Stimmen zum »EU Chips Act«

Viel Lob und Kritik im Detail

9. Februar 2022, 9:10 Uhr | Heinz Arnold
Dirk Röhrborn, Vorstandsvorsitzender Silicon Saxony e. V.: »Die Industrie steht in den Startlöchern, bei IPCEI sowie bei anderen Investitionen. Es bleibt dabei, Geschwindigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.«
Dirk Röhrborn, Vorstandsvorsitzender Silicon Saxony e. V.: »Die Industrie steht in den Startlöchern, bei IPCEI sowie bei anderen Investitionen. Es bleibt dabei, Geschwindigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.«
© Silicon Saxony

Die Industrieverbände haben überwiegend positiv auf den »EU Chips Act« reagiert. Der ZVEI kritisiert allerdings scharf den zu engen Fokus, alle fordern, kräftig aufs Tempo zu drücken.

Und das nicht ohne Grund, denn die europäischen Halbleiterhersteller warten schon seit zwei Jahren darauf, mit IPCEI 2 (Important Project of Common European Interest) loslegen zu können. Dirk Röhrborn, Vorstandsvorsitzender des Silicon Saxony e. V., formuliert es so: »Die Industrie steht in den Startlöchern, bei IPCEI sowie bei anderen Investitionen. Es bleibt dabei, Geschwindigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg.« Also müsse die neue Bundesregierung bis März einen Haushalt vorlegen, dessen Budget den formulierten Ambitionen auch gerecht werde.

Über den »EU Chips Act« an sich freut er sich: »Hier legt die Europäische Kommission nun die Geschwindigkeit an den Tag, die dringend geboten ist, um im weltweiten Wettbewerb um Investitionen für neue Produktionskapazität nicht noch stärker ins Hintertreffen zu geraten.«

Wolfgang Weber, ZVEI: »Europa muss seine Kompetenz in allen Strukturgrößen stärken, so sind auch Leistungselektronik und Sensorik entscheidend für das Gelingen der grünen und digitalen Transformation.«
Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung: »Der Fokus auf Strukturgrößen unter 10 nm ist zu eng gewählt und geht am Bedarf der europäischen Abnehmerindustrie vorbei.« 
© ZVEI Alexander Grueber

ZVEI bemängelt den zu engen Fous

Auch der ZVEI freut sich grundsätzlich über den European Chips Act der Europäischen Kommission. Das Gesetz sei ein zukunftsweisendes, umfassendes Paket für die Halbleiterbranche und es sei richtig, jetzt das gesamte Halbleiter-Ökosystem in Europa nachhaltig zu fördern.

Dann aber folgt scharfe Kritik: »Allerdings ist der Fokus auf Strukturgrößen unter 10 nm zu eng gewählt und geht am Bedarf der europäischen Abnehmerindustrie vorbei«, beklagt Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. »Europa muss seine Kompetenz in allen Strukturgrößen stärken, so sind auch Leistungselektronik und Sensorik entscheidend für das Gelingen der grünen und digitalen Transformation.« 

Kriesenmechanismus untergräbt Wirtschaftsordnung

Kritisch sieht der ZVEI zudem den geplanten Krisenüberwachungsmechanismus. Die im Regulierungsentwurf vorgesehenen weitreichenden Markteingriffsmöglichkeiten durch die Europäische Union, die damit sogenannte Halbleiterkrisen ausrufen darf und dann einzelne Hersteller gegebenenfalls dazu verpflichtet, spezifische Aufträge zu priorisieren, sind unverhältnismäßig. Weber: »Das untergräbt die grundlegende Wirtschaftsordnung und verkennt neben rechtlichen Bedenken zudem, dass sich die Halbleiterproduktion technisch nicht mal eben umstellen lässt.« 

