weiter vorangetriebenen Ausbau der erneuerbaren Energien. »Wir brauchen wesentlich mehr Angebote an dezentral und regenerativ erzeugtem Strom, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Stromerzeugung zu verringern.«

Thilo Hack, Vorstand von Ansmann, gibt zu Protokoll: »Ja, wir wurden zuletzt mit deutlichen Mehrkosten Faktor 6 konfrontiert und müssen für 2023 hier neue Verträge abschließen.« Er würde die Forderung nach einem temporären Preisdeckel für Strom unterstützen, »denn damit wäre eine gewisse Sicherheit gegeben und auch eine Basis da für die Nebenkosten der Gebäude und Produktion«. Eine Deckelung des Strompreises für Unternehmen, deren Energieverbrauch hoch in der Nettowertschöpfung ist, hält Herman Püthe, geschäftsführender Gesellschafter der inpotron Schaltnetzteile, für unbedingt erforderlich. »Bei uns liegt der Verbrauch an elektrischer Energie unter 1 Prozent der Nettowertschöpfung. Damit sind wir von der Gesamtbelastungssteigerung zwar getroffen, aber in der Auswirkung noch nicht elementar betroffen.«

Bei Block Transformatoren-Elektronik hat man, wie Kai Heinemann, Geschäftsleiter Entwicklung und Produktmanagement, erklärt, aktuell zwar noch einen Vertrag zu alten Konditionen; »als langjähriger Kunde der regionalen Stadtwerke befinden wir uns derzeit in einem engen Austausch mit den Stadtwerken und versuchen gemeinsam eine erträgliche Lösung zu finden. Sehr deutliche Kostensteigerungen sind aber heute schon sicher!«. Der Forderung nach einem Strompreisdeckel tritt er entgegen, würde ein solcher Eingriff doch die benachteiligen, die in der Vergangenheit durch lang laufende Verträge ihre Kosten fixiert und sich dadurch einen Marktvorteil verschafft hatten. »Im schlimmsten Fall müssten diese Versorger dann auch noch eine Umlage bezahlen, um den Deckel für andere Stromkunden zu finanzieren.«

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Herman Püthe, inpotron Schaltnetzteile: »Ein zwar hoher, jedoch kalkulierbarer Energiepreis stellt für die Unternehmen die einzig planbare und auch nachvollziehbare Lösung dar, um aktuell mit der Situation umgehen zu können.«
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Auch in Österreich versucht man sich rechtzeitig abzusichern, wie Martin Rausch, CTO von Recom, schildert: »Wir haben uns für unser Headquarter bereits im letzten Sommer bis zum 31. Dezember 2024 gesichert, desweiteren haben wir sowohl an unserem österreichischen wie an unserem italienischen Standort PV-Anlagen im Einsatz.« Wie Karsten Bier, der Eigentümer und CEO der Recom, hinzufügt, »sind unsere Fertigungsprozesse in Europa nicht sehr energieintensiv und damit überschaubar«. Anders sieht es an den asiatischen Standorten aus, wo Recom seine energieintensive Wertschöpfung konzentriert hat. »Dort gibt es keine Erhöhung der Stromkosten, da diese von der chinesischen und der taiwanischen Regierung subventioniert werden.«

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Bernhard Erdl, Puls: »Im November sollte in unserem Werk in Drebach bei Chemnitz die PV-Anlage stehen. Es gab Materialprobleme. Unser neuer Strompreis dort gilt ab dem 1. Januar 2023. Es wäre schön, wenn wir noch rechtzeitig fertig werden und einen Großteil unseres Bedarfs selbst decken könnten.«
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Auf die bei Weitem nicht so dramatische Preisentwicklung in China verweist auch Bernhard Erdl, Gründer und CEO der Puls-Gruppe. Er weist auch darauf hin, dass Puls in China unabhängig von den vergleichsweise niedrigen Stromkosten einen Großteil seines Strombedarfs in China vor Ort durch eine PV-Anlage deckt. Genau dieses Ziel strebt Erdl auch für das deutsche Werk in Drebach bei Chemnitz an. »Dort soll die Photovoltaik-Anlage im November stehen. Aktuell gab es noch Lieferprobleme. Der neue Strompreis gilt in Drebach ab Januar nächsten Jahres. Wir würden also mit der Fertigstellung der PV-Anlage gerade noch rechtzeitig fertig und könnten auch dort einen Großteil unseres Bedarfs selbst decken.« Der Forderung nach einem staatlichen Strompreisdeckel steht Erdl ablehnend gegenüber.


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