Embedded Systeme und Verteidigung

Ohne Obsoleszenzmanagement kein Militärgeschäft

10. Februar 2026, 7:05 Uhr | Heinz Arnold
Stefanie Kölbl, Director TQ Embedded und Head of Obsolescence Management & Component Engineering von TQ Systems: »In meinem Vortrag auf der Enforce Tac zum Obsoleszenzmanagement im Sicherheits- und Verteidigungssektor möchte ich vor allem zeigen, wie sich dieses mit relativ geringem Aufwand in die Organisation eines Unternehmens integrieren lässt. Das ist wichtig, denn wer im militärischen Sektor erfolgreich sein will, kommt um das OM nicht herum.«
© TQ-Systems

Warum professionelles Obsoleszenzmanagement im Sicherheits- und Verteidigungssektor zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird und wie auch kleine Firmen ohne großen Aufwand einsteigen können, erklärt Stefanie Kölbl in ihrem Vortrag auf der Enforce Tac Conference in Nürnberg.

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Die »Enforce Tac Conference«

Die neue »Enforce Tac Conference« am 23.2.2026 bietet die ideale Plattform für den Austausch zwischen der Verteidigungsindustrie, den zahlreichen Zulieferern, der Elektronikbranche sowie der Forschung zum Einsatz von Elektronik für die Lösung der Herausforderungen in Anwendungen der Verteidigungs- und Schutztechnologien von heute und morgen.  

Die zulassungsbeschränkte »Enforce Tac Conference« findet im Rahmen der Leitmesse Enforce Tac unter dem Motto Vernetzte Sicherheit« vom 23. bis 25. Februar in Nürnberg statt. Sie bietet ein geschütztes Umfeld für den Austausch über innovative Lösungen und gemeinsame Verantwortung für Europas Sicherheit. Mit über 1.000 internationalen Ausstellern auf über 60.000 Quadratmetern in sieben Hallen ist die deutsche Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung Europas zentrale Plattform für sicherheitsrelevante Technologien und strategischen Dialog. 

 


Markt&Technik: Sie werden auf der Enforce Tac Conference in Nürnberg einen Vortrag zum Thema »Wie Obsoleszenzmanagement die Zukunft der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sichert« halten. Die derzeitige Situation – vor allem die rasant steigenden Speicherpreise – dürften den Stellenwert des Obsoleszenzmanagement kurz OM – erneut unterstreichen, und zeigen, dass dem OM nicht nur insgesamt, sondern gerade im militärischen Sektor eine hohe Bedeutung zukommt. 

Stefanie Kölbl, Director TQ Embedded und Head of Obsolescence Management & Component Engineering von TQ Systems: Deshalb möchte ich eingangs kurz einige Worte zur allgemeinen Situation sagen. Nach den schwierigen Corona-Zeit hatte sich die Lage 2024 bis zum dritten Quartal 2025 entspannt, dann zogen insbesondere die Speicherpreise an – und zwar nicht nur ein wenig: Um 300 Prozent sind die Preise für DDR3-DRAMs gegenüber dem vierten Quartal 2025 in die Höhe gesprungen! Unerfreuliches gibt es auch bei Prozessoren: Intel hat Lieferfristen von bis zu 50 Wochen für die neuen Atom-Prozessoren angekündigt. Auch Broadliner und Hersteller analoger ICs erhöhen jetzt die Preise teilweise deutlich. Ich fürchte, der richtig harte Teil wird noch kommen – nach dem Ende von Chinese New Year. Dieses Jahr wird nicht langweilig!

Ein typisches Szenario dafür, um mitzuerleben, wie die Unternehmen, die ein funktionierendes OM eingerichtet haben, jetzt davon profitieren können?

Das stimmt. Es kommt bereits vor, dass Bestellungen für mehr als ein ganzes Jahr nicht mehr akzeptiert werden. Das wirkt sich für uns als Hersteller von Embedded Systemen genauso aus, als ob eine Abkündigung vorläge und hier greift das OM. Je früher sich ein Unternehmen über die Situation bewusst wird, umso besser. Dann muss es nicht reaktiv handeln, sondern es agiert proaktiv: Rechtzeitig die Stückkosten bewerten und nach alternativen Bauelementen suchen. Dann ist man nicht an einen bestimmten Typ als Ersatz gebunden, wenn eine Komponente gerade nicht zur Verfügung steht, und kann aus dem Angebot der Broker freier auswählen. 