Webers Fazit: »Der EU Chips Act ist auch ein Weckruf, um die Mikroelektronikbranche in Europa endlich nachhaltig zu stärken und einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden«, so Weber. Und ähnlich wie Silicon Saxony mahnt auch rr: »Aber erst im Zusammenspiel mit den IPCEIs und der geplanten Halbleiterallianz sowie einer aktiveren Einbindung der Industrie, besteht die Chance, den angestrebten weltweiten Anteil von 20 Prozent an der Halbleiterproduktion in Europa bis 2030 zu erreichen.« 

2019 hatte der Umsatz mit Halbleitern in Europa 19 Mrd. Euro erreicht. Davon entfielen 37 Prozent auf Automotive-ICs, 25 Prozent des Umsatzes entfiel auf Chips für den Einsatz in der Industrie.
2019 hatte der Umsatz mit Halbleitern in Europa 19 Mrd. Euro erreicht. Davon entfielen 37 Prozent auf Automotive-ICs, 25 Prozent des Umsatzes entfiel auf Chips für den Einsatz in der Industrie.
© ESIA

ESIA: »Möglichst schnell umsetzen!«

Auch die ESIA (European Semiconductor Industry Association) ruft zur schnellen Umsetzung auf. Das Europäische Parlament und der Rat sollten ihre Arbeit beschleunigen, damit einer zeitnahen Annahme des »European Chips Act« nichts im Wege steht. Die schnelle Umsetzung sollte nun die höchste Priorität für die EU haben. 

Außerdem fordert die ESIA die EU-Politiker auf, sicher zu stellen, dass die R&D-Programme auch tatsächlich auf die Bedürfnisse der europäischen Industrie ausgelegt werden. Nur so ließen sich die europäischen R&D-Aktivitäten, die sich auf Weltniveau befänden, auch in Innovationen umsetzen, die der gesamten Industrie in der EU zugute kämen.  

Allerdings: Wenn die EU-Politiker und Entscheidungsträger nicht von der schnellen Entwicklung solcher Programme in anderen Weltregionen zurückgelassen werden wollten, müsse die Umsetzung des European Chips Act sehr schnell erfolgen. Die Wettbewerber in anderen Regionen warten nicht. 

Achim Berg, Präsident Bitkom
Achim Berg, Präsident Bitkom: »Das Tempo europäischer Strategieinitiativen ist entscheidend für den erfolgreichen Ausbau der digitalen Infrastruktur, wobei die Anforderungen an Rechenleistung, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit überproportional ansteigen.«
© Bitkom

Bitkom: »Ein Meilenstein«

Für Europa und Deutschland müsse es darum gehen, im Wettbewerb um Technologien und Innovationen auf Augenhöhe mit globalen Vorreitern wie den USA und Asien zu gelangen – als starker, selbstbewusster, digital souveräner Player, wie Achim Berg, Präsident des Bitkom, in einem Statement erklärte: »Wichtig ist dabei, die Offenheit gegenüber dem Weltmarkt und komplexen globalen Lieferbeziehungen zu bewahren.«

Und auch er betont den Zeitfaktor: »Das Tempo europäischer Strategieinitiativen ist entscheidend für den erfolgreichen Ausbau der digitalen Infrastruktur, wobei die Anforderungen an Rechenleistung, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit überproportional ansteigen.«

Insgesamt lobt er den »EU Chips Act« als einen wichtigen Meilenstein. Denn er ziele auch auf die Diversifizierung der Lieferketten und die Stärkung von wechselseitigen Abhängigkeiten, um internationale Partnerschaften auf Augenhöhe zu etablieren. »Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Deutschland und Europa, um im Rahmen einer vernetzten globalen Wertschöpfung souverän zu handeln und zwischen alternativen vertrauenswürdigen Partnern selbstbestimmt und selbstbewusst entscheiden zu können«, so sein Fazit. 

ASML: Roadmap definieren!

ASML unterstützte den EU Chips Act voll und ganz, heißt es in einer Mitteilung des weltweiten Marktführers auf dem Gebiert der Lithografiegeräte mit Sitz in den Niederlanden. Voraussichtlich wird der IC-Markt bis zum Ende der Dekade auf einen Umsatz von 1000 Mrd. Dollar pro Jahr kommen. Werde nichts unternommen, so würde Europa mit einem Anteil von dann 4 Prozent an der weltweiten Produktion marginalisiert. Den Anteil bis dahin auf 20 Prozent zu vervierfachen, sei ein ambitioniertes Ziel.

