Potenzial im Energieumfeld

»Es muss vom Hirn in die Hand«

2. November 2022, 8:59 Uhr | Karin Zühlke
Xaver Feiner
Xaver Feiner, Zollner Elektronik: »Der Trend geht zu Design for Sustainability.«
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Neue Technologien rund um erneuerbare Energien bieten für die Elektronikindustrie Möglichkeiten mit den umsatzstärksten Zahlen. Einziges Problem: »Deutschland bekommt den Weg vom Hirn bis zur Hand, sprich: die praktische Umsetzung bzw. Produktion, oft nicht hin.«

So drückt es jedenfalls Michael Ackers, Director für Europa bei Sanmina, bei der EMS-Diskussionsrunde der Markt&Technik aus. Und weiter: »Wir arbeiten weltweit und sehen sehr viel Bewegung, das ist DER Markt in der Zukunft.« Sanmina habe schon vor einiger Zeit die Fühler in diese Richtung ausgestreckt und verspricht sich davon großes Potenzial. »Die großen Hersteller haben nicht mehr die Zeit, ihre Technologie selber zu entwickeln und an den Markt zu bringen. Unternehmen wie Amazon und Google sind hier einfach viel schneller und bringen ihre Produkte gemeinsam mit einem Dienstleister auf den Markt. Die großen Industriefirmen hier sind da oft einfach zu langsam. Da wird sich also noch viel tun.« Besonders spannend findet Ackers in diesem Zusammenhang die Startup-Szene, weil hier sehr viel Chancen für EMS liegen. Schließlich, so Ackers, seien Startups meist fabless; insofern ist es ein EMS, der das Entwickelte nachher produziert. »Das ist genau der Punkt, warum der EMS-Markt besteht und auch weiterhin existieren wird, das ist gar keine Frage. Wir sind absolut krisensicher!«

Gleichzeitig sieht Ackers auch noch viele Herausforderungen auf die Branche zukommen, wie den Mangel an Fach- und Arbeitskräften. Und schlussendlich stehe sich Deutschland auch oft selber im Wege, fasst Ackes zusammen: »Wir haben schon viele gute Ideen in Deutschland gehabt und haben sie immer noch. Wir haben das Hirn, bekommen die Umsetzung vom Hirn bis zur Hand aber nicht. Das war schon immer das Thema bzw. das Problem.«

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Ackers Michael
Michael Ackers, Sanmina: »Wir haben schon viele gute Ideen in Deutschland gehabt und haben sie immer noch. Wir haben das Hirn, bekommen die Umsetzung vom Hirn bis zur Hand aber nicht. Das war schon immer das Thema bzw. das Problem.«
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Auch Xaver Feiner, VP Sales & Marketing von Zollner, sieht enorme Chancen in den Erneuerbaren: »Der Bedarf steigt extrem, auch an Speichersystemen, weil die reine Energieerzeugung alleine das Problem nicht löst; auch der Bedarf an Wallboxen und Ladestationen nimmt durch die E-Mobilität zu.« Aber, so Feiner, man müsse auch achtsam sein, dass jetzt nicht jeder das Gleiche macht. Wozu das führt, habe man 2011 mit der PV-Krise gesehen, und unter der Marktbereinigung haben auch viele EMS gelitten. »Insofern müssen wir in neue Technologien investieren, damit wir auch hier wieder Technologie-Führer werden. Wir sehen auch, dass wir die Abhängigkeiten von China bei Batterien und Solarzellen reduzieren müssen. Und hier ist die Politik gefordert, um die Rahmenbedingungen zu schaffen.«

»Der Trend geht zu Design for Sustainability«

Ob Applikationen rund um erneuerbare Energien oder Industrie-Anwendungen: Andreas Schneider, Geschäftsleiter Vertrieb von BMK, sieht seine Branche als »Enabler für Innovation. Wo Innovation ist, ist auch die deutsche und europäische EMS-Industrie zu Hause«. Auch sieht er einen Trend hin dazu, dass die Kunden ihre Produkte mehr auf Energieeffizienz trimmen wollen. Das, so Schneider, sei eine Bewegung, die erst jüngeren Datums ist. »Vor einem Jahr haben die Kunden solche Diskussionen eher nicht geführt.«

Auch die anderen Teilnehmer der EMS-Runde stellen ein Umdenken ihrer Klientel fest: hin zu mehr Nachhaltigkeit, CO2-Neutralität und Refurbishment-Konzepten. »Der Trend geht zu Design for Sustainability«, fasst Xaver Feiner zusammen.

Kaiser Thomas
Thomas Kaiser, GPV: »Man kann nicht nur mit den bekannten Namen in die Zukunft gehen, sondern neue und innovative Themen müssen aus den Unis heraus begleitet werden.«
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Startups als Innovationsbaustein

Als wichtigen Baustein für die Innovationsfähigkeit sieht Philipp Mirliauntas, Geschäftsführer von duotec, die zahlreichen Startups, insbesondere bei Applikationen rund um Energiethemen. »All diese Player, die es derzeit auf dem Markt gibt, waren vor zehn Jahren Startups und nicht die großen Namen dieser Welt. Es gibt noch mehr, was in der Physik schlummert und ins Engineering muss und schließlich in die Industrialisierung. Und da stellt sich auch für uns die Frage: Wie mutig sind wir, wie umfangreich begleiten wir solche Entwicklungen, wie viele Startups nehmen wir unter unsere Fittiche?«

Mirliauntas berichtet von vielen Startups, die auf duotec zukommen. Duotec unterstützt einige von ihnen; dennoch, so der duotec-Geschäftsführer, müsse man auch die administrativen Herausforderungen, die finanziellen Risiken und das Marktrisiko der Startups mit einkalkulieren. Nach Ansicht von Mirliauntas muss sich jeder einzelne Unternehmer fragen, was er dazu beiträgt, um die nächsten großen Entwicklungen in den erneuerbaren Energien mit zu unterstützen. »Jeder von uns muss sich fragen, wie viel er sich zutraut.«

Auch andere EMS-Firmen in der Runde gehen auf die eine oder andere Weise Partnerschaften mit Startups ein. Bei GPV beispielsweise gehört der Support von Startups laut Thomas Kaiser, Executive Vice President von GPV, quasi zur DNA. GPV hat einen spezifischen Prozess, wie Startups qualifiziert werden; allerdings gibt es keine Beteiligungen. Die Unterstützung von Startups hält Kaiser dennoch für besonders wichtig: »Man kann nicht nur mit den bekannten Namen in die Zukunft gehen, sondern neue und innovative Themen müssen aus den Unis heraus begleitet werden.«

Prettl Electroncis hat sogar selbst ein Startup ausgegründet, das sich mit Ladeinfrastruktur beschäftigt. Konkret geht es dabei um Leistungselektronik in Kombination mit intelligenten vernetzten Systemen, nicht um Standalone-Ladesäulen. Weil der Wunsch nach Energieautarkie stark wächst, wären nach den Worten von Carsten Ellermeier, CEO von Prettl Electronics, Applikationen, die diesem Bedarf bis hin zur Energiegewinnung von PV in Hauskraftwerken nachkommen, in Kombination mit intelligenten Energiemanagementsystemen ein Exportschlager.


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