Supply-Chain-Probleme

»Wir müssen uns alle neu erfinden«

9. August 2022, 12:30 Uhr | Karin Zühlke

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

"Innovation ist im Geschäftsmodell integriert"

Spüren auch Online-Distributoren den Innovationsdruck? Digi-Key und Mouser haben als NPI-Distributoren sowieso die Nase vorne, wenn der Hersteller neue Produkte über den Distributionskanal ins Feld bringen will. Insofern sei Innovation bereits im Geschäftsmodell integriert, sagt Marie-Pierre Ducharme, Vice President Supplier Marketing und Business Development EMEA von Mouser. »Daher machen wir weiter wie bisher: Wir arbeiten intensiv mit Design-Ingenieuren und Startups zusammen. Sie sind schließlich als erste an neuen Projekten dran.« Natürlich werden aber auch bei Mouser in den firmeneigenen Prozessen wie etwa im Lager weitere Schritte automatisiert und digitalisiert.

Mangler Andreas
Andreas Mangler, Rutronik: »Wir müssen uns alle neu erfinden.«
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Hermann Reiter berichtet, dass Digi-Key durchaus disruptiv vorgegangen ist, die eigenen Geschäftsprozesse gründlich unter die Lupe genommen hat, sich dabei auch ein Stück weit neu erfunden hat. Man setze nun noch mehr auf Digitalisierung, und zwar, so Reiter: »Top Down getrieben von unserem CEO & President. Wir wollen ‚Easy to do Business with’ sein. Wir alle werden sehen müssen, dass wir über die Digitalisierung unseren Platz finden; ich glaube aber, da sind wir sehr gut gerüstet. Außerdem haben wir die Elektronik-Distribution mithilfe unseres Marktplatzes noch breiter aufgestellt. Dort haben wir bereits 1000 Hersteller integriert. Ein Großteil der Ergänzungen kommen aus der Industrieautomation, weil wir davon überzeugt sind, dass die Elektronik-Komponenten und die Industrieautomation verschmelzen im Sinne des IoT. Der Halbleiter-Bereich ist natürlich das sprichwörtliche Brot- und Butter-Geschäft, und das wird auch weiterhin wichtig für uns bleiben.«

Eichhorn Marc
Marc Eichhorn, Avnet Abacus: »Wir wissen, dass es nicht nur um eine Logistiklösung für Einzelkomponenten geht, sondern wir unser Know-how über modulare Lösungen einbringen bzw. als Systempartner bieten müssen, weil Entwicklungsressourcen beim Kunden begrenzt sind.«
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Die Bedeutung der Online-Distribution als wichtiges Innovations-Tor zum Markt unterstreicht auch Dietmar Jäger, Leiter der TDK Global Distributor Division: »Wir haben im letzten Jahr fast jede Woche als NPI eine neue Produktserie an unsere Online-Distributoren ausgeliefert. Dieser Channel ist für uns sehr wichtig, denn der Entwicklungsingenieur sucht bevorzugt bei unseren Online-Distributoren nach neuen Produkten.« Daran, dem Entwickler die Suche so einfach wie möglich zu machen, habe TDK nach den Worten von Jäger in den letzten Jahren intensiv gearbeitet: »Wir sind direkt an die Webseiten unserer NPI-Distributoren mit unseren Produktseiten angebunden, um eine saubere Datenführung zu gewährleisten.«

Jäger Dietmar
Dietmar Jäger, TDK: »Wir haben im letzten Jahr fast jede Woche als NPI eine neue Produktserie an unsere Online-Distributoren ausgeliefert. Dieser Channel ist für uns sehr wichtig, denn der Entwicklungsingenieur sucht bevorzugt bei unseren Online-Distributoren nach neuen Produkten.«
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Karsten Bier sieht die Distribution insgesamt dennoch vor einer sehr großen Herausforderung, zumal die Verbindung zwischen Kunde und Hersteller dieser Tage viel enger werde als jemals zuvor. Den Grund dafür sieht Bier im Mangel an Entwickler-Ressourcen. Der Kunde wolle immer mehr aus einer Hand. »Wir machen daher inzwischen nicht mehr nur die Stromversorgungskomponente, sondern die komplette Lösung, und haben dazu Unternehmen.« Nach den Worten von Bier müsse der Distributor unbedingt die neue Entwicklergeneration »abholen«. »Und da reicht es nicht, eine parametrische Suche auf der Webseite zu integrieren«, so Bier.