Arbeiten Embedded-System-Hersteller bei der Beschaffung von Komponenten, die in Baugruppen für den militärischen Bereich zum Einsatz kommen, mit Brokern zusammen?

Um die Broker kommt niemand herum – auch nicht, wenn es um Produkte für den militärischen Sektor geht. Deshalb wählen wir die Broker, mit denen wir zusammenarbeiten, sehr sorgfältig aus und prüfen die jeweiligen Unternehmen genau: Wie sieht die Lagerhaltung aus? Sind die entsprechend ausgebildeten Fachkräfte in den deutschen Niederlassungen vorhanden, die sich um die Qualitätssicherung kümmern? ISO 9001 ist der Mindeststandard. Welche Zertifizierungen sind drüber hinaus vorhanden? Je mehr Zertifizierungen ein Broker hat, beispielsweise für Luft- und Raumfahrt, umso besser. Zudem arbeitet jeder gute Broker heute mit unabhängigen Testhäusern und führt Eingangstests selbst durch. Wir testen dann nochmal. Wir schließen Haftungsverträge mit ihnen und wir achten darauf, dass die Broker regelmäßig auditiert werden. 

Werden Sie in Ihrem Vortrag auf der Enforce Tac auch darauf eingehen, wie Hersteller, die bisher noch nicht im Militärmarkt aktiv waren, das OM nutzen können, um die speziellen Anforderungen von Militärkunden zu erfüllen? 

Ja, ich werde darauf eingehen, wie Unternehmen das OM nachhaltig in ihre Organisation einbinden und umsetzen können. Ich werde auch Beispiele geben, wie der Entwicklungsprozess entsprechend des OM ablaufen wird. Vor allem möchte ich zeigen, dass dies mit relativ geringem Aufwand möglich ist. Das ist wichtig, denn wer im militärischen Sektor erfolgreich sein will, kommt um ein OM nicht herum. 

Dafür lockt immerhin ein wachstumsträchtiger Markt, die Mühe wird sich also lohnen? 

Ja, aus mehreren Gründen. Erstens will Europa unabhängiger werden, der Standort spielt also wieder eine wichtige Rolle und gerade die Qualität, die aus Deutschland kommt, ist in diesem Umfeld gefragt. »Made in Germany« zählt wieder etwas und wird im Militärsektor zu einem Vergabekriterium. Interessant ist auch, dass es in Deutschland und gerade auch im Raum Bayern viele relativ kleine Unternehmen gibt, die Mitarbeiter im niedrigen zweistelligen Bereich beschäftigen, und sich schon seit langem auf den Militärsektor spezialisiert haben. Es sind also bei weitem nicht nur die großen Hersteller mit bekannten Namen, die Rüstungsgüter wie Drohnen und Kommunikationssysteme an militärische Kunden liefern. Das ist eine Chance für die Hersteller von Embedded Systemen, um den derzeitigen Rückgang in Sektoren wie Automobil und Industrie zu kompensieren. 

Die aktuelle Situation ist schon für die Fertigung von Embedded Systemen für den zivilen Markt nicht einfach – was sind die besonderen Herausforderungen, die sich jetzt im militärischen Markt stellen?

Häufig bieten die Komponenten-Hersteller kurzfristig Zuteilungen an, die innerhalb von 24 Stunden abgerufen werden müssen – danach ist die Gelegenheit weg und man muss wieder auf die nächste Zuteilung warten. Im militärischen Sektor dauert der Entscheidungsprozess leider sehr lang: er geht über mehrere Hierarchieebenen hinweg – da reichen 24 Stunden oft nicht. Hier besteht noch Handlungsbedarf, denn im Halbleitermarkt kommt es auf Geschwindigkeit an. 

Welche Zertifizierungen sind erforderlich, um überhaupt in diesem Markt antreten zu können?

Ganz wesentlich ist die ISO 27001, um die Anforderungen an Cybersicherheit, Datensicherheit, Security und Safety erfüllen zu können. Daneben gibt es noch viele weiter kleine Bausteine.

Kann ein Unternehmen, das keine Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt hat, einfach so entscheiden, ab morgen auch Produkte für den militärischen Markt anzubieten? 