Dazu sollte der Chips Act nicht nur auf die IC-Produktion abzielen, sondern die Relevanz Europas in der globalen Halbleiterlieferkette im Auge haben. Dazu sei eine langfristige Innovation-Roadmap erforderlich. Sie müssten die Halbleiterhersteller, ihre Kunden in den großen europäischen Endmärkten, die weltweit führenden Hersteller von Equipment und Materialien für die Chip-Fertigung sowie Forschungsorganisationen und die Politik gemeinsam aufstellen. Dies sollten die Ziele sein:

  • Das Potenzial der bestehenden europäischen IC-Design- und Equipment-Champions voll entfalten.  
  • In das europäische Ecosystem zu investieren, um Europas Position in den globalen Endmärkten zu stärken.
  • Investitionen Sowohl in den Ausbau ausgereifter als auch in den Aufbau fortschrittlicher Halbleiterproduktionen in Europa zu investieren.
  • Den europäischen Standort so attraktiv zu machen, dass die weltweit führenden IC-Herstellern hier in neue Fabs investieren.
  • Die entsprechenden europäischen Forschungsinstitute für die Entwicklung von Fertigungsprozessen auszubauen.

SEMI lobt

Der internationale Verband SEMI (Semiconductor Equipment and Materials International) ist voll des Lobes: »Die SEMI unterstützt den European Chips Act und vergleichbare Gesetzesinitiativen, die darauf angelegt sind, die weltweite Halbleiterindustrie zu stärken und die Lieferkette robuster zu machen«, sagt Ajiot Manocha, President und CEO der SEMI. Laut Laith Altimime, President der SEMI Europe, kommt das europäische Gesetz zur rechten Zeit, um die europäische Halbleiterindustrie zu stärken. »Die SEMI Europe freut sich darauf, mit der Europäischen Kommission und den Mitgliedern der SEMI den EU Chips Act zu unterstützen und das Ecosystem der europäischen Halbleiterindustrie zu stärken.«

IMEC: »Neue IC-Generationen werden auf den Weg gebracht.«

Luc Van den hove, President und CEO des imec, der auch Chairman des Semi Europe Advisory Board ist, macht vor allem darauf aufmerksam, dass der Chips Act den Weg öffnen, um in Europa die nächsten IC-Generationen entwickeln zu können, die in autonomen Autos, im Augmented- und Virtual-Reality-Umfeld, in der 6G-Komunikation, in intelligenten Robotern, in der medizinischen Diagnostik und der personalisierten Therapie von Krankheiten zum Einsatz kommen werden. Das werde der europäischen Industrie insgesamt Schub geben und insbesondere die »Deep-Tech-Start-up-Szene« beflügeln.  

Quantencomputing-Start-up freut sich

Ein solcher Start-up auf dem Gebiet des Quantencomputing ist die deutsch-australische Quantum Brilliance mit Europazentrale in Stuttgart. Das Unternehmen entwickelt diamantbasierte Quantenprozessoren, die sich kompakt aufbauen lassen und bei Raumtemperatur arbeiten. »Das Vorhaben der EU bringt die europäische Quantentechnologie-Industrie weiter in Stellung. Europa und speziell Deutschland hat alle Voraussetzungen für die weltweite Spitzenposition im Quantencomputing – von F&E bis Produktion. In Zukunft kann Quantencomputing den Stellenwert einnehmen, den heute die Automobilindustrie hat«, sagt Dr. Mark Mattingley-Scott, Europachef von Quantum Brilliance.

Die Bundesrepublik fördert bereits ein von Quantum Brilliance geleitetes Forschungsprojekt zur Herstellung von Quantenmikroprozessoren auf Diamantbasis mit rund 20 Mio. Euro.

 


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