Von Biers Ausführungen dürfte sich vor allem die Volumen-Distribution angesprochen fühlen, aber Marc Eichhorn, Product Marketing Manager Batteries von Avnet Abacus, kontert und unterstreicht, dass auch der Volumendistributor sich seiner Innovationsfunktion über den Tellerrand des einzelnen Herstellers hinaus bewusst sei: »Wir wissen, dass es nicht nur um eine Logistiklösung für Einzelkomponenten geht, sondern wir unser Know-how über modulare Lösungen einbringen bzw. als Systempartner bieten müssen, weil Entwicklungsressourcen beim Kunden begrenzt sind.« Dabei geht es auch darum, dass die Hardware nicht mehr in jedem Fall den großen Unterschied macht, sondern, so Eichhorn, »viel Innovation in der Software stattfindet. Wir sehen unsere Aufgabe darin, verschiedene Hersteller und Technologien zusammenzubringen und mit einem Systemansatz an den Kunden zu gehen.«

Ellermeier Carsten
Carsten Ellermeier, Prettl Electronics: »Es ist offensichtlich, dass durch diese Knappheit enorm viel Druck auf dem Kessel ist, Innovation voranzutreiben.«
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Hermann Püthe indes sieht auch bei der viel gelobten Online-Distribution noch Verbesserungsbedarf: »Ich erwarte mir von der Distribution mehr als ein Datenblatt, und zwar Informationen zu den Stoffzusammensetzungen, der Laufzeit des Produktes und der voraussichtlichen Abkündigung. Das muss man sich momentan noch mühsam auf anderen Plattformen zusammensuchen.«

Das Stichwort Plattformen liefert an dieser Stelle noch weiteren – kontroversen – Diskussionsstoff: Die Teilnehmer der Runde gehen davon aus, dass Plattformen und Aggregators, die Informationen zusammenführen, künftig eine große Rolle spielen werden. So gibt es beispielsweise bereits eine Plattform, die Entwicklungspläne zur Verfügung stellt; dabei handelt es sich laut Karsten Bier um eine 90-prozentige Lösung mit 3D-Plänen, die aus einem Sammelsurium an Daten kreiert wird. Bier sieht es dabei als großen Vorteil an, wenn man bestehendes Know-how nutzen kann, dann braucht man weniger Ressourcen, um alles selber zu entwickeln.

Timmermann ulf
Ulf Timmermann, Reichelt: »Bereits seit 2019 haben wir den Eindruck, dass der Bedarf an Automatisierungs-Tools steigt.«
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Auch von Avnet gibt es laut Eichhorn eine Plattform, wo Referenzdesigns kreiert und zur Verfügung gestellt werden. Und da bei den erwähnten Plattformen nicht Gesamtlösungen offengelegt werden, sei damit auch kein IP verletzt, sondern es wird vielmehr der Community-Gedanke verfolgt.

Carsten Ellermeier ist hingegen wenig erfreut von derartigen Plattformen und stellt klar, dass aus seinem Haus nicht der geringste Bestandteil an Innovation in irgendwelche Info-Kanäle gefüttert würde. »Darüber hinaus bin ich froh, dass unsere Distribution diese Innovation ebenfalls schützt«, betont Ellermeier.

Dennoch ist sich ein Teil der Runde einig, dass nicht zuletzt aufgrund von limitierten Ressourcen derartige Plattformen, die Know-how aggregieren, künftig eine immer größere Rolle spielen werden. 


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