Nein, als Neuling dort hineinzukommen, ist schwierig. Es dauert auf jeden Fall seine Zeit. Wir entwickeln und fertigen schon seit Jahrzehnten Embedded Systeme für den Einsatz in der Militärtechnik. Vor zwei Jahren haben wir entscheiden, uns nach ISO 27001 zertifizieren zu lassen. Die Prozesse dafür müssen über Jahre eingeführt werden, das geht nicht von heute auf morgen. Bis wir alle Hardware- und Software-Anforderungen erfüllen konnten, gingen eben zwei Jahre ins Land. Parallel dazu müssen auch die Mitarbeiter geschult werden, denn ohne die Mitarbeiter, die die Prozesse leben, nützen sie nichts. Da befindet sich TQ aber in einer guten Position, denn wir haben immer schon in Hinblick auf höchste Qualität und lange Lebensdauer gefertigt und leben die Prozesse schon seit Jahrzehnten. 

Kommen wir zurück zum OM. Auch bei sorgfältiger Planung kann es vorkommen, dass einmal eine Komponente unvermutet abgekündigt wird. Was dann?

Das ist ebenfalls eine Besonderheit im Militär-Markt: Es gibt keine Rezertifizierungen für die Baugruppen: Ist das System einmal ausgelegt, so ist das Design mit allen ursprünglichen Komponenten über Jahrzehnte hinweg »eingefroren« und darf nicht mehr geändert werden. 

Eine der wichtigsten Forderungen aus dem militärischen Markt ist also, dass die Komponenten über einen sehr langen Zeitraum zur Verfügung stehen müssen?
 
Ja, und zwar über einen wirklich sehr langen Zeitraum – weit länger als die 10 bis 15 Jahre, die etwa im Automobilsektor gefordert werden: Für die Embedded Systeme, die in militärischen Geräten zum Einsatz kommen, muss für eine Verfügbarkeit von 30 bis 50 Jahren gesorgt sein. Das funktioniert nicht ohne sorgfältige interne Planung von Anbeginn der Entwicklung. Man muss sich sehr genau überlegen, welche Komponentenhersteller man ins Boot holt. Das entspricht im Übrigen weitgehend dem, was man im Rahmen des OM ohnehin tun sollte.  

Es ist ja schon nicht einfach, die Verfügbarkeit über 15 Jahre sicher zu stellen – wie kann es für bis zu 50 Jahren funktionieren?

Das ist nur mit Langzeitlagerung zu machen. Wir haben deshalb zwei Langzeitlager an verschiedenen Orten eingerichtet, in denen die Komponenten in Stickstoffatmosphäre vor Korrosionsprozesse geschützt sind. Wie genau sie außerdem behandelt werden müssen, kommt auf die jeweiligen Komponenten an. Elkos müssen nach bestimmten Zeitintervallen bestromt werden. Es muss untersucht werden, ob die verwendeten Gehäuse ausgasen und welche Gegenmaßnahmen zu treffen sind. Bei den Chips kommt es unter anderem auf die Art der Pins an und darauf, ob sie programmiert sind. Ist das der Fall, müssen regelmäßig Funktionstest durchgeführt werden. 

Es gibt Unternehmen, die sich auf Langzeitlagerung spezialisiert haben und davon ausgehen, dass noch weit umfangreichere Maßnahmen getroffen werden müssten, als die Komponenten in Stickstoffatmosphäre zu lagern, damit sie langfristig gelötet werden und ihre vollen Funktionsumfang behalten können?

Wie die Kunden die Langzeitlagerung im Einzelnen durchführen wollen, ist ihre Entscheidung und dürfte von vielen Faktoren abhängen. Wir haben jedenfalls mit der Einlagerung in Stickstoff über 15 Jahre sehr gute Erfahrungen gesammelt. 

Gibt es ein konkretes Beispiel? 

TQ gibt es seit 32 Jahren. Vor 27 Jahren haben wir ein Kommunikationssystem für den militärischen Bereich erstmals geliefert. Die Komponenten dafür haben wir in Stickstoff eingelagert. Vor kurzem haben wir das System in einer identischen Version mit diesen Komponenten nachgefertigt. Das nachgebaute System funktionierte ohne Probleme. 

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation im Embedded-Systeme-Umfeld derzeit ein?

Insgesamt entwickelt sich der Markt seit Mitte 2025 positiv. In einigen Bereichen werden Projekte, die seit Corona auf Eis lagen, jetzt wieder aufgenommen. Zwar schwächeln Automotive-, Energie-Management und das Baugewerbe immer noch, dafür ziehen andere an, wie der gerade besprochene Militärsektor, aber auch die Luft- und Raumfahrt. Unter dem Strich rechne ich für 2026 wieder mit Wachstum. 


 